Serienquote & Agentenuntertitel

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. März

Das stochastisch erfasste Fernsehpublikum ist schon ein komischer Haufen. Während die opulent produzierte, aber vielfach schematische Historisierung der Charité zum Auftakt am Dienstag mit 8,32 Millionen Zuschauern die meistgesehene ARD-Serie seit 25 Jahren war, blieb der glaubhaft kreativ um Eigenart bemühte Kommissar Pascha zwei Tage später auch im zweiten Teil unter jenen Erwartungen, die das Ammenmärchen Lena Lorenz parallel im ZDF millionenfach übertraf. Kein Wunder, dass dieses seifige Niveau basischer Stromlinienunterhaltung nur mit ätzender Säure zu kontern war – wofür am Mittwoch leider die Rückkehr des Terrors in Europa sorgte.

Nach der Attacke von London lieferte der erste ARD-Brennpunkt seit zwei Monaten, als Martin Schulz Sigmar Gabriel ersetzte, erneut den Beleg, dass politische relevante Information noch immer zur öffentlich-rechtlichen Kernkompetenz zählt. Für die  sorgen schließlich herausragende Journalist(inn)en wie Dunja Hayali. Ihr durchgedrücktes Rückgrat im beständig kochenden Echoraum des Internet ist schließlich mit dafür zuständig, dass Facebook erstmals Werbeverluste im Umfeld von Hass-Botschaften beklagt (was den Medienkonzern weit mehr von seiner Verantwortung fürs Ganze überzeugt als jeder Appell dahergelaufener Justizminister).

Nun aber hat Hayalis Hang, stets dorthin zu gehen, wo‘s wehtut, der falschen Seite gut getan. Ihr Interview mit der Jungen Freiheit sollte wohl zeigen, wie wichtig Dialog mit allen ist. Er verhalf der pseudointellektuellen Rechtspostille jedoch nur zu einer Aufmerksamkeit, die man ihrem Blut-und-Boden-Furor von demokratischer Seite besser vorenthalten sollte. Merke: Nicht jeder Diskurs ist ein guter Diskurs. Dafür ist jedes Original, pardon für den plumpen Übergang, ein gutes Original – zumindest, wenn es um Film und Fernsehen geht. Da hierzulande jedes fremdsprachige Format seit jeher zwanghaft ins Deutsche übersetzt wird, muss man nämlich jede Urfassung gleich welcher Sprache selbst dann bedingungslos feiern, wenn sie inhaltlich bloß besserer Durchschnitt ist.

Die Frischwoche

27. März – 2. April

Das gilt auch für The Company – einen deutsch-britischen Dreiteiler um drei Freunde, die den Kalten Krieg beiderseits des Eisernen Vorhangs für CIA oder KGB ausfechten, bis die Mauer fällt. Das ist durch annähernd fünf Jahrzehnte hindurch spannend inszeniert und trotz der aufdringlichen Musik unterhaltsam. Was den Spionage-Thriller von 2007 kennzeichnet, ist allerdings etwas anderes: die ARD zeigt ihn ab Freitag um 21 Uhr auf ihrem Bildungskanal Alpha im englischen Original mit deutschen Untertiteln, die per Videotext abrufbar sind.

Verglichen mit der übersetzten Fassung vor fünf Jahren bei Sat1 ist das ein Quantensprung, der endlich Schule machen sollte – technisch wäre es ebenso wie lizenzrechtlich kein Problem, entspräche moderner Sehgewohnheit und ist schlichtweg erträglicher. Selbst die Nebendarstellerin Alexandra Maria Lara klang als balletttanzende Agentenbraut in eigener Synchronisation wie ein Werbejingle für Waschmittel, von ihrem Lover Chris O’Donnell oder Michael Keaton als real existierender Spionagechef James Angleton ganz zu schweigen. Nicht ganz so real existierend, aber in seiner Ausgestaltung umso authentischer ist der andere Spion dieser Woche: Tom Schilling als Romeo-Agent, der sich 1974 im DDR-Auftrag an eine CIA-Kollegin in Ost-Berlin ranmacht, um den Kalten Krieg für sein Land zu entscheiden. Das ZDF zeigt Oliver Hirschbiegels Der gleiche Himmel von Montag bis Mittwoch und jeder Abend ist so gelungen, dass die Fortsetzung auch dank des Cliffhangers wohl nur Formsache ist.

Weil offenbar die Tage des Rückblicks angebrochen sind, startet am Dienstag die zweite Runde vom ZDF-Historytainment Das Jahrhunderthaus, in dem Michael Kessler nach der Liebe und dem Leben nun die Arbeit und den Urlaub der vergangenen 100 Jahre in Deutschland humorvoll nachstellt. Die problematische Gegenwart ist indes parallel dazu Thema eines ganzen Abends auf Arte, wo es ab 20.15 Uhr um Europa, Putin und die Populisten des Kontinents geht. Bedeutsamkeit deluxe, die Sat1 tags drauf bloß inszeniert, wenn es im „Extrem-Experiment“ Nacktes Überleben sechs Kandidaten unbekleidet in eine WG steckt. Wenn sie darin sechs Wochen lang erfahren sollen, was ihnen im Leben Materielles wichtig ist, geht es gewiss um soziokulturellen Mehrwert…

War noch was? Während das Erste die vielversprechende weil sperrige Bloch-Nachfolgerin Bibiana Beglau als Psychotherapeutin Über Barbarossaplatz mangels Stromlinienförmigkeit am Dienstag von der verdienten Primetime auf 22.45 Uhr verbannt, geht die Mysteryserie Zimmer 108 Donnerstag auf Arte zur besten Sendezeit ins Finale. Und am selben Abend startet nach Böhmermanns Neo Magazin Royale die Sketch-Comedy neo Maniacs, in der sich Youtuber Lars Fricke selber spielt, vor allem aber: vermarktet, bevor Samstag um 13 Uhr Kerners Köche auf den Mutterkanal zurückkehrt.

Besser kann der Übergang zu den Wiederholungen der Woche kaum sein: Aus der Schwarzweißära in Farbe: Cocktail für eine Leiche, Hitchcocks ungeschnittener Evergreen von 1948 (Freitag, 23.35 Uhr, BR). Mittwoch um 22.35 Uhr zeigt Kabel1 das Meisterwerk von Hitchcocks Erben, den Coen-Brüdern: No Country for Old Men von 2007 mit Javier Bardem als Inbegriff des stoischen Killers. Und die Tatort-Retorte: Wegwerfmädchen (Mittwoch, 22 Uhr, SWR; 2. Teil nächster Mittwoch) mit Charlotte Lindholm auf der Jagd nach Menschen, für die Menschen wirklich nur Material sind.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s