Tom Schilling: Romeo-Agent & Stil-Ikone

Ich bin manchmal anstrengend

Tom Schilling ist der Star des realistischen Kunstfilms – das hat er mit dem Kriegsepos Unsere Mütter, unsere Väter ebenso gezeigt wie im Großstadtgedicht Oh Boy. Um sein Portfolio zu erweitern, spielt der Ostberliner im ZDF-Dreiteiler Der gleiche Himmel seit Montag einen Romeo-Agenten der Stasi. Ein Gespräch über Anbaggern als Sport, Großfamilienfreizeit und warum er als Perfektionist Bauchmensch sein kann.

Interview: Jan Freitag

Herr Schilling, kannten Sie vor dieser Geschichte den Begriff „Romeo-Agent“?

Tom Schilling: Ja, ich habe vor langer, langer Zeit eine Fernsehdokumentation über die Stasi gesehen, in der es auch darum ging. Und im Spiegel stand mal das Porträt von solch einem Agenten, der sich allerdings wirklich in sein Zielobjekt verliebt und sie sogar geheiratet hat.

Wie haben Sie sich auf Ihren Romeo-Agenten vorbereitet – im Praxistest? 

Wenn man glaubhaft einen Soldaten spielen will, sollte man besser mal ein echtes Gewehr abgefeuert haben, um den Rückstoß und die Zerstörungskraft zu spüren, also nicht mit Platzpatronen… Aus dem gleichen Grund habe ich mich mit Ratgebern und Youtube-Tutorials sogenannter Pick-Up-Artists beschäftigt. Eine sehr armselige Bewegung, die das Erobern von Frauen durch gezielte Manipulation zum Sport erklärt hat. Ich habe dabei so viel gelernt, dass ich vermutlich jede kriegen würde.

Ernsthaft jetzt?

Natürlich nicht! Aber wenn man auf der Straße einer Frau in die Augen sieht und ihrem Blick standhält, bis sie ihn senkt, dann merkt man im zweiten Blick eine unglaubliche Veränderung im Gesicht. Habe ich gemacht, ist echt beeindruckend.

Und bringt es tatsächlich etwas, wenn man wie im Film gezeigt, das linke Auge fixiert, weil es die rechte, für Liebe zuständige Gehirnhälfte aktiviert?

Hier überhöht der Film vermutlich. Es geht nicht um das richtige Auge, sondern die richtige Intensität des Blickes, die vom festen Willen zeugt. Es gibt da einen großen Unterschied zwischen Starren und Fixieren.

Und testen Ihr neugewonnenes Wissen öfter mal in der Realität?

Nee. Ich bin viel zu sensibel, um so mit den Gefühlen anderer Menschen zu spielen. Diese Art von Manipulation ist mir völlig fremd.

Steckt dennoch etwas von Ihnen persönlich in dieser Rolle, wie man es zum Beispiel bei der in Oh Boy vermutet?

Eine Figur wie Oh Boy ist mir natürlich näher, weil sie in meiner Zeit und meinem Umfeld lebt; in ihr steckt aber viel mehr Autobiographisches vom Regisseur Jan-Ole Gerster als von mir. Trotzdem versuche ich jeden Film zu einer persönlichen Angelegenheit zu machen, sonst kann ich keine Wahrhaftigkeit erreichen. Deshalb spiele ich keine Figur bloß, ich bin diese Figur. Hätte ich das Gefühl, zu lügen, würde ich nicht funktionieren und damit auch die Szene nicht. Ich suche daher an jeder Figur Dinge, die mit mir zu tun haben.

Hier zum Beispiel?

Dass er wie ich ein totaler Perfektionist ist.

Worin äußert sich das?

In der Strenge gegenüber mir, meinen Kollegen und den Büchern, mit denen wir arbeiten. Ich bin sehr genau und dadurch manchmal vielleicht auch ein wenig anstrengend.

Haben Sie was von der alten Seele, die Ihnen in Der gleiche Himmel nachgesagt wird?

Was wäre denn eine junge Seele?

Spontaner, poppiger, Typ Springinsfeld, also anders als der charmante Nostalgiker mit den feinen Manieren im Film.

Na ja, trotz meines Perfektionismus bin ich ein totaler Bauchmensch, aber wenn das Gegenteil von alter Seele mit Oberflächlichkeit assoziiert wird, bin ich keine junge. Auch ich lese gerne Klassiker, aber ja nicht, weil sie alt, sondern gut. Damals wie heute waren 90 Prozent der Bücher Schrott. Zehn Prozent überleben ihre Zeit. Beschränkt man sich nicht nur auf Zeitgenössisches, ist die Auswahl natürlich viel größer. Mit Nostalgie hat das nichts zu tun.

Auch nicht, was Ihren Hang zu Anzug und Krawatte betrifft?

Was Sie nostalgisch nennen, nenne ich zeitlos. Deshalb denke ich bei Bildern von mir, die zehn Jahre und älter sind, auch nie – Gott, wie siehst du denn aus? Wer jeden Quatsch mitmacht, an dem bleibt auch viel Quatsch kleben. Wenn es kritische Distanz zum sogenannten Zeitgeist ist, die eine alte Seele ausmacht, dann bin ich wohl eine.

Kann man eigentlich sagen, dass Sie fast Ihr gesamtes Leben Schauspieler sind?

Ich habe jedenfalls schon mit sechs in der DDR meinen ersten Film gemacht, mit zwölf am Berliner Ensemble mit dem Theater begonnen, parallel mit 16 wieder gedreht und nach dem Abitur festgestellt, dass ich wahrscheinlich längst Schauspieler bin.

Was für einen Blick hat man auf diesen Beruf, wenn man ihn von Kindesbeinen an ausübt – abgebrüht, familiär, distanziert?

Hmm… Es macht allenfalls bewusst, wie schwer es ist, das Niveau zu halten, wenn man bei jedem Film den Anspruch hat, etwas Besonderes, Bleibendes zu schaffen. Deshalb mache ich selten Kompromisse und habe immer versucht, meine Biografie so sauber und gut wie möglich zu halten.

Mehr als zwei, drei Filme pro Jahr kommen da selten zusammen.

Genau.

Womit füllen Sie den Rest ihrer Zeit?

Mit drei Kindern, meiner Band und gelegentlich einem Hörspiel habe ich keinen Rest zu füllen. Zumal ich fast nur Hauptrollen spiele, was bei fast jedem Film sehr viel Vor- und Nachbereitung erfordert. Da ist also kaum Zeit übrig, weshalb ich auch viele Angebote ablehne.

Warum nicht das hier?

Das war eine strategische Entscheidung fürs Genre. Ich will mich nicht wiederholen! Nachdem dem sehr künstlerischen Oh Boy, wollte ich das totale Gegenteil und habe den Mainstream-Hacker-Film Who Am I? mit Elyas M’Barek gemacht, der eher im Multiplex- als im Arthaus-Kino läuft. Danach wollte ich gern eine Serie mit großer Reichweite drehen.

Ist Der gleiche Himmel nicht ein Dreiteiler?

Sie war ursprünglich als klassische 45-Minuten-Episoden-Serie konzipiert. Dem ZDF fehlt aber offenbar der Sendeplatz. Einen riesigen Cliffhanger hat sie natürlich trotzdem.

Würden Sie denn weitermachen?

(lächelt süffisant) Mal schauen…

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