Arte: Wir sind alle Millionäre

Soziale Kälte, warm verpackt

Die britische Miniserie Wir sind alle Millionäre (Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte) vereint am Donnerstag auf Arte alles, was es hierzulande meist nur getrennt gibt: Politik, Humor, Relevanz, Drama, Leichtigkeit, Gewalt, Humanismus und Liebe.

Von Jan Freitag

Gentrifizierung ist ein Phantom. Sie steht nicht leibhaftig vorm Haus, stellt sich kurz vor und spricht dann Klartext. Nein, der profitgesteuerte Strukturwandel von Mammons Gnaden spukt durchs pittoreske Wohnviertel der englischen Hauptstadt wie ein Dieb oder schlimmer noch: ein böser Geist – gewissenlos, unsichtbar, ohne Erbarmen. So scheint es zumindest in der britischen Miniserie Wir sind alle Millionäre. Im Schutze der Nacht grast dieser gierige Bereicherungsdämon der modernen Klassengesellschaft die real existierende Londoner Pepys Road nach steinernem Frischfleisch ab und traktiert die fiktiven Ureinwohner des Arbeiterviertels besserer Tage mit einer Drohung auf Papier, DVD, dem Asphalt: „We want what you have“, steht darauf geschrieben. „Wie wollen, was ihr habt“. Und rasch wird deutlich: Es geht hier ums Ganze.

Ein Stück Heimat so grundverschiedener Menschen nämlich wie dem Finanzjongleur Roger oder der Malocherwitwe Petunia, dem polnischen Handwerker Bogdan oder der übereifrigen Politesse Quentina, dazu einer pakistanischen Kleinhändlersippe vom Eck und überhaupt allen, die das pittoreske Altbauquartier am Südufer der Themse ihr „Zuhause“ nennen. Zum Teil seit Ewigkeiten, jedenfalls jetzt und hier. Man nennt das heutzutage Lebensmittelpunkt, Betonung auf den ersten zwei Silben. Im Jahr 2017 allerdings, die nächste große Immobilienblase vor Augen, rattert eine Registrierkasse im Bildschirmeck regelmäßig den steigenden Preis der einst eher unattraktiven Wohngegend ab.

September: 2.750.000 Pfund. Dezember: 2.805.000 Pfund. Juni: 2.895.000 Pfund. Ende nach oben hin offen. Es sind die rasant steigenden Zahlencodes einer entfesselten Lebensmittelpunktvernichtungspolitik, die den Grund- und Bodenbesitz längst zum reinen Spekulationsobjekt machen und Spekulation zum Wesenskern der kapitalistischen Turbomarktwirtschaft. Wären wir jetzt am Mittwochabend im Ersten, entstünde aus dieser Konstellation also vermutlich ein wohlmeinendes, aber sperriges Sozialdrama mit viel gesellschaftspolitischer Wucht, aber ohne Humor.

Zum Glück jedoch sind wir bei Arte und der Regisseur heißt nicht, sagen wir: Aelrun Goette, sondern Euros Lyn. Wie zuvor schon in seiner grandiosen Provinzkrimiserie Happy Valley oder der achtteiligen Queer-Comedy Cucumber schafft es der walisische Filmemacher auch hier, die tiefgreifenden Brüche unserer vertrackten Gegenwart durch die Erzählung ihrer humanen Aspekte erlebbar zu machen, ohne in Trübsinn zu verfallen. Vor allem aber: ohne je die Leichtigkeit zu verlieren, den Humor.

In den drei Episoden, die der Kulturkanal Donnerstag zur besten Sendezeit 180 Minuten am Stück zeigt, verarbeitet Lyn zwar nahezu alles, was unser aller Zusammenleben gerade von außen wie innen beeinflusst: Banken-Irrsinn und Boni-Wahnsinn, Flüchtlingskrise und Abschiebepraxis, islamistischer Terror und rassistische Konterrevolution, Hyperindividualismus und Überwachungsfuror, Rückzug ins Private und das World Wide Web, Werteverfall und soziales Networking. All dies stülpt er seinen Filmfiguren allerdings nicht bloß über, sondern lässt sie darin erblühen wie Blumen im Beton.

Die wiederum wären, zurück zu ARZDF, aus hiesiger Produktion vermutlich ziemlich ansehnlich, höchstwahrscheinlich gar sehr attraktiv. In England hingegen darf ein Knautschgesicht wie Tobi Jones, der bei Harry Potter einst den grottenolmigen Hauself Dobby gab, die Hauptrolle des selbstgerechten Bankers Roger spielen, dessen luxuriöser Lebensstil durchs Ausbleiben einer millionenschweren Bonuszahlung ebenso ins Wanken gerät wie die prekäre Existenz der illegalen Einwanderin Quentina. Nach der vielgelesenen Romanvorlage von John Lanchester ist die Sache mit den Drohbriefen am Ende zwar ein wenig komplizierter als das bedrohliche Gentrifizierungsthema anfangs vermuten lässt. Aber so innbrünstig, so glaubhaft, so authentisch und dabei federleicht würde man sich als deutscher Zuschauer auch ein heimisches Sozialdrama öfter mal wünschen.

Das würde dann auch den Zwang zur Synchronfassung vermeiden, die hier abermals bis ins Groteske überbetont, als würde Waschmittel verkauft statt Emotionalität menschlicher Schicksale. Doch selbst in der Übersetzung bleibt Wir sind alle Millionäre ein ungeheuer sehenswertes Stück Sozialkritik mit der Kraft des Menschlichen.

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