Pilocka Krach, Hauschka, Studnitzky

Pilocka Krach

In dem, was sich wenig präzise, aber griffig unterm Label Techno wiederfindet, haben selbst Superstars nur selten ein Gesicht und falls doch, nicht viel mehr. Aus diesem Korsett bricht Pilocka Krach nicht nur dem Namen nach aus; die exzentrische Berlinerin strebt auch visuell nach Höherem, Sehenswerterem, Bemerkbarerem. In jeder Hinsicht. Optisch eine Mischung aus Siebzigerjahre-Glamrock, Achtzigerjahre-Hairmetal und Zehnerjahre-Anythinggoes, fabriziert die Underground-Ikone auf ihrer neuen Platte auch stilistisch einen wilden Mix avantgardistischer Electronica. Fröhlich prasselt abstruser Hippie-Noise da auf technoiden Funk und basslastigen Dubstep, dass die Module nur so vibrieren.

Mehr noch als das ihr Debütalbum Best of vor zwei Jahren streift Sugar Cane & The Lost Amigos dabei scheinbar ziellos durch die Subgenres künstlich erstellter Sounds. Doch fast schon nostalgische Disco- und House-Sequenzen von den Produktionsort Detroit oder Mexiko mischen sich dabei ungemein kreativ mit Trance-Fragmenten, wilden Samplings und überdrehtem Brostep, bis das Durcheinander Struktur atmet und der Druck anziehend wirkt, nicht abstoßend. Ein eklektisches Konzept-Album im Spannungsfeld von analogem Anstrich und digitaler Umsetzung für Fans des bisschen-zu-viel-und-doch-genau-richtig.

Pilocka Krach – Sugar Cane & The Lost Amigos (Greatest Hits International)

Hauschka

Seit jeher daheim im Spannungsfeld von analoger und digitaler Klanggenese, also auch auf der neuen Platte voll und ganz bei sich, ist der experimentelle Pianist Volker Bertelmann alias Hauschka. Als Grenzgänger zwischen moderner Klassik und futuristischem Pop präpariert er Klaviere zu kybernetischen Wesen, die klingen wie orchestrale Großrechner. Mit dieser künstlichen Funktionserweiterung vertont der Fünfzigjährige aus Westfalen längst auch Filme von Weltrang, was ihm erst voriges Jahr eine Oscar-Nominierung für seinen Score zu Lion eingebracht hat. Kein Wunder, dass auch sein 15. Album in 13 Jahren What if  Töne zu Worten formt, wo niemand spricht, und Harmonien zu Bildern, selbst wenn man die Augen schließt.

Hauschkas Geheimnis der unvermeidbaren Ergriffenheit beim Hören besteht dabei in seiner Fähigkeit, die schwelgerische Harmonie rastloser, nie fahriger Partituren unablässig mit elektronischer Dissonanz zu unterwandern und kontrastreich in Einklang zu bringen wie Ying und Yang. Live hat er das gerade wieder eindrucksvoll in Berlin vollführt. Nie wirkt dabei irgendetwas, als käme er je dort an, wo es ihn hintreibt. Jeder Song gleicht einer Suche nach Ruhe, die doch nur Antrieb der nächsten ist. Ein Film wie ein Album.

Hauschka – What if (City Slang)

Studnitzky

Wenn es um die Erzeugung von Bildern übers Ohr geht, ist Jazz meistens ganz weit vorne. Obwohl – Jazz? Was genau ist das noch mal, im eklektischen Jahr 2017, wo musikalisch alles ineinander übergeht und nichts mehr Stringenz beansprucht? Jazz, tja, Jazz ist zumindest schon mal das, wovon Menschen, die Instrumente zwanghaft von Sprache begleitet sehen wollen und falls nicht, allenfalls Computer zur Herstellung dulden, schlichtweg keine Ahnung haben. So wie dieser Blog hier also, ungefähr. Andernfalls: Wie grandios bitte klingt der deutsche Trompeten-Virtuose auch ohne, dass man beim Hören die geringste Ahnung hätte, was es genau mit dem Gehörten so auf sich hat.

Vielleicht hat dies ja damit zu tun, dass sein Solo-Projekt KY organic nach dem preisgekrönten Orchester-Werk MEMENTO zuvor ein paar elektronische Einflüsse im sehr freien Jazz verwebt. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass Studnitzky, wie sich der Mittvierziger aus dem Schwarzwald nur nennt, ein untrügliches Gespür dafür hat, flatterhafte, oft fast fiebrige Bläsersequenzen so in ein rhythmisches Konzept einzuarbeiten, dass die ganze Platte ungeheuer groovy und bigbandig klingt. Mimimal House meets Maximal Jazz. Dafür muss man ihn nicht verstehen. Es reicht, ihm einfach mal genau zuzuhören. Lohnt sich.

Studnitzky – KY organic (Contemplate Music)

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