98 Prozent Trump-Kritik & sechs Thatchers

Die Gebrauchtwoche

22. – 28. Mai

So kann’s kommen: Netflix, dem die exklusive Ausstrahlung von Brad Pitts Kriegssatire War Machine seit Freitag offenbar 60 Millionen Dollar wert ist, setzt die hochglänzende HipHop-Serie The Get Down aus Kostengründen nicht fort. Das ZDF hingegen gibt währenddessen die 2. Staffel der mattglänzenden Politsatire MdB Eichwald mit Bernhard Schütz als abgehalftertem Altabgeordneten in Auftrag, obwohl die 1. Staffel beim Ableger Neo quasi unter Ausschluss des Publikums lief. Zeigt der öffentlich-rechtliche Rundfunk etwa unerwartetes Beharrungsvermögen im Kampf mit Streamingdiensten? Rein journalistisch betrachtet ist ihm dies ja ohnehin zu Eigen.

Das legt eine Harvard-Studie nahe, die den Umgang der Presse mit Donald Trump untersucht. Ergebnis: Vier Fünftel aller Beiträge bewerten den US-Präsidenten weltweit persönlich oder inhaltlich negativ. Am meisten aber missbilligt die ARD, was derzeit im Weißen Haus vor sich geht: Stolze 98 Prozent aller Berichte, also praktisch jeder einzelne, kritisiert Donald Trump für das, was er tut, sagt, twittert. Da wäre es erhellend, wenn jemand auch noch ermitteln würde, wie das Erste mit Putin oder Macron, AfD und FDP, Infantino oder sagen wir: Heidi Klum umspringt.

Letztere hat am Donnerstag auf ProSieben erneut irgendein anorektisches Ding im biegsamen Alter zum neuen Autohauseröffnungssupermodel gekürt und dürfte weiterhin behaupten, ihr vorwiegend minderjähriges Publikum nehme daran keinerlei Schaden. Dazu jedoch hat Die Zeit nun eine aufschlussreiche Studie von 1995 ausgegraben. Sie untersucht den TV-Konsum auf der Fidschi-Hauptinsel Nadroga und setzt ihn mit deren (eher rundlichen) Schönheitsideal ins Verhältnis. Ergebnis: Drei Jahre nach Einführung des Fernsehens verzeichneten Haushalte mit Apparat dreimal mehr Mädchen mit Essstörung als solche ohne. Jedes zehnte erbrach sich sogar regelmäßig zur Gewichtskontrolle. Es war halt die Zeit, als wohlgeformte Models durch knochige abgelöst wurden und normale Moderatorinnen durch bauchfreie Girlies.

Zum Kotzen!

Die Frischwoche

29. Mai – 4. Juni

Ganz im Gegensatz zur 4. Staffel von Sherlock. Ab Sonntag um 21.45 Uhr geht Benedict Cumberbatch wieder auf die Jagd nach den äußeren und inneren Dämonen seines Detektivs, also dessen Widersacher Moriarty und der eigenen Soziopathie. Beides wird zwar auch in den neuen drei Fällen bis zur Abnutzung ausgewalzt. Dennoch zählen auch sie zum Besten, was Krimi derzeit hergibt – und das will angesichts der Synchronisation, die alle Stimmen entweder eine Oktave zu hoch oder zu tief ansetzt, was heißen.

In Die sechs Thatchers zum Auftakt wirkt Holmes zusehends gelangweilt vom Leben. Ihm fehlt der angeblich tote Todfeind – daran kann auch die Geburt von Watsons Tochter nichts ändern, geschweige denn eine Reihe simpler Aufträge. Dann aber holt ihn ein mysteriöser Leichenfund aus der Lethargie. Dabei spielen nicht nur Steinbüsten der Premierministerin eine Rolle, sondern Watsons Frau Mary, internationale Verbrecher und natürlich Moriarty, der partout nicht totzukriegen ist. Wie diese Filmreihe.

Ob Sky am gleichen Tag dasselbe mit Dying Up Here gelingt, bleibt abzuwarten. Aber die sorgsam kostümierte Drama-Serie um die wilde Stand-up-Comedy-Szene im New York der Siebzigerjahre macht nach ersten Bildern zumindest den Eindruck, es würde seine Zeit unterhaltsam nachstellen statt effektvoll ausschlachten. Die Sechzigerjahre, genauer: der 2. Juni 1967 erstehen am Montag (23.45 Uhr) im Ersten wieder auf. Ohne lästiges Reenactment, sondern mit der Kraft authentischer Bilder rekonstruiert die Dokumentation Wie starb Benno Ohnesorg? den Tod des Studenten vor genau 50 Jahren, ohne den RAF und Grüne kaum denkbar wären.

Wie man dereinst wohl über den 8. November 2016 urteilen wird, steht zwar noch in den Sternen. Doch die Tatsache, dass damals Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, dürfte global weitreichende Folgen haben. Umso wichtiger ist es, sich dieser Figur über seine Anhänger zu nähern, wie es Arte in Trump, mein neuer Präsident am Dienstag (20.15 Uhr) unvoreingenommener tut, als es sein diabolischen Chefberater Steve Bannon bei aller Neutralität zulässt. Das Filmporträt Der Trump-Flüsterer versucht es im Anschluss dennoch. Um Voreingenommenheit der harmloseren Art geht es ab heute auf gleichem Kanal fünf Montage lang um 16.15 Uhr: Sterotyp listet Vorurteile über nationale Klischees auf – und versucht damit aufzuräumen, soweit das möglich ist.

Film gewordenes Klischee ist die Wiederholung der Woche in Farbe Wenn der weiße Flieder wieder blüht (Montag, 20.15 Uhr, MDR) mit den Nazi-Lieblingen Willy Fritsch und Magda Schneider. Dramaturgisch kompletter Bullshit steht er nach wie vor in den Top 3 der meistbesuchten deutschen Kinofilme. Auf über 20 Millionen Zuschauer kamen die drei ersten Erfolge von Quentin Tarantino der Neunziger hingegen nicht mal zusammen. RTL II zeigt sie am Freitag um 20.15 Uhr in umgekehrter Reihenfolge: Erst Jackie Brown (1997), dann Pulp Fiction (1994), zuletzt Reservoir Dogs (1991). Zwischendurch (1995) ist unser Tatort-Tipp entstanden: Falsches Alibi mit Kain und Ehrlicher (Mittwoch, 22.05 Uhr, MDR), dessen Sohn hier unter Mordverdacht gerät.

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