Club-Mausoleum: Marquee

Kiezgötter im Rockolymp

Das Hamburger Marquee (Foto: MRpro) überzeugte bis in die 1990er durch miesen Sound und stickige Luft. Und mit einem der gewaltigsten Konzerte des Post-Beatles-Kiezes: Faith No More!

Die Erinnerung treibt mitunter seltsame Kapriolen. Selbst Dinge, die früher einmal zum eigenen Alltag zählten, ändern bisweilen ihre Gestalt, das Wesen, manchmal sogar den Ort. Das Marquee zum Beispiel, eine der Legenden hanseatischer Clubkultur besserer Zeiten, liegt selbst im Gedenken einstiger Stammgäste oftmals nicht dort, wo es sich bis Ende der neunziger Jahre tatsächlich befand: gegenüber von der eichenrustikalen Spelunke Nordlicht. Sie sind der festen Überzeugung, dass der Musikclub von der Ecke Friedrichstraße/Balduinstraße aus betrachtet 30 Meter landeinwärts lag.

Nun, in diesem Fall gibt es eine einfache Erklärung für die Erinnerungslücke. Denn 30 Meter Richtung Reeperbahn lag ein weiterer Liveclub; die Tanzhalle St. Pauli, die dem Marquee auf den ersten Blick sehr ähnelte. Sie befand sich ebenfalls in exponierter Ecklage, war von außen verziert mit Graffitis und beklebt mit Plakaten. Und auch in ihr war es schon bei halber Befüllung unfassbar eng, das Raumklima bereits Minuten nach Einlass zum Schneiden und die Bühne selbst schwer einsehbar, wenn man direkt davor stand.

Und doch ist es ein großer Fehler, das Marquee mit der Tanzhalle zu verwechseln. Das Marquee verdient seinen eigenen Platz in der Erinnerung. Allein schon musikalisch hob es sich von seinem Club-Nachbarn ab: Gegenüber vom Nordlicht wurde nur wenig elektronische Musik gespielt, sondern überwiegend Rock der härtesten Gangart. Der Sound war bisweilen so einzigartig mies, dass der Frontmann Alec Empire dem Publikum bei einem Konzert mit seiner Band Atari Teenage Riot angeboten haben soll, doch besser in seinem Wagen vor der Tür weiterzufeiern. Da könne man die Anlage nämlich lauter drehen. Punkrock eben. Nicht schön, eher schön scheiße.

Das also war der Geist des Marquee. Ein Club mit einer tief sitzenden Abneigung gegen alles Perfekte. Gerade dieses Laissez Faire konnte eine grandiose Ernergie erzeugen. Auf vielleicht dreifacher Wohnzimmergröße reichten sich schließlich nicht nur die Granden von Hardcore bis hin zu Drum’n’Bass das Mikrofon in die Hand; es gab auch Platz genug für eines der gewaltigsten Konzerte des Post-Beatles-Kiezes. Im Juni 1992, um genau zu sein: Faith No More! Gerade als die Posterboys der Grunge-Ära jede Arena des Erdballs füllten, gaben sie vor ihrem Konzert in der ausverkauften Sporthalle einen Geheimgig im Marquee. Wobei – geheim…

Schon Stunden vorher stauten sich bis zum Hans-Albers-Platz die Menschen. Es war unsagbar voll, unsagbar stickig, unsagbar laut und doch verstand man Mike Patton bestens. Der total dehydrierte Sänger flüsterte vom Bühnenrand, dass er sich in Clubs wie diesem fühle wie damals, als ihm seine Mama morgens im Winter unter der Bettdecke die Socken angezogen habe, damit er nicht friere. Sein Auftritt zeigte einmal mehr: Anders als das berühmte Londoner Clubvorbild, in dem 1962 die Karriere einer blutjungen Nachwuchsband namens Rolling Stones ihren Anfang nahm, war das Marquee zu Hamburg nicht vordringlich eine Talentschmiede. Im Gegenteil. Zwar statteten Genregrößen wie Queens of the Stone Age dem Laden schon lang vor ihrem Durchbruch eindrückliche Besuche ab. Und als Jungle im allgemeinen Sprachgebrauch noch eher für verregneten Urwald und nicht für eine besonders hitzige Spielart der Breakbeats stand, wurde im Marquee bereits regelmäßig dazu gezappelt.

Mehr noch aber atmeten gestandene Stadionrocker, die sich kurz hinter dem Zenit ihrer Weltkarrieren befanden, noch mal geschnittene Clubluft im Marquee. Die Stoner-Stars Kyuss etwa, die um dem Massenandrang gerecht zu werden, ein paar Boxen vor die Tür stellten. Mitte der längst grungemüden Neunziger dann machte besonders der heutige Hafenklang-Kopf Thomas Lengefeld das Marquee als Booker zur deutschen Herzkammer von allem, was Krach machte. Integrity, Turmoil, Turbonegro – es schepperte gehörig in den vier lückenlos vollgeschmierten Wänden. Besinnlich wurde es nur, wenn die linksalternativen Glaubensbrüder der Jesus Freaks ihre gottesfürchtigen Rockmessen abhielten.

Bis, ja bis Ende der Neunziger die Abrissbirne kam. Denn dort, wo ein Flachbau ein Jahrzehnt lang Hamburgs Independent-Szene prägte, wie sonst allenfalls das Grünspan oder das Molotow, steht nun ein Wohnungsblock im ortsüblichen Schuhkartondesign. Das Nordlicht-Publikum gegenüber kann sich schon gar nicht mehr ans Marquee erinnern. “Da”, kriegt man von dort nur zu hören, “hingen immer so Langhaarige rum und ha’m gekifft”.

Der Text ist vorab auf ZEIT

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L. A. Takedown, A. Schrader, Mogli, Fayzen

L. A. Takedown

Wenn etwas klingt wie Thin Lizzy oder Joe Satriani, dann muss das nicht zwingend nur Schlechtes bedeuten. Wenn etwas klingt wie Air oder Jean-Michel Jarre schon gar nicht. Wenn allerdings etwas klingt, als würden sich all die genannten Künstler auf verschiedenen Drogen zum Instrumenten-Tausch treffen, darf man da ruhig ein bisschen skeptischer sein. Ganz kurz zumindest. Bis einem das zweite Album des Filmkomponisten und Popproduzenten Aaron M. Olsen mit dem sinnigen Titel II vor den Latz gekannt wird. Es klingt exakt so, als hätte seine siebenköpfige Band einen Übungsraum gefunden, der groß genug für so viel geballten Crossover mit so viel geballtem Aberwitz. Und es klingt fantastisch.

Trotz und wegen der vielen Gitarrensoli, die eigentlich gar keine Gitarrensoli sind, weil sie im Grunde nie ganz verstummen. Über alle, wirklich alle zwölf Tracks fegen unablässig gepickte Ricky-King-Gedächtnis-Riffs hinweg, die vermutlich jedes vergleichbare Werk bis zum Würgereiz verunstalten würden. Im Umfeld der oft karibisch angehauchten Instrumentals im Lo-Fi-Tempo jedoch wirkt der Dauerbeschuss des kalifornischen Kleinorchesters irgendwie mitfühlend, fast liebevoll. Als sprächen die entfesselten Krautrocksaiten mit dem Flitterpop ringsum.

L. A. Takedown – II (Domino)

Albrecht Schrader

Was zu tun ist, wenn man den Schlager hasst und den Pop liebt, wenn das Bouquet süffig sein darf, im Abgang jedoch herb, wenn sich das Leben der Realität entziehen will, ohne ihr zu entfliehen – dann gibt es von Voodoo Jürgens über Friedrich Sunlight bis Malakoff Kowalski bereits ein Angebot, das allerdings kaum genug erweitert werden kann. Im erlauchten Kreis des kritischen Eskapismus heißen wir daher Albrecht Schrader herzlich willkommen. Auf seinem Debütalbum Nichtsdestotrotzdem wärmt er den Diskurspop seiner Heimat Hamburg mit einer Tatsachenlyrik, der Flucht ebenso fremd ist wie Zynismus.

„Fremde Wörter in der Sprache/andere Sitten am Tisch/junge Türken in der SPD/harte Drogen auf der Straße/zu viel Gräten im Fisch/zwei Männer küssen sich am See“ erzählt er mit nasalem Caféhaus-Singsang, fügt zur tragikomischen Jammerorgel im Kammertonmoll hinzu, „es wäre nicht anders ohne dich“, und überhaupt komme es darauf an, „dass du sagst – ist mir egal“. Sanfter wurde ein zeitgemäßer Grundzweifel an der eigenen Relevanz im grassierenden Individualismus selten zu Alltagsprosa verarbeitet. Ein famoses Album für die innere Immigration, ohne den Mainstream ganz hinter sich zu lassen.

Albrecht Schrader – Nichtsdestotrotzdem (Sony)

Mogli

Wenn sich ein Sound wirklich glaubhaft ins Schneckenhaus eigener Befindlichkeiten zurückzieht, dann ist es fraglos die blumenumrankte Trailerparksiedlung des Folk und noch fragloser deren neue Bewohnerin: Mogli. Bewehrt, fast gepanzert mit der tröpfelnen Emotionalität ihrer Gitarre und ein paar flatternden Pianoeinsprengseln singt das Feenwesen so zart, so fragil von der Zerbrechlichkeit ihrer Seele im Sturm der Realität, dass man intuitiv nur mit größter Vorsicht am Lautstärkeregler dreht. Kein Jahr nach dem vielbeachteten Plattendebüt Bird streut es auf Wanderer zwar mehr echte, teils computergenerierte Beats ins analoge Songwriting; Stücke wie Waterfall oder Milky Eyes klingen da beinahe schon wavig.

Und wenn Mogli in Walls den inneren Hippie kurz mal Hippie sein lässt, dann entfaltet ihr entrückter Gesang fast schon eine Art von Soul. Ansonsten aber wirkt das musikalische Ergebnis einer Reise im ausgebauten Schulbus von – so lautet die Legendenbildung – Alaska die Westküste runter Richtung Mexiko jedoch erneut, als hätten sich die Cranberries mit The XX vereinigt, um einen Trampelpfad zwischen Folk und Pop zu finden, der noch nicht ganz ausgetreten ist. Es ist ihr ziemlich gut gelungen.

Mogli – Wanderer (H‘Art)

Fayzen

Poppoeten sind seit Jan Böhmermanns Poppoeten-Bashing im Neo Magazin ein wenig mehr in Verruf geraten als sie es zuvor bereits verdient hatten. Wenn der Poppoet Fayzen Poppoeten-Schweiß wie “Ich sehne mich nach Halt” oder “Mein Herz ist traurig” oder “Ich hab Blumen im Kopf” oder “Yeah Yeah Yeah” absondert, darf er sich also nicht wundern, in die Poppoeten-Ecke gedrängelt zu werden. Nur: Da gehört er zwar durchaus hin, aber an dieser Stelle muss man das mit den Poppoeten kurz mal relativieren. Statt einer telefonbuchlangen Liste chartsgestählter Geisterkomponisten hat der Sohn eines persischen Einwanderers nämlich 14 befreundete Musiker im Rücken. Und statt Poppoesie machen sie gemeinsam poetischen Pop, was ein Unterschied ist.

Wie die 15 handgemachten, emotional schwer angefassten Stücke über Kindheit, Leben, Liebe von Fayzen Zoroofchi erzählen, das geht trotz alöer Gefühlsduselei schon auch schwer zu Herzen. Mitverantwortlich dafür ist seine Sozialisation als Rapper auf den Straßen seiner Heimatstadt Hamburg, von deren autobiografisch bedeutsamen Ecken er mehr erzählt als singt. Sein Flow ist dabei angenehm weich, aber nicht schwulstig, die Musik im Hintergrund vielschichtig und doch aufs Wesentliche des urbanen Folk beschränkt. Es schimmert demnach deutlich mehr Moritz Krämer oder Freundeskreis aus den Harmonien als Max Giesinger und Philipp Poisel. Willkommen, liebe Poppoeten zurück auf dem Planeten Respekt!

Fayzen – Gerne Allein (Vertigo)


Reichsbürgernaidoo & Polizeimodel

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. Mai

Die Innovationsmaschine RTL, sie läuft seit einiger Zeit schwer auf Hochtouren. Nachdem ihr Programm zusehends an die 80er erinnert, hat der Barrikadenstürmer des Fernsehens von gestern nun den nächsten Barrikadensturm des Fernsehens von heute angekündigt und wiederholt auf seinem Ableger mit dem Zusatz „Plus“ im Juni selbsternannte „Kultklassiker“ wie Ein Schloss am Wörthersee oder RTL Samstag Nacht. Für den Ex-Marktführer reicht es jetzt also nicht mal mehr zur Neuauflage. Wobei Wiederholung keineswegs gleich Wiederholung ist.

Dass der BR zurzeit samstags Graf Yoster gibt sich die Ehre aus der schwarzweißen Mottenkiste holt und mit der seltsam religiösen Vorsilbe „Kult“ versieht, weckt nämlich fürwahr nostalgische Erinnerungen an eine Zeit, da sich innovative Kreativität im Fernsehen nicht auf Jan Böhmermann beschränkt hat, der sich am Donnerstag mal die Soul des Reichsbürgertums Xavier Naidoo zur Brust genommen hat. Und es beweist den Spürsinn der Programmplaner. Denn kaum sind die ersten Folgen zum 50. Geburtstag des adeligen Hobbydetektivs gelaufen, ist dessen Darsteller Lukas Ammann im biblischen Alter von 104 Jahren gestorben, der interessanterweise im selben Jahr seinen Durchbruch in der Literaturverfilmung Bel Ami feierte, als der ESC unterm sehr deutschen Titel „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ Premiere feierte.

1956 galt der Musikwettbewerb als Element der europäischen Einigung, bei dem echte Menschen richtig gesungen haben. Die 62. Ausgabe in Kiew dagegen glich schon bei der Vorbereitung vergangene Woche eher einem Hochsicherheitstrakt im Kriegszustand als dem Slogan „Celebrate Diversity“ – was angesichts des Boykotts von Russland und der Türkei ohnehin ziemlich schal klingt. Immerhin bildet Peter Urban als deutscher Moderator seit 1997 eine Konstante aus jener Zeit, als Deutschland von Helmut Kohl regiert wurde, beim ESC sogar Punkte erhielt und Fernsehen Fernsehen war, weil alle fernsahen, vornehmlich das gleiche, also meist Krimis.

Die Frischwoche

8. – 14. Mai

Witzigerweise sahen sie schon damals ungefähr so aus wie jene der italienischen Reihe Die Toten von Turin. In sechs Doppelfolgen wird darin ab Donnerstag auf Arte je ein Mordfall gezeigt, was ästhetisch sogar überzeugen kann. Doch Regisseur Guiseppe Gagliardi hat bei aller Liebe zur schönen Kamerafahrt durch düster dekorierte Kulissen oft vergessen, dass Serien längst horizontal erzählt werden, also etwas mehr thematischen Überhang aufweisen sollten als das – hoppela! – dunkle Geheimnis von Ermittlerin Valerio Ferro, deren Mutter wegen Mordes an ihrem Mann im Gefängnis sitzt.

Damit nicht genug, wird sie von Miriam Leone verkörpert, die zwar keine Schauspielerin ist, aber klasse aussieht. Miss Italia 2008 müht sich im Auftaktfall um ein getötetes Mädchen zwar redlich, an ihrer Optik vorbei zu wirken. Doch ein 30-jähriges Model in leitender Polizeifunktion – da könnte einem glatt die Idee kommen, es gehe der Serie eher ums Äußere als Inhalt. Dabei ist das doch die Spezialität von RTL… Das nächste Woche wie so viele Sender übrigens wenig Innovatives zu bieten hat.

Einmal mehr überlässt es das Regelprogramm daher den Streamingdiensten, echt televisionär zu sein. TNT und Sky strahlen Montag den deutschen Sechsteiler 4 Blocks über einen arabischen Clan in Berlin-Neukölln aus, der visuell, ästhetisch, dramaturgisch drastischer, aber eben auch authentischer und horizontaler ist als alles, was ARZDLPRO1 je zustände brächten. In abgeschwächter Form gilt das auch für gleich drei Netflix-Serien, die ab Freitag abrufbar sind. Allen voran die zweite Staffel des hinreißenden Migrationshipsterporträts Master of None, dicht gefolgt von der Doku-Reihe Get me Roger Stone, die einen der einflussreichsten Spin-Doctors der US-Politik auf der Spur ist. Und dann wäre da noch Anne with an E, was das vielschichtig schöne Coming-of-Age-Thema endlich mal aus der erweiterten Gegenwart um gut 100 Jahre zurückverlagert.

Linear gibt es dann aber doch auch was Sehenswertes: Den wahrhaft gelungenen ARD-Mittwochsfilm About a Girl mit Heike Makatsch als heillos überforderte Mutter von Jasna Fritzi Bauer als düstere Außenseiterin – herrlich morbide. Interessant ist hingegen die Doku Verbotene Filme (Dienstag, 21 Uhr, Phoenix), in der Das Erbe des Nazi-Kinos skizziert wird, zu dem unter anderem mehr als 40 NS-Werke wie Jud Süß gehören, die bis heute unter Verschluss stehen. Frei verfügbar sind die Wiederholungen der Woche wie Robert Thalheims Familiendrama „Eltern“ (Dienstag, 20.15 Uhr, 3sat), in dem Charlie Hübner und Christiane Paul 2013 die klassische Rollenverteilung unfassbar glaubhaft umgedreht haben. In Schwarzweiß ratsam: Die Hoffnungslosen (Mittwoch, 23 Uhr, Arte), ein verstörend düsteres Knastdrama aus dem Ungarn des Jahres 1966. Und der Tatort-Tipp lautet diesmal Salzleiche (Montag, 22.05 Uhr, RBB), bei dem Charlotte Lindholm 2008 im Atomklo Gorleben ermittelt hat.


Fazerdaze, Penguin Café, Blondie

Fazerdaze

Videos sind Videos sind Videos sind zunächst mal nur visuelle Appetizer des zugehörigen Sounds und reichen höchstens im Ausnahmefall ein wenig darüber hinaus oder schaffen es, eine Metaebene zu eröffnen. Mit dem Begleitfilmchen zu ihrem Stück A Little Uneasy schafft Amelia Murray allerdings genau dies: Ein musikalisch-ästhetisches Statement, das ihr Debütalbum ringsum in 3:36 Minuten vollumfänglich auf den Punkt bringt. Mit ihrem Longboard durchfährt die junge Neuseeländerin ein Industriegebiet ihrer Heimat, das dessen sorgsam aufgebauten Klischee vom exotischen Fernreiseziel komplett widerspricht. Zwischen Beton und Palmen ist es zwar hell und luftig, zugleich aber bewölkt und daher leicht trist.

Unterm Alter Ego Fazerdaze legt die Alleinunterhalterin jedoch einen fröhlich flatternden Gitarrenpop über die Ödnis, dass es darin sonnig wird, ohne gleich zu brennen. Die Stimme eher nüchtern beigemengt als krampfhaft überzeugend, zerpickt Amelia Murrays Gitarre zehn Stücke lang unsagbar lässig die Tristesse des zivilisierten Alltags und macht daraus mit Orgel, Bass und Samples kleine Feierabendrevolten gegen den ewigen Selbstoptimierungsstress. Manchmal, ganz selten, ist ihr dabei zum Schreien zumute. Aber nur, um uns aus dem Wachkoma an die frische Luft zu holen, und sei es auf nacktem Asphalt.

Fazerdaze – Morningside (Grönland)

Penguin Café

Von einer Legende abzustammen, kann den Mensch voranbringen ebenso wie blockieren, weshalb Nachkommen genau abwägen sollten, das Werk dieser Legende fortzuführen oder abzubrechen. Arthur Jeffes hat sich entschieden, ersteres zu tun, ziemlich unzweideutig sogar, und damit Bemerkenswertes erschaffen: Sein Soundprojekt Penguin Café verfeinert die semi-akustische Kammermusik vom gleichnamigen Orchestra seines Vaters Simon nicht nur, das den New Age Folk in den Siebziger- und Achtzigerjahren nicht weniger als revolutioniert hat. Besser noch: Der Brite hat ihn für die Nuller- und Zehnerjahre geradezu optimiert.

Auf The Imperfekt Sea erschafft Sohn Arthur eine Art analogen Ambientpop, der in hinreißender Weise klingt, als würden all die Streicher, Drums und Pianosequenzen darin digital geloopt. Dabei mögen sich die neun teils ewig breit gefächerten Tracks an elektronischer Tanzmusik orientieren – alles ist strikt instrumentell und klingt daher mal clubtaugtlich vielschichtig nach dem Mash-up eines Chapelier Fou, mal versonnen klassisch wie einst Keith Jarrett. Beim Hören taucht man daher tatsächlich in jene unvollkommene See, die der Titel verheißt: musikalisch überaus virtuos, doch dabei voller Leerstellen, die der Geist allein mit Leben füllt. Toll!

Penguin Café – The Imperfect Sea (Erased Tapes)

Hype der Woche

Blondie

Ach Debbie, ist dir eigentlich bewusst, was du in deiner Blütezeit mit der schlummernden Libido eines Schulkinds angestellt hast, leicht verrucht, ziemlich tough und trotzdem sexy wie du warst? Nein? Nichts! Als du Ende der Siebziger Denis oder Heart of Glass gesungen und 1980 Call Me aus dem Radio gebrüllt hast, warst du aller Visualität nur das Gesicht hinter jener Musik, die damals halt gehört wurde. Dass dir die restliche Weltbevölkerung damals fast geschlossen hinterher geschmachtet hat, war mir und meinesgleichen gar nicht bewusst. Umso schöner, dass du fast 40 Jahre später immer noch da bist und deine Musik für mich nach wie vor weniger mit deiner Optik als, genau: mit der Musik zu tun hat. Auf deinem elften Studioalbum klingt die zwar so, wie sie bei einer Künstlerin über 70 halt klingt – bisschen betulich, bisschen bemüht, bisschen nostalgisch. Aber Debbie, das ist gut so. Denn mit den Blondie-Veteranen Chris Stein an der Gitarre und Drummer Clem Burke zur Seite erinnert Pollinator (BMG) mehr als die drei Platten seit der Reunion 1997 daran, dass auch Pop mal von innen kam statt aus dem Konzeptomat für Chartserfolge. Gewiss, einige der elf Stücke versuchen sich erfolglos an deiner Modernisierung deines Glampunks. Aber Doom or Destiny zeigt schon zum Auftakt, dass du etwas hast, das jüngeren Kollegen oft fehlt: Spaß. Energie. Leidenschaft. Ach ja – und super siehst du auch noch aus.

Eine der Reviews ist zuvor bei Zeit-Online erschienen

2 Bier – 1 Platte

Puder & Kendrick Lamar

Catharina Boutari ist Komponistin, Label-Besitzerin, Sängerin und hat unter ihrem Alter Ego Puder gerade ihr neues Album Session Tapes 1+2 veröffentlicht. Dafür hat sich die Hamburgerin 10 Tage in einem Studio eingesperrt, um Songs zu schreiben und sie gemeinsam mit ein paar Kolleg*inn*en auch gleich aufzunehmen. Im Bierplattengespräch will Boutari heute aber über ein ganz anderes Album sprechen: Kendrick Lamars To Pimp A Butterfly.

Von Marthe Ruddat

To Pimp A Butterfly ist das dritte Album von Kendrick Lamar und erschien im März 2015. Von Kritikern als „Rap-Oper“ und „Meisterwerk“ in den Himmel gelobt, stellte das Album Streaming-Rekorde auf und erreichte Platin-Status.

freitagsmedien: Mit so einer HipHop-Bombe hätte ich im ersten Moment nicht gerechnet…

Puder: Ja, das ist normalerweise gar nicht meine Musik. Ich komme eigentlich aus dem Rock’n’Roll und Blues, merke aber in den letzten Jahren immer mehr, dass es mich zum Hip Hop zieht. Hip Hop ist oft so viel innovativer als Rock.

Und wie bist Du auf Lamar gekommen?

Ich habe das Album bei SPON entdeckt. Das Tolle ist da ja, dass bei einer Albumvorstellung auch immer ein Video und drei Songs bereit gestellt werden. Da höre ich mir einfach immer mal wieder Sachen an, die ich noch gar nicht kenne. Und irgend wann wurde mal Kendrick Lamars ToPimp A Butterfly vorgestellt. Ich war sofort total geflasht von der Musik, obwohl ich eigentlich überhaupt nichts verstanden habe. Ich kam mir wieder vor wie mit 15, wenn du etwas hörst und es nicht verstehst, es aber unbedingt weiter hören musst. Ich bin dann sofort rüber zu Zardoz und habe mir die CD gekauft.

Was genau hat Dich so fasziniert? Die neue Richtung oder die Tatsache, dass dich das Album vor solch eine Herausforderung gestellt hat?

Es war eigentlich beides irgendwie. Das Album ist ja auch kein klassischer HipHop. Da ist auch ganz viel Black Poetry drin und das ist wiederum total mein Ding. Andererseits hat mich auch total fasziniert, welchen Mut Kendrick Lamar hatte, sich von einem klassischen HipHop-Album zu trennen und ein Album zu schaffen, das die Grenzen von Hip Hop total sprengt.

Wie lange hast Du gebraucht, um die Story hinter dem Album zu verstehen?

Die Story ist wirklich umfangreich und nicht in zwei Sätzen zu erklären. Eine sehr ausführliche Auseinandersetzung gibt es bei Vice.

Ich weiß gar nicht, ob ich sie total verstehe. Ich konnte die Platte auch ganz lange einfach gar nicht durchhören, sondern brauchte nach 2 bis 3 Songs erst mal eine Pause. Mittlerweile habe ich mich dran gewöhnt und höre es durch. Ich habe auch alle Texte mitgelesen. Das Album liefert aber so viele Bezüge zu Lamars Lebensrealität. Es geht oft um schwarze Menschen in den USA und ich bin weiß und hier in Deutschland. Deshalb weiß ich gar nicht, ob ich das, was ich da mitkriege überhaupt richtig ermessen kann.

Kurzgefasst geht es in dem Album auch um Lamars metaphorische Entwicklung von der Raupe zum Schmetterling. Erkennst Du Dich ja manchmal auch selbst wieder?

Ist es das nicht immer? Ist das nicht der fortwährende Prozess? Ich glaube mir hat das Album auf jeden Fall den Mut gegeben, selber außergewöhnliche Wege zu gehen. Er schafft es einfach, die Dinge auf den Tisch zu legen und auch persönlich zu werden, jenseits der klassischen Formeln des Genres. Das hat mich inspiriert, rein künstlerisch zu denken und nicht darauf zu achten, was von mir erwartet wird.

Kendrick Lamar – Instituionalized

What money got to do with it

When I don’t know the full definition of a rap image?

I’m trapped inside the ghetto and I ain’t proud to admit it

Institutionalized, I keep runnin’ back for a visit

Hol’ up, Get it back

I said I’m trapped inside the ghetto and I ain’t proud to admit it

Institutionalized, I could still kill me a nigga, so what?

 

[Anna Wise:]

If I was the president

I’d pay my mama’s rent

Free my homies and them

Bulletproof my Chevydoors

Lay in the White House and get high, Lord

Who ever thought?

Master take the chains off me

 

Life canbelike a box ofchocolate

Quid pro quo, somethin’ for somethin’, that’s the obvious

Oh shit, flow’s so sick, don’t you swallow it

Bitin’ my style, you’re salmonella poison positive

I can just alleviate the rap industry politics

Milk the game up, never lactose intolerant

The last remainder of real shit, you know the obvious

Me scholarship? No, streets put me through colleges

Be all you can be, true, but the problem is

A dream’s only a dream if work don’t follow it

Remind me of the homies that used to know me, now follow this

I’ll tell you my hypothesis, I’m prob ably just way too loyal

K Dizzle would do it for you, my niggas think I’m a god

Truthfully all of ’em spoiled, usually you’re never charged

But somethin’ came over you once I took you to the fuckin’ BET Awards

You lookin’ at artists like the harvests

So many Rollies around you and you want all of them

Somebody told me you thinkin’ ’bout snatchin’ jewelry

I should’ve lis tened what my grandmama said to me

Auf To Pimp A Butterfly kehrt Lamar in seine Heimat zurück, auch um sich selbst wieder zu finden. Ist dir dein Zuhause ähnlich wichtig?

Eigentlich gar nicht so sehr. Im Moment zieht es mich tatsächlich auch eher hinaus in die Welt. Genau das ist ja auch die Grundlage von den Session Tapes, die ich als Reihe angelegt habe. Ich arbeite dabei mit verschiedenen Menschen in verschiedenen Städten, am Liebsten noch in verschiedenen Ländern zusammen. Mich reizt das Fremde und Unbekannte einfach sehr. Ich halte es auch für eine große Chance, dass im Moment ganz unterschiedliche Musik aus der ganzen Welt zu uns kommt. Ich glaube, wenn alle den Mut haben, sich nicht nur gegenseitig die eigene Tradition vorzuspielen, sondern alles einfach wild zu mischen, dann kann da etwas richtig Gutes rauskommen. So hat Lamar das ja auch irgendwie gemacht.

Ist Kendrick Lamar für dich der HipHopper der neuen Generation?

So wenig, wie ich von HipHop weiß…er ist auf jeden Fall ein Musiker der neuen Generation. Sogar David Bowie wurde bei der Entstehung von Black Star von To Pimp A Butterfly beeinflusst und ich glaube, dass auch Beyoncés neues Album ohne Lamar nicht so entstanden wäre. Und das finde ich einfach ganz großartig. Es geht nicht mehr nur um stumpfe HipHop-Plattitüden und wie schön jemand ist und welches Auto jemand fährt. Stattdessen wird Haltung gezeigt und auch eine politische Message verbreitet.

Du verfolgst die Karriere von Kendrick Lamar also weiter?

Ja, ich gucke eigentlich immer, was er gerade so macht. Ich versuche aber immer die Augen und Ohren in alle Richtungen offen zu halten.

Es lohnt sich auch in Richtung Puder die Augen und Ohren offen zu halten. Die Session Tapes 1+2 können am 14. Juni live im Haus 73 bestaunt werden. Videos, eine Doku und weitere Infos gibt es auf http://www.puder-musik.com.