Nazischlampen & Glaubensthemen

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Juni

Nein, „Schlampe“ ist kein akzeptables Wort für welche Frau auch immer, und das Präfix „Nazi“ macht es gewiss nicht besser. Es war daher ein wenig mehr als taktlos von Christian Ehring, Alice Weidel vor sechs Wochen im Satiremagazin extra 3 als Nazischlampe beschimpft zu haben. Das frisch gewählte Spitzenbraunhemd der AfD hatte die politische Korrektheit allerdings kurz zuvor „auf den Müllhaufen der Geschichte“ gewünscht, woraufhin der Moderator „da hat die Nazi-Schlampe doch recht“ sprach und fragte: „War das unkorrekt genug?“ Es war. Und wurde nun vom Landgericht Hamburg nachträglich legalisiert. Vorige Woche lehnte es eine einstweilige Verfügung mit der Begründung ab, wegen der Satire- und Meinungsfreiheit müsse Weidel „auch überspitzte Kritik hinnehmen“.

Andererseits reichen manchmal statt derber Worte auch wortlose Bilder, um den rechtspopulistischen Irrsinn da draußen verständlich zu machen. Etwa eine Zusammenfassung jener Journalisten, die Donald Trumps Regierungssprecher Sean Spicer still dabei zuhören, wie er seine offenbar sehr eigentümliche Sicht auf die Dinge präsentiert. Die entgeisterten Gesichter sagen jedenfalls mehr als 1000 Schimpftiraden. Oder auch mehr als alles, was Oliver Pocher in alle den Jahren seiner jämmerlichen Medienexistenz bislang insgesamt abgesondert hat. Im Pro7-Mumpitz Global Gladiators etwa erklärte er den boulevardbekannten Mitstreitern, was ein A-Promi sei: Jemand, antwortete Pocher da lebensklug und altersweise, „der ohne Hilfe anderer etwas auf die Reihe bekommen hat“.

Schön zu hören, dass sich der Protegé von „Bild, BamS & Glotze“ offenbar selbst ans Ende des Alphabets setzt. Weiter vorne, aber längst noch nicht am Anfangsbuchstaben angelangt ist hingegen Carlo Ljubek, den Eingeweihte als Bühnenberserker der renommiertesten Theater kennen. Fernsehzuschauer hingegen mögen sein zerknautscht schönes Gesicht schon mal irgendwo gesehen haben, wenngleich eher in tragenden Nebenrollen.

Die Frischwoche

12. – 18.  Juni

Da ist es schön, dass der kroatische Rheinländer mit Wohnsitz St. Pauli im Mittwochsfilm ganz oben auf der Besetzungsliste steht. Weil er darin einen Vater spielt, den der Hirntod seines Sohnes zwischen Hoffen und Bangen, Fluchen und Beten hin und her schleudert, ist Atempause zugleich einer wichtigsten Filme der diesjährigen Themenwoche Woran glaubst du?, die bis Sonntag wie jedes Jahr um diese Zeit das Programm aller ARD-Kanäle dominiert.

Dazu zählt zum Beispiel auch die Hauptrolle einer anderen Schauspielerin, die es trotz aller Präsenz noch nicht so richtig in die Riege der A-Promis geschafft hat: Ulrike C. Tscharre. Groß geworden in der Lindenstraße spielt Dominik Grafs Lieblingsdarstellerin am Samstag in Konfirmation die Mutter eines Teenagers, der seine Pubertätsrevolte nicht als Nazi, Schlampe oder sonst wie radikal auslebt, sondern religiös zu werden scheint – was seine coolen Eltern allerdings weit schlimmer finden als politische Eskapaden. Diesen Zwiespalt setzt Stefan Krohmer gewohnt tiefgründig und unterhaltsam in Szene.

Am Dienstag zuvor zeigt das Erste ab 22.45 Uhr die nächsten zwei FilmDebüts. Zunächst das getragene Holocaust-Drama Unser letzter Sommer, danach die Komödie 1000 Mexikaner um zwei Hochzeitsfilmer. Klar, dass es Historytainment mit Nazis auf den besseren Sendeplatz schafft, wo am Sonntag auch die neueste Adaption von Mata Hari stattfindet. Mit Natalia Wörner in der Titelrolle und Nora von Waldstätten als real existierender Gegenpol macht die ARD aus dem Spionagestoff zwar ein weibliches Ränkespiel; an die großen Vorbilder wie Greta Garbo reicht der Film allerdings nie heran.

Am Freitag versucht sich auch Netflix daran, eine reale Figur der Zeitgeschichte zu fiktionalisieren: mit El Chapo nimmt sich der Streamingdienst nach Pablo Escobar in Narcos den nächsten mittelamerikanischen Drogenboss vor. Oliver Stone dagegen nimmt es ab Dienstag auf Sky (Freitag auch Sky Atlantic) mit dem noch viel realer existierenden Wladimir Putin auf. Obwohl aufnehmen: der heimatkritische US-Regisseur kriecht ihm in vier Folgen Interview aus Sich der Süddeutschen Zeitung so tief in den Zarenhintern, dass sie „The Putin Interviews“ zur recht als „Autokraten-Porno“ bezeichnet. Recherche, Distanz, Nachhaken? Fehlanzeige! Dann also lieber ab Freitag auf gleichem Bezahlkanal das unterhaltsame Gamour-Drama Riviera um die Schönen und Reichen und Korrupten der Oberen Zehntausend am Traumstrand. Oder wahrhaftige Realismus, etwa im Arte-Themenabend Wir schaffen das!? am Dienstag zum Menschheitsthema Flucht und Empfang, nur ausgewogen mit dem Frage- hinterm Ausrufezeichen.

Von letzteren hat die Tatort– Rückkehr Im Schmerz geboren am Montag um 22.15 Uhr (RBB) ungefähr 2500 Stück verdient. Nicht nur weil es Kommissar Murot  2014 mit mehreren Dutzend Toten zu tun kriegte, aber auch schon ein bisschen darum. Diesbezüglich hatte sich die Wiederholung der Woche 1957 sogar noch zurückgehalten, obwohl Der Seemann und die Nonne (Montag, 13.35 Uhr, ARD), mit Deborah Kerr und Robert Mitchum im 2. Weltkrieg spielt, während dessen sich die Nonne und der Soldat auf einer Pazifikinsel vor den Japanern versteckt.

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