Beth Ditto, Big Thief, Alle We Are, New Swears

Beth Ditto

Und wenn das Leben da draußen stürmt und tobt, wenn die Hoffnung auf ewige Glückseligkeit in die Gewissheit dauernder Konterrevolutionen der Freudlosen umschlägt, wenn allerorten Trübsinn herrscht und Misanthropie und die Macht der Dummen – dann sollte man trotzdem den Kopf nicht hängen lassen, sondern einfach Beth Ditto zuhören und ihn erheben, den Kopf, so wie sie es immer und immer und immer wieder tut, für sich, für uns, für alle, die mehr wollen vom Leben als in ihren Schützengräben hocken und den Untergang herbeizusehnen.

Seit mehr als der Hälfte ihrer 36 Jahre auf dieser komplizierten Erde schafft es das Kleinstadtgewächs aus Arkansas mit einem Selbstwertgefühl am Rande der Sättigungsgrenze, das Ringen gegen das Böse in furiosen Pop zu verwandeln. Bis 2016 in ihrer Discopunk-Band Gossip, jetzt mal wieder solo. Fake Sugar heißt ihr Album ohne Brace Pain und Hannah Blilie. And weather, if your straight or gay, wie es ihr erklärter Fan Barack Obama ausdrücken würde, egal ob man dick oder dünn, hell oder dunkel, gewöhnlich oder anders ist: Es sorgt mit ungeheuer ergreifenden Hymnen der Selbstermächtigung dafür, dass niemand den Spaß beim Kampf um Gleichberechtigung verlieren muss. Ach Beth…

Beth Ditto – Fake Sugar (Sony)

Big Thief

Es ist oft auf seltsame Art ergreifend, wenn die Hand beim Wechsel der Akkorde ein kratziges Wehklagen auf den Saiten erzeugt, so als würden sie vor Schmerz kurz aufheulen. Adrianne Lenkers Gitarre heult zu Beginn ihrer neuen Platte gleich mehrfach auf. Jedesmal ist es zum Niederknien ergreifend. Und wie die Sängerin des New Yorker Quartetts Big Thief dazu mit brüchiger Stimme von den Wunden der Seele erzählt, da zeigt sich auch sonst: Wahre Schönheit entsteht aus dem Imperfekten. Kein Jahr nach ihrem Debütalbum ist Capacity ein überraschendes kleines wunderbares Meisterwerk. Und das hat zwei Gründe.

Es dreht den Alternative-Pop von Masterpiece nicht nur deutlich leiser, sondern verlässt die frühere Harmoniebedürftigkeit immer wieder in dissonante Regionen. Shark Smile zum Beispiel startet mit einer Kakophonie ineinander scheppernder Instrumente, bevor sich daraus ein elegantes Stück Countryfolk entspinnt. Oder die bewegende Single-Auskopplung Mythological Beauty. Sie mag zwar Lagerfeuerromantik verbreiten; hinter all dem Wohlklang sucht Adrianne Lenker allerdings fast verbissen nach den inneren und äußeren Verletzungen ihrer Kindheit. Sie gehen ungemein zu Herzen. Wie das ganze Album.

Big Thief – Capacity (Saddle Creek)

All We Are

Der Charme des Gestrigen im Zwingstock der Gentrifizierung: Mit dem Cover seiner neuen Platte will das Liverpooler Trio All We Are fraglos ein Statement setzen gegen vieles, was Tradition und Nostalgie derzeit den Garaus macht. Zu sehen ist ein verschnörkeltes Gründerzeithäuschen, das sich stolz, aber chancenlos zwischen zwei Stahlskelettkolossen wegduckt. Wer bei dieser Verpackung an politisch bewussten Folkrock denkt, liegt musikalisch allerdings knapp daneben. Wie auf ihrem Debütalbum vor zwei Jahren liefern All We Are abermals tanzbaren Discopop voll elektronischer Spielereien, auch wenn sie ihn leicht wehmütig Psychedelic Boogy nennen.

Unterm Teppich breiter Riffs und treibender Synths erzählen die Uni-Kumpels Richard’O Flynn (Drums), Guro Gikling (Bass) und Luiz Santos (Gitarre) dazu die Geschichte eines malerischen Dorfes im Kampf mit der Moderne: Ein Autobahnprojekt droht, die Gemeinschaft nach und nach zu spalten. Inhaltlich macht das Sunny Hills zu einem echten Konzeptalbum mit sozialkritischer Stoßrichtung. Stilistisch bleibt es dem hedonistischen New Wave der Achtzigerjahre mit Links in die Retrophasen der Gegenwart verhaftet, ohne allerdings ja nostalgisch zu klingen, geschweige denn gestrig.

All We Are – Sunny Hill (Double Six/Domino)

New Swears

Tief in den Siebzigern ohne irgendwelches Retrozeugs verhaftet sind die New Swears aus Ottawa. Sie bestehen aus vier Freunden, die sich angeblich einst im verlausten Gästezimmer eines verranzten Punkclubs zur Band formiert haben. Klingt nach einer Legende, erklärt den zauselig schönen Sound auf ihrem Debütalbum mit dem hinreißenden Titel And the Magic of Horses, der durch ein Kirmes-T-Shirt-Cover mit drei Pferden, die über Kanadas Prärie aus dem Himmel grinsen, nochmals herrlicher wird, aber ganz gut. Was das Quartett darauf macht, könnte man vielleicht am ehesten mit Swaggercountryglampop umschreiben, aber eigentlich sind Umschreibungen hier völlig fehl am Platze.

Schon das Auftaktstück Dance with the Devil scheppert so atemberaubend überdreht zwischen den frühen Strokes und den späten Thin Lizzy durch die saftigen Weiten des Garagenrocks im Westcoast-Outfit, dass man sich Scru Bar, Sammy J Scorpion, Beej Eh, Nick Nofun oder wie auch immer sie wirklich heißen mögen, als uneingeschränkt glückliche Menschen vorstellen muss. Ein Glück, das es ihr verstrubbelter Gesang im permanenten Up-Tempo-Modus in jedem der zehn Stücke über Kiffen, Saufen, Vögeln, Rumhängen, aber auch die Freundschaft und den Tod eins-zu-eins an uns weitergibt. Da ist nichts Verkopftes, keine Metaebene, da ist nur diese Band und ihre Energie. Abfahrt!

New Swears – And the Magic of Horses (Dine Alone Records)

 

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