Dorau, London Grammar, Kamikaze Girls

Andreas Dorau

Es gibt Popstars, die waren schon immer da und sind doch kaum greifbar. Einer von ihnen ist Andreas Dorau. Als Teenager hat er sein Schul-Video um einen Außerirdischen namens Fred gegen den Willen seiner Lehrkräfte veröffentlicht und seither in 35 Jahren neun Schallplatten gemacht. So richtig abgegangen ist davon allerdings trotz des frühen Superhits keine. Und genau das will der gebürtige Hamburger im stolzen Popalter von 53 nun ändern. Sein zehntes Album Die Liebe und der Ärger der Anderen soll unbedingt in die Charts. Dafür hat er nicht nur 20 Tracks auf zwei Tonträgern kompiliert, sondern auch einen – nun ja – mehr oder weniger erlesenen Kreis Produzenten verpflichtet.

Klangtüftler von Zwanie Jonson über Moses Schneider, Mense Reents, Andreas Spechtl bis hin zu T.Raumschmiere oder dem Eurodance-Gott Luka Anzilotti von SNAP! haben das Werk begleitet und tatsächlich: Es ist absolut chartskompatibel. Also jetzt nicht für oberere Regionen, aber die Top 100. Kluger Dance mischt sich da mit schmissiger LoFi-Electronika und Disco-Schlager zu einer wirklich unterhaltsamen Melange, die ein bisschen nach Gesamtretrospektive eines der ausdauerndsten, zugleich aber unbekanntesten Stars des hiesigen Pop klingt. Wünschen wir ihm dafür mindestens mal Platz 99.

Andreas Dorau – Die Liebe und der Ärger der Anderen (Staatsakt)

London Grammar

Nahe am Trip-Hop, fern dem R’n’B und dabei alles andere als unvollkommen sind London Grammar. Seit ihrem vielbeachteten Debütalbum If You Wait hat sich das Indiepop-Trio aus dem englischen Nottingham zu einer der beliebtesten Festivalbands gemausert, Einsatzort Hauptbühne, dort wo die ganz große Show mit ganz großer Geste gefordert ist. Wenn London Grammar vier Jahre später nun mit ihrem Nachfolger genau dorthin zurückkehren, wirft das daher erneut die Frage auf, warum so ausdrucksstarker, so getragener Electro-Wave ohne jedes Dance-Element derart massenwirksam ist. Die Antwort gibt Hannah Reid.

Sie ist nicht nur eine der schönsten Frontfrauen des Indie-Pop, sondern konterkariert ihre optische Makellosigkeit mit einem Gesang von ergreifender Tiefe. Dass die Melodramatik nie in Pathos abgleitet, dafür sorgen dann schon Dan Rothman und Dominic Major. Wie einst bei U2 huschen ihre Riffs und Synths flächig unter Hannah Reids dunklem Timbre hinweg und hellen es damit angenehm auf. Ein bisschen klingt Truth Is A Beautiful Thing daher wie Birdie nach Erreichen der Volljährigkeit – ungemein vollmundig und bei aller Düsternis sehr hoffnungsfroh.

London Grammar – Truth Is A Beautiful Thing (Universal)

Kamikaze Girls

Man sagt, Musik ohne Bass fehle das Skelett, sie sei konturlos und amorph, ein einziger Brei. Das stimmt. Und ist manchmal nicht weiter schlimm. Dann zum Beispiel, wenn die Kamikaze Girls aus der alten Weberstadt Leeds ihren DIY-Punk allein mit Gitarre und Schlagzeug durch die Garage hetzen. Von den Hochgeschwindigkeitsdrums ihres Kumpels Conor Dawson angetrieben, füllt Sängerin Lucinda Livingstone die zehn Tracks ihres Debütalbums mit so verzerrtem Geschepper, dass der fehlende Bass kaum noch auffällt. Damit dieses Gitarrengemetzel allerdings nicht hoffnungslos in den höheren Tonlagen zerbirst, holt es Lucindas Gesang übers sinnentleerte Leben ihrer Generation regelmäßig auf den Boden der Harmonielehre zurück.

Atmosphärisch meistens dicht an der Achtzigerwave-Ikone Anne Clark, nur ohne deren notorisches Phlegma, verleiht dieser Gesang den Kamikaze Girls somit exakt jene wohl austarierte Ruhe, die den Begleitinstrumenten eher wesensfremd zu sein scheint. So ist Seafoam am Ende dem Emo- doch ein wenig näher als dem Noiserock. Von Gefühlsduselei kann dennoch nirgends die Rede sein. Seafoam liefert reinsten Abgehrrriotkrach, wenngleich – und das nicht nur für Feminist*inn*en mit Hintersinn.

Kamikaze Girls – Seafoam (Big Scary Monsters)

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