Angela Merkel: Ehe für alle & Brigitte Live

Merkels Bühnenhomestory

Seit vier Jahren lädt das Frauenmagazin Brigitte Politikerinnen zum Live-Austausch über die Grenzen von Privatem und Beruf. Gerade zum zweiten Mal dabei, nachdem zuvor bereits ihr Herausforderer Martin Schulz auf dem Podium gesessen hatte: Angela Merkel (Foto: Alexander Körner/Getty Images). freitagsmedien hat zugesehen, als die Kanzlerin mehr oder weniger gewollt die Ehe für alle auf den Weg gebracht hat, ansonsten aber in Ruhe gelassen wurde.

Von Jan Freitag

Wenn Angela Merkel tatenlos zuhören muss, entgleiten ihr gern die Gesichtszüge, bis man sie lesen kann wie ein offenes Buch. Anfang Juli zum Beispiel im Maxim-Gorki-Theater, da dauert es keine fünf Minuten, bis ihr Lächeln Bände spricht. Ende September sei Bundestagswahl, hatte ihr die Chefredakteurin der Brigitte auf einer Berliner Bühne gerade in Erinnerung gerufen und hinzugefügt, „aber Sie, liebe Frau Merkel, dürfen wie vor vier Jahren auch jetzt schon wählen.“ Als Brigitte Huber fortfuhr, diese Wahl bestünde „zwischen zwei Begriffspaaren“, entglitt Merkels Mimik bereits ins Ironische, was beim ersten Begriffspaar „zuhause oder unterwegs“ fast spöttisch wurde. Damit war nicht nur die Stimmungslage des Gastes für gut 90 Minuten festgelegt, sondern auch der Veranstaltung insgesamt.

Seit der Bundestagswahl 2013 lädt dieses Frauenmagazin aus Zeiten, da sein Name für Mädchen noch schwer en vogue war, Politikerinnen zum Kammerplaudern in die Hauptstadt. BRIGITTE LIVE ist dabei trotz der Buchstabengröße ein lockeres Beisammensein jenseits der harten Realität. Zu Beginn dieser Gesprächsreihe durfte die Kanzlerin bereits über den Tellerrand tagesaktueller Berichterstattung blicken und ihre Handhaltung erklären oder was sie an Männern attraktiv finde. Im ernsten Nachrichtengeschäft wäre das unschicklich, im Kosmos der Regenbogen-Presse ist es allenfalls das Aufwärmprogramm für die Homestory. Zu der es dann aber nicht kommt.

Angela Merkel wählt „unterwegs“.

Dumm aber auch. Aber eine prima Gelegenheit, dem World Wide Web zu zeigen, dass die mächtigste Frau der Welt mehr ist als eine jener Phrasenmaschinen, den ihr Beruf in Massen erzeugt. Merkel ist witzig, Merkel ist schlagfertig, Merkel fühle sich wohler, „seit nicht mehr so über meine Haare gelästert wird“, und wünsche sich, dass Männer ohne Elternzeit „in Erklärungsnot geraten“. Merkel ist alles, was man stets zu ahnen glaubte, aber nicht recht glauben wollte. Sie spricht von den Tücken der Hotel-Fernseher und was sie mit dem Alter zu tun haben, das selbst dieses Alphatier mit Sorgen erfülle, „ob ich die ganze moderne Entwicklung noch hinkriege“.

Kriegt sie. Bei aller Koketterie. So viel darf man voraussetzen. Was man, bei aller Güte, besser nicht voraussetzen sollte, ist das naturgegebene Talent einer Chefredakteurin zum Interview maximal prominenter Gäste. „Ja, vor allem nachts, wenn man sonst wie“ stammelt Brigitte Huber zurück und spätestens jetzt wird klar: Sie sitzt wohl doch eher fürs Protokoll hier mit ihren diagonal drapierten Beinen im Audienzstil. Das Substanzielle regelt schon Meike Dinklage. „Unser nächstes Begriffspaar lautet bergauf, bergab“, sagt Hubers Chefreporterin und zielt zwar auf Urlaubsziele ab. Doch dann entlockt sie Angela Merkel etwas von Belang. Thema Entscheidungen. Die nämlich „dauern bei mir oft sehr, sehr lang“. Wie einst in der Griechenland-Krise. Aber dann, fügt sie später hinzu, „hadere ich eigentlich nie damit“.

Es sind starke Passagen im heiteren Begriffe-Teilen, das auf der Homepage des Blattes allen Ernstes zwischen den Rubriken „Ernährung umstellen? Das passiert im Körper“ und „6 Sätze, die du niemals zu deinem Ex sagen solltest“ zu klicken ist. „Also deine neue Freundin … was willst du denn mit DER???“, solle man sich im Beisein des früheren Partners verkneifen. Darf man das im Brigitte-Kosmos bereits als Abrechnung mit Jamaika vorm dritten Treffen in vier Jahren werten? Jedenfalls wird es nun politisch – auch wenn das duale Themensystem nicht immer ganz hinhaut. Mit „80 oder 120 Prozent“ tarnt Brigitte Huber die Frage nach weiblichem Perfektionismus und erntet dafür nicht nur ein Gesichtsentgleiten der markanteren Art, sondern das Bekenntnis, bei Merkels daheim klappe es nicht so mit dem Wäscheaufhängen, „oder was meinen Sie?“

Ja, was meinen die, wenn Teilzeitarbeit angeschnitten, aber durch Wortpärchenspiele verbrämt wird? Was soll der Gegensatz von SMS und Twitter oder die Wahl zwischen Macho und Feministin? So mäandert das Podiumsgespräch warm, aber drückend wie föniger Wind durch den vollen Saal, der artig lacht, wenn Merkel scherzt, und sittsam schweigt, wenn der Journalismus versagt. Aus „Wut oder Mut“ wählt erstere jedenfalls letzteres, schwadroniert über eigene Leistungen beim Umweltschutz. Und die Reporter? Schweigen so huldvoll wie nach Merkels Satz, ihre bislang mutigste Entscheidung sei der Atomausstieg, wobei sie selbst darauf hinweisen muss, kurz zuvor noch die Laufzeit verlängert zu haben. Erst aus dem Publikum gibt es am Ende so was wie Widerspruch, der ihr beim Thema Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare sogar eine Art Bekenntnis zur Ehe für alle abrang, die nur Tage später Gesetzeskraft erlangte. Auf der Bühne blieb es derweil artig.

Und das ist nicht mal tragisch. BRIGITTE LIVE will ja nur die menschliche Seite des Politischen präsentieren und ein bisschen die politische des Menschlichen. der Kanzlerin hat diese Wohlfühlatmosphäre unter Geschlechtsgenossinnen erstaunliche Offenheit abgetrotzt. Trotzdem darf man dem Charme des Gegenübers ruhig mehr entgegensetzen als „Lächeln oder Zähnezeigen“, worauf die Kanzlerin antwortet, sie „träume davon, auch dann interessiert auszusehen, wenn ich schweige“. An diesem Abend gelingt ihr das fast immer. Man lässt sie ja auch reden. Am Schluss noch mal über Ehe oder Liebe. Schön.

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