Andreas Dorau: Jupiterfred & Chartsträume

Zumindest mal Platz 98 oder so

Zwei Drittel seiner 53 Jahre ist Andreas Dorau (Foto: Gabriele Summen) nun bereits im Musikgeschäft. Nach seinem Hit Fred vom Jupiter als Teenager hat der Hamburger Pastorensohn neun Platten, mehrere Kompilationen und diverse Singles herausgebracht. Eines aber ist ihm noch immer nicht gelungen: Ein Album in die Charts zu bringen. Mit Nr. 10 Die Liebe und der Ärger der anderen soll sich das nun endlich ändern. Ein MusikBlog-Gespräch über Ehrgeiz, Hierarchie, Punchlines, Lego-Musik und wo er eine Goldene Schallplatte aufhängen würde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Andreas, nach neun Alben in bald 40 Jahren willst du endlich mal in die Charts.

Andreas Dorau: Album-Charts, wohlgemerkt. Meine Singles waren ja schon drin. Wenn man den Gesamtverkauf betrachtet, wären meine Platten zuvor wohl auch schon mal eingestiegen, er hat sich aber stets über einen zu großen Zeitraum erstreckt. Deshalb wollen wir den Leuten diesmal klarmachen, dass sie das Album frühzeitig kaufen, damit wir in der ersten Woche zumindest mal Platz 98 oder so schaffen.

Was ist dieses Vorhaben – ernster Plan oder eher ein Spaß?

Schon ersteres. Es wurmt mich einfach, in so langer Zeit kein Album in die Top 100 gekriegt zu haben. Das ist mein Ehrgeiz, so wie andere Leute irgendwann in ihrem Leben mal einen Marathon laufen wollen.

Den hast du schon geschafft?

Um Gottes willen, nein! Ich hasse es, so lang zu laufen. Wobei die Hitparade ja auch längst was wie ein Langstreckenlauf ist. Früher hat sie den Erfolg eines Künstlers gut in Zahlen ausgedrückt; heute promotet jeder zweitklassiger Rapper sein Album ein Jahr massiv im Voraus, um dann auf den Punkt genug zu verkaufen, damit er auf Platz 1 geht.

Dafür brauchte man früher Hunderttausende von Platten, jetzt gibt’s für weit weniger bereits die Goldene Schallplatte.

Und da kann ich mich noch gut an Fred vom Jupiter erinnern. Kurz, nachdem das aus den Charts gerutscht ist, wurde die Zahl dafür gesenkt. Sonst hätte ich jetzt auch eine hängen.

Wo genau?

Vermutlich bei meiner Mutter. Oder auf dem Klo, so als verachtende Geste.

Scooter hat sie dicht an dicht in den Flur zu seinem Studio gehängt. Ein sehr langer Flur…

Kann ich mir gut vorstellen. Und das hat er auch verdient, wie ich finde. Umso mehr will ich wenigstens die Charts mal schaffen. Dafür mache ich sogar ein Doppelalbum, obwohl ich so was eigentlich nicht mag. Doppelalbum zählt halt doppelt für die Charts.

Was hast du inhaltlich geändert, um es endlich zu schaffen?

Nichts. Bei den Stücken aufs Radio zu schielen – so weit geht es dann doch nicht.

Kommerziell erfolgreich zu sein, muss ja nicht gleich Anpassung heißen, sondern kann auch einfach die Bedürfnisse der Fans gezielt bedienen.

Schrecklich! Zumal ich nicht glaube, dass man Bedürfnisse berechnen kann. Es sei denn, man heißt eben Scooter; der macht wirklich Lego-Musik und das sehr gut, wie ich finde. Aber wenn ich das täte, käme ich mir blöd vor und würde mich umso mehr ärgern, wenn nicht mal das funktioniert. Musik mache ich zunächst mal für mich.

Und klingst dabei nach Aus der Bibliotheque wieder sehr viel danciger.

Mag schon sein. Das hat aber auch mit dem Zustandekommen zu tun. Aus der Bibliotheque war für mich ja insofern ungewöhnlich, als es mit Band eingespielt wurde. Das wollte ich nicht noch mal machen. Ich will jetzt nicht mehr irgendwo hin mit meiner Musik, sondern lasse sie sich entwickeln. In den drei Jahren, in denen ich an dieser Platte gebastelt habe, ist es also von allein elektronischer und damit auch danciger geworden. Es ist so ein Hybrid aus Pop und Dance, das aber niemals im Club funktionieren würde; viel zu viel Text.

Wo liegen denn die Vorteile der Arbeit mit Band?

Dass ich in der Sixties-Musik, die ich sehr mag, mehr zum Ausdruck bringen konnte. Aber da ist aus meiner Sicht jetzt alles gesagt. Und vor Gruppendynamik hatte ich ohnehin immer ein bisschen Schiss. Da schauen immer andere dabei zu, wie du arbeitest. Ich lösche gern viel, probiere rum, das möchte ich anderen nicht zumuten. Und ich will mich auf keinen Fall wiederholen.

Hat dein Hang zur Einzelarbeit auch damit zu tun, dass du dich nicht gern unter oder über ordnest?

Das könnte man so sagen. Ich mag keine Hierarchien, sondern demokratische Prozesse, und die sind ungeheuer schwer in Band-Situationen. Da arbeite ich lieber für mich.

Andererseits arbeitest du mit einem Dutzend Produzenten zusammen?

Stimmt. Aber die Ursprungsidee rührt noch aus der Lesereise meines Buches Ärger mit der Unsterblichkeit, dass ich mit Sven Regener gemacht habe, als ich meiner eigenen Person überdrüssig war und lieber über andere erzählen wollte. Eigentlich sollte das Album nämlich „Der Ärger der anderen“ heißen. Bei der Suche wurde ich allerdings mehrfach mit dem Thema Liebe konfrontiert. Das wollte ich in möglichst verschiedenen Klangkosmen durchdeklinieren.

Hört man einem Stück ohne Vorkenntnis an, ob da zum Beispiel Ja, Panik oder Snap mitgewirkt haben?

Nicht unbedingt, weil wir uns bei jedem Stück in der Mitte getroffen haben. Wenn ein Künstler so ein unverwechselbares, stets erkennbares Trademark im Sound hätte, fände ich es auch langweilig. Und würde mich da auch nicht mit deren Sängern messen wollen, die das bestimmt besser machen. Ein heiteres Produzentenraten würde daher nicht funktionieren.

Aber was genau bringen Francoise Cactus, T.Raumschmiere oder Snap! denn dann ein?

Da waren mir drei Faktoren wichtig: Haltung zur Musik, ideologische  Wellenlänge und normal großes Ego. Ich hasse Hahnenkämpfe. Und den Sound muss ich natürlich auch mögen.

Hast du von jedem deiner Mitspieler Platten im Schrank?

Eher auf dem Rechner.

Kein Vinyl mehr?

Doch, hab ich noch. Aber neues kaufe ich mir nur, wenn ein Download-Code dabei ist.

Wie viele der Lieder deiner neuen Platte genau handeln denn nun von Liebe?

Warte [kramt einen Stoß zerknitterte Zettel aus der Tasche]. Werden wir mal genau: Von 20 Stücken handeln – eins, zwei, drei, vier von der Liebe. Ich mag eigentlich keine Liebeslieder, aber 80 Prozent aller Songs sind welche, die seit Shakespeare von vier, fünf emotionalen Grundsituationen handeln. Dem ist nichts hinzuzufügen, schon gar nicht von mir. Deshalb befassen sich meine Liebeslieder auch sehr abstrakt mit ihrem Thema. Es geht zum Beispiel nie um zwei Personen.

Dein erster Track heißt Liebe ergibt keinen Sinn. Ist das so?

Abgesehen davon, dass der Text nicht von mir ist, hat er nichts mit Abgesang auf die Liebe zu tun, sondern mit einem jungen Mann, der versucht, dieses Begriffs habhaft zu werden. Ich konstruiere meine Songs gern aus Fragmenten, die ich wahllos zusammentrage.

Stehen da eher Punchlines wie „Ich habe ein Radio-Gesicht, meine Stimme ist aber nicht so gut“ am Anfang oder ein Liedkonzept?

In dem Fall hatte ich einfach seit fünf Jahren das Wort „Radiogesicht“ auf dem Zettel stehen, wusste aber nicht, ob das vielleicht zu klamaukig ist und Applaus aus der falschen Ecke kriegt, so Malle-mäßig. Ich versuche generell eher genrefreie Musik zu machen.

Ist es das, was Gereon Klug meint, wenn er dich im Text zu deiner Platte „musikalischer Wolpertinger“ nennt?

Genau. Auf dem Cover umarme ich daher auch ein Tier, halb Hyäne, halb Schwan. Ich möchte einfach so wenig linear wie möglich sein. Wenn meine Musik fröhlich klingt, ist der Text oft getragen und umgekehrt. Wobei ich mit meiner Stimme eher wenig machen kann. Ihr Tonumfang ist relativ gering und fängt unten schnell an zu schnarren. Ich habe keine feste Tonart.

Ist das womöglich dein Erfolgsgeheimnis – nicht festlegbar zu sein?

Es könnte aber auch mein Manko sein, das einem breiteren Erfolg im Wege steht. Bis jetzt. Hoffe ich.

Auf einer Skala von 1 bis 10 die Chance, dass es mit den Charts klappt diesmal?

Hmm, ich sag mal 6, bisschen besser als 50:50.

Das Gespräch ist vorab auf Musikblog.eu erschienen
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