Waxahatchee, Olli Banjo, Lucy Rose

Waxahatchee

Rrriot, das war Anfang der Neunziger mal die musikalische Ausdrucksform, mit der feministische Frauen ihrer Wut über Menschen im Besonderen und Männer in Allgemeinen Ausdruck verliehen haben, als der Feminismus im Mainstream gerade Pause zu machen schien. Ein halbes Jahrhundert später ist selbst die westliche Gesellschaft von Gleichberechtigung zwar immer noch weit entfernt, aber der richtig flammende Zorn von damals ist schon ein wenig verraucht. Vielleicht muss man Katie Crutchfield in diesem Kontext betrachten.

Mit ihrem Projekt Waxahatchee hat die Gitarristin aus Alabama gerade ihr viertes seit 2010 fertiggestellt, und ihre drei bis vier Mitmusikerinnen machen damit abermals einen Rrriotrock, der viel Aufruhr in sich trägt, dabei aber nie zornig klingt. Im Gegenteil. Jeder der zehn Tracks verströmt die gelassene Selbstsicherheit, das sich frau auch ohne Furor unaufhaltsam auf dem Weg in ein besseres Leben befindet, für das es sich zu kämpfen lohnt. Out In The Storm ist sorgsam zerschredderter Indiepop mit Engelsstimme und Folkelementen, der ganz bei sich ist. Und sehr, sehr unterhaltsam.

Waxahatchee – Out In The Storm (Merge Records)

Olli Banjo

Um sich vom Mainstream abzuheben, gibt es kein effektiveres Mittel als Gesichtstattoos. Wer so rumläuft, ist gewiss ein harter Kerl, knasterfahren und gewaltaffin. Olli Banjo mag Gewalt auch ohne Knasterfahrung nicht fremd sein. Aber Gesichtstattoos? Die muss sich der fränkische Rapper schon aufmalen, um der Aggro-Attitüde seiner neuen Platte Ausdruck zu verleihen. Trotzdem ist Großstadtschungel eher Neukölln als Mannheim. Meist grollt ein dumpfer Bass unter den Lyrics übers Leben am Brennpunkt hindurch, das Olli Banjo gleichermaßen zu lieben und zu hassen scheint. Sein gereizter Tonfall täuscht allerdings ebenso wenig wie das ganze Ghettogehabe darüber hinweg, wie sensibel der 40-Jährige nun sein Umfeld analysiert.

Vulgäre Beschimpfung der Ex wie Arschloch Dumme Sau gibt es ja auch bei Kraftklub. Und wenn er in Wir sind das Volk die AfD attackiert, ist das für den Afrodeutschen Oliver Olusegun Otubanjo womöglich weniger politisch als ein Stück Selbstbehauptung. Dennoch ist sein achtes Album das sachlichste, klügste, bedächtigste. Ohne ganz fette Punchlines, dafür voller Konsumkritik. Olli Banjos Hip-Hop hat sich von der Akklamation seines Zorns auf fast alles zur vielschichtigen Poesie der Straße entwickelt. Ein altersweiser Fortschritt.

Olli Banjo – Großstadtdschungel (Bassukah)

Lucy Rose

Mithilfe der Harfe den Eindruck himmlischer Kräfte zu erzeugen, ist nicht gerade subtil, aber schon ziemlich wirkungsvoll. Und im Fall von Lucy Rose ist es auch irgendwie naheliegend. Existierte nämlich ein dingliches Pendent zu ihrer göttlichen Stimme – es wäre zweifellos das Instrument der Engel, mit dem die Sängerin ihr neues, drittes Album einläutet. Was auf das Intro folgt, ist allerdings mehr als emotionale Effekthascherei zur Verstärkung ihrer ätherischen Aura. Auf Something’s Changing ändert die 28-Jährige aus dem südenglischen Surrey kaum etwas am erfolgreichen Konzept ihrer ersten zwei Alben.

Es ist wie gehabt gefühlvoll fließender Indie Folk, der Lucy Rose Partons Gesang gern mal mit wuchtigem Pop unterfüttert. Selbst Abstecher in Country oder Rock sind ihr dabei nicht zu profan. Dass sie wie in No Good At All sogar richtig funky klingen kann oder in der Albumtitel-Vertiefung Can’t Change It All fast orchestral, liegt der Legendenbildung zufolge allerdings an einem Roadtrip durch Südamerika, der ihr angeblich die Schüchternheit ausgetrieben habe. Veränderung ohne Wandel – bei Lucy Rose klingt das vertraut und neu in einem (der Text ist vorab auf Zeit-Online erschienen).

Lucy Rose – Something’s Changing (Communion Records)

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