Johnny Rotten: Sex Pistols & Fish’n’Chips

Freier Wille, das ist Punk!

Der diesjährige Summer of zum Thema britische Popkultur wird noch bis Mitte August auf Arte von einem ihrer krassesten Vertreter moderiert: Johnny Rotten (Foto: Martin Ehleben), einst Sänger der Sex Pistols, heute Maskottchen der früh verstorbenen Bewegung. Ein Gespräch über James Last und Britney Spears, Rebellion unter Nonnen und warum er seinen Frieden mit Deutschland gemacht hat.

Von Jan Freitag

Johnny Rotten: (auf Deutsch) Guten Morgen Hamburg.

freitagsmedien: Guten Morgen Miami, wie spricht man Sie am besten an – John, Johnny, Mr. Lydon, Mr. Rotten?

Also auf John reagiere ich manchmal ganz gut.

Bei der Vorstellung des Summer of Fish’n‘Chips hat Arte Sie als Herr Rotten angekündigt.

Mit hartem deutschen R? Großartig.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Deutschland?

Historisch betrachtet eher distanziert, aber meine Frau ist Deutsche, also doch recht eng.

Moderiert der vielleicht bekannteste lebende Punkrocker aus England deshalb eine deutsche Fernsehsendung?

Vielleicht. Aber erst in der Kombination „deutsch-französisch“ klingt es richtig gut. Ihr als Host zu dienen, empfinde ich gerade wegen dieser jahrhundertealten Feindschaft bis zum 2. Weltkrieg als angenehm europäisch. Da finde ich die Idee höchst unterhaltsam, ein wenig meines Wissens dabei zu teilen. Außerdem liebe ich visuelle Kunst.

Sie sehen also fern?

Ich höre praktisch nie damit auf! Soll ich Ihnen den die erste Erfahrung mit dem deutschem TV erzählen? Ein Auftritt von James Last und seinem Orchester vor ungefähr 45 Jahren, das mit geschwärzten Gesichtern New Orleans Jazz zu einer Art Umpaah-Techno parodiert hat. Entsetzlich! Ich habe gar nichts gegen ihn, er ist ein hervorragender Musiker, aber wenn es zu einem stilistischen Wettstreit mit der britischen Musik käme, James wäre last (lacht laut)…

Witzig. Sind Sie persönlich interessiert am Arte-Thema britischer Popkultur?

Sind Sie es?

Unbedingt.

Und was denken Sie, was das sein soll?

Musikalisch betrachtet der größtmögliche Einfluss auf alle anderen Popkulturen, größer selbst als der amerikanische.

Da bin ich mir nicht sicher. Pop heißt doch, das von allem etwas in allem steckt. Manchmal mag es da was vermeintlich Neues in einem Land früher geben als im nächsten, aber Popkultur hat weder visuell noch tonal eine Herkunft, allenfalls Orte gezielter Verdichtung. Britische Popkultur ist daher nichts als ein Label zum besseren Verständnis.

Wie fühlt es sich für Sie an, Teil davon zu sein?

Wenn man nie versucht hat, populär zu sein, sehr gut. Public Image Ltd. zum Beispiel…

Das Nachfolgeprojekt von den Sex Pistols, zugleich Firma und Band.

Der Ursprung von Pop ist doch immer die Kunst, allerdings nicht wie anderswo unterteilt in Bild, Wort oder Ton, sondern alles in einem. Wobei es mir dabei immer um Integrität ging; ich habe nie jemandem etwas vorgespielt, wie es der Pop oft tut.

Andererseits geht die Legende, die Sex Pistols seien eigentlich eine gecastete Boygroup gewesen.

Ach, der Neid ist und bleibt doch eines der mächtigsten Gefühle im Universum… Andererseits wäre die Sache mit der Boygroup ja ein wundervolles Kompliment an meinen Gesang, also danke dafür. Und als humorvoller Mensch akzeptiere ich sowieso jede Form der Herabsetzung. Vielleicht hat das was mit meiner Erziehung in einem katholischen Kloster zu tun. Sehr qualvoll, aber es hat mich duldsam gemacht.

Auch religiös?

Wenn man von einer Idee so indoktriniert wird wie ich damals, lehnt man sich entweder radikal dagegen auf oder fließt mit dem Strom. Und bei allem, was ich mir im Leben vorzuwerfen habe, gehört letzteres sicher nicht dazu. Aber die Nonnen haben es mir auch ziemlich leicht gemacht, gegen den Strom zu fließen. Weil Linkshänder wie ich seinerzeit als Gesandte Satans galten, wurde ich vom ersten Tag an misshandelt. Außerdem war ihnen verdächtig, dass ich schon mit vier lesen und schreiben konnte. Deshalb war ich wohl auch so ein schlechter Schüler.

Und schon frühzeitig ein Rebell?

Eher das, was ein Kind für rebellisch hält. Die Beatles zum Beispiel konnte ich anfangs musikalisch nicht leiden, was schon frühzeitig meinen Hang zur Anti-Musik gezeigt hat. Aber ihre Frisuren entsprachen exakt meiner Vorstellung von Aufsässigkeit. Und wo wir gerade davon sprachen: Ohne Deutschland, besonders Hamburg hätte es die Beatles nie gegeben und damit die wichtigste Band der Popkultur. So viel zur Bedeutung Englands.

Was halten Sie denn von den anderen Künstlern, die Sie im Summer of Fish’n‘Chips präsentieren?

Also die Rolling Stones hatten eine Reihe sehr inspirierender Platten, was ihre Karriere absolut rechtfertigt. Das Gleiche gilt für andere Bands, die bei Arte – und das sage ich nicht bloß, weil ich sie präsentiere: mit fantastischen Filmen gewürdigt werden. Depeche Mode zum Beispiel, und zwar schon wegen Personal Jesus. Für Opfer des Katholizismus ein saukomischer Song. Außerdem mag ich die Sleaford Mods mit ihrer rauen, verstörend unerbittlichen Art, die Verhältnisse zu kommentieren.

Sind Sie mit über 60 Jahren denn noch so politisch wie als junger Punk?

Selbst wenn ich versuchen würde, es nicht zu sein, würde mich die Tagespolitik schlicht überrollen. Nehmen Sie den Brexit, den ich anders als mal kolportiert wurde, nie unterstützt habe. Die Menschen wurden da so lange desinformiert, dass sie entweder dafür waren oder nicht abgestimmt haben. Furchtbar. Ich habe vom Leben gelernt, sich immer in politische Entscheidungen einzubringen. Schließlich diktieren sie deine eigene Zukunft.

Haben Sie als bekannter Teil der Popkultur da mehr politischen Einfluss als andere?

Da ich in den meisten Ländern der Welt schon mal Einreiseverbot hatte und vom Parlament als Hochverräter eingestuft wurde, wohl schon. Sehr ehrenvoll, aber auch gefährlich. Damals stand darauf in England ja noch die Todesstrafe. Umso wichtiger war es für mich, den Mächtigen dabei zuzusehen, wie sie sich aus purer Angst lächerlich machen. Das hat meine Empathie für die Entrechteten der Welt nur geschärft. Für sie stehe ich bis heute auf. Und das tun neue Bands wie die Sleaford Mods mit ihren Mitteln auch.

Was halten Sie von dem Label, das man denen gibt.

Ein Label? Die Armen! Welches denn?

Spoken Punk.

Oh Gott.

Wie finden sie Ihr eigenes als Urvater des Punk?

Ich bevorzuge King of Punk, dieser Titel wurde mir quasi verliehen und irgendwie habe ich ihn mir ja auch verdient.

Wodurch?

Integrität. Den Menschen nichts vorzumachen. Freier Wille – das ist Punk! Und sich nie unterkriegen zu lassen. Jeder hat nämlich das Recht auf eine Karriere. Britney Spears zum Beispiel mag nicht die intelligenteste Lebensform des Planeten sein, aber für die einen hat sie einfach tolle Musik gemacht, für andere sah sie heiß aus in ihrem Schulmädchen-Outfit; jeder kann sich da etwas rausziehen. Wer den ungeheuren Aufwand betreibt, Musik oder welche Kunstform auch immer zu machen und sich damit der Öffentlichkeit zu stellen, verdient für diesen Mut Anerkennung. Mehr verlange ich auch nicht für das, was ich mein Leben lang getan habe.

Machen Sie noch immer Musik?

Ja. Ich nenne es Throat-Whistle. Nur die Stimme, sonst nichts. Es ist mein Ehrgeiz, in Regionen zu singen, die für mich bislang unerreichbar waren. Nachdem ich die Geschichte der Musik studiert habe, wurde mir klar, dass sie nichts ist als Imitation der Natur. Das erste, was der Mensch vor Urzeiten hatte, sich künstlerlisch auszudrücken, war seine Stimme. Obwohl – ein Instrument ist mir noch wichtiger: mein Gehirn. Ich versuche bewusst, meine Gefühle durch seine Kraft in Worte zu verwandeln.

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