Max R. Leßmann, Art Feynman, Francobollo

 Max Richard Leßmann

Max Richard Leßmann ist ein Nostalgiker, dass mag ihm Ende der Neunziger noch nicht bewusst gewesen sein, aber als Gleichaltrige damals, wenn nicht für Rolf und seine Freunde, dann allenfalls für Eurodance empfänglich waren, entwickelte der Vierjährige einen Hang zum Soundtrack von Joseph Vilsmaiers Kinofilm Comedian Harmonists, antiquierte Melodien der Vorkriegszeit, orchestral fröhliches, aber ziemlich verstaubtes Zeugs. Zwei Jahrzehnte später hat sich der Sänger der Husumer Indierockband Vierkanttretlager seiner verschütteten Leidenschaft erinnert und ist auf Zeitreise gegangen. In die eigene Vergangenheit. Und in die die deutschen Popmusik insgesamt. Gute Entscheidung!

Denn Liebe in Zeiten der Follower mag trotz des Titels altmodisch wirken wie Stock und Hut und Käseigel; an der Seite seines alten Freundes Sebastian Madsen verwandelt er diesen Rückschritt in den schönsten Grenzgang zur Moderne von heute. Vollständig analog eingespielt klingt es, als forsche da jemand erfolgreich nach den Wurzeln der eigenen Musikalität. Mit Bläsern, Klavier und Geigen beträufelt, reitet bereits Spuren auf dem Mond zum Einstieg so herrlich unbedarft durch glamourösere Epochen des Pop, als wäre Leßmann dort ebenso zuhause wie in dem der Gegenwart. Und auch danach swingt sein schräger Gesang über die Liebe so schön zwischen Chanson, Big Band und Schlager, dass man ihm und uns nur wünschen kann, er bleibe noch etwas im Gestern. Das morgen ist trübe genug.

Max Richard Leßmann – Liebe in Zeiten der Follower (Caroline)

Art Feynman

Wenn das schwül warme Wetter dieser Tage eine Art natürlichen Soundtrack hätte, wenn sich der Hochsommer also gewissermaßen von allein im Kopf vertonen würde – er klänge vermutlich ungefähr wie Art Feynman. Auf seinem Debütalbum Blast Off Through The Wicker nämlich macht der Klangtüftler aus Kalifornien einen derart verschwitzten LoFi-Pop, als wäre er daheim am Pazifikstrand entstanden, ein paar kiffende Surfer im Abendrot um sich herum, glücklich erschöpft vom Tag im heißen Sand, bereit für eine laue Nacht unterm Sternenzelt. Vornehmlich mit digitalen Mitteln erstellt, mischt Feynman Triphop und Krautrock so flächig ineinander, dass die Seele buchstäblich wie auf Wellen dahin wogt.

Ein Stück wie Feeling Good About Feeling Good zum Beispiel klingt demnach nicht nur im Titel bis zur Selbstbetäubung hin tiefenentspannt sediert; dank des psychedelischen Slappings zu fiebrigen Drums und dem tief runter gepitchten Gesang lullt es beim Zuhören auch musikalisch angenehm ein. An dieser sedierenden Wirkung können selbst die ständigen E-Gitarren-Soli im Carlos-Santana-Stil nichts ändern. Kiffermusik ohne Rauschdrogenzufuhr, ziemlich perfekt für den Juli-Feierabend im Park.

Art Feynman – Blast Off Through The Wicker (Western Vinyl)

Francobollo

Wird einer musikalischen Gattung „Garage“ vorangestellt, hat das zunächst mal mit dem Ort ihres Entstehens zu tun. Grobe Handarbeit, kaum Equipment, eingespielt da, wo Vatis bestes Stück zwischen Gartengerät parkt. Kein Wunder, dass der zugehörige Sound oft nach bekiffter Bohrmaschine klingt. Also ungefähr wie Francobollo. Produziert von Charlie Andrew, der schon bei Bands wie Bloc Party an den Reglern stand, dürfte das Debütalbum Long Live Life zwar in einem exquisit ausgestatteten Studio entstanden sein; der Inhalt jedoch wirkt, als wäre er das Ergebnis eines Komabesäufnisses im Spielzeugladen.

Und das ist uneingeschränkt positiv gemeint. Schon das Auftaktstück der vier Schweden aus London verrührt Surfpunk der Sechziger mit Glamrock der Siebziger und brezelt ihn so innbrünstig mit psychedelischem Bass und Weltraumfiepsen auf, dass daraus ganz famose Garagen-Disco entsteht. Gut, Gitarrenwirrwar wie Kinky Lola oder Radio verliert sich bisweilen im selbstgefälligem Chaos. Stücke wie Good Times jedoch gleichen das funkensprühend aus. Und zeigen, dass dort, wo Libertines und Strokes einst Halt gemacht haben, endlich wieder jemand entfesselt steil geht.

Francobollo – Long Live Life (Square Leg Records)

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