Polizeigeplapper & Punkpresenter

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. Juli

Wer Björn Staschen bereits vor fünf Tagen kannte, war vermutlich ein Kollege beim NDR, aus seiner oldenburgischen Heimat oder absoluter Nachrichtenjunkie. Seit Donnerstag dürfte der Tagesschau-Reporter auch darüber hinaus vielen ein Begriff sein. Da nämlich stürzte er sich voll ins Getümmel der Ausschreitungen rings um den G20-Gipfel in Hamburg, plapperte jedoch anders als viele Verlautbarungsjournalisten nicht nach, was die Polizei verlautbaren ließ, sondern machte sich sein eigenes Bild vom Chaos. Die „angeblich 1000 Vermummten im schwarzen Block“ hat er zum Beispiel einfach mal nachgezählt und ist dabei „auf weit weniger gekommen“, wie er Donnerstag live von den Landungsbrücken berichtete.

Da selbst sein Chefredakteur Andreas Cichowicz zugleich – hüstel – vergessen hatte, Hamburgs Polizeipräsidenten im Interview nach so sperrigem Zeugs wie exekutiver Verhältnismäßigkeit zu fragen, blieb am Ende dieses bürgerkriegsartigen Wochenendes vor allem eines hängen: ausgewogener Journalismus wurde von ZDF über RTL bis n-tv oft nur vor Ort geliefert; die Studios waren in beklemmender Art und Weise staatstragend. Sollte das im Angesicht vermeintlich linker Gewaltexzesse kein falscher Eindruck sein, könnte Pro7Sat1-Vorstand Conrad Albert demnächst recht bekommen mit seiner Aussage, „nur fünf Prozent der Zuschauer von ARD und ZDF sind unter 30 Jahre alt“. Das ist zwar nachweislich falsch, aber vielleicht hat der Cheflobbyist“, wie ihn das Öffentlich-Rechtliche indigniert nannte, ja nur in die nähere Zukunft geschaut.

Die übrigens hält eine Sensation bereit: In der ersten DFB-Pokalrunde am 14. August zeigt die ARD nicht, wir wiederholen: NICHT das Spiel des FC Bayern München in Chemnitz live, sondern irgendwas anderes mit Hansa und Hertha. Das grenzt fast an Palastrevolution. Und könnte um ein paar Ecken damit zu tun haben, dass die Münchner Haus- und Hofberichterstatter der Springer AG gerade mit Constantin über den Kauf des Spartenkanals Sport1 verhandeln, um daraus womöglich einen FCB-Kanal zu machen, wer weiß.

Die Frischwoche

10. – 16. Juli

Bevor die ARD Anfang August allerdings wieder den Audi Cup überträgt, eine weitere Dauerwerbesendung für den Rekordmeister ohne sportlichen, aber mit viel kommerziellem Reiz, ist aber ohnehin fußballfreie Zeit im Fernsehen. Zeit also für den Summer of Fish’n’Chips, mit dem Arte ab Freitag seine Tradition fortsetzt, den Sommer mit einem musikalischen Schwerpunkt zu füllen. 2017 dreht er sich ums Vereinigte Königreich. Zum Auftakt zeigt der Kulturkanal um 21.50 Uhr die Dokumentation United Kingdom of Pop, dicht gefolgt von der Wiedervereinigungstour der legendären Monty Pythons vor drei Jahren, alles präsentiert von niemand geringerem als der Punk-Ikone Johnny Rotten. Tags drauf gibt es um 22.40 Uhr eine Dokumentation über die Britpop-Pioniere Pulp, dazu das letztjährige Konzert von Radiohead in Berlin, bevor am Sonntag (23.25 Uhr) der unvergessene Peter Sellers mit einem Biopic gefeiert wird.

So unterhaltsam kann es sein, wenn sich ein Sender mal ausgiebig mit einem Thema beschäftigt, das nicht nur den Mainstream befährt, sondern dessen Zuflüsse. Das wagt am Dienstag auch die ARD, wenn sie ihre dreieinhalbstündige Kurzfilmnacht zeigt. Dummerweise erst ab 2.05 Uhr, was Zuschauerzahlen im niedrigen vierstelligen Bereich nach sich ziehen dürfte. Nicht, dass irgendjemand aus dem öffentlich-rechtlichen Stammpublikum auf die Idee kommt, sich für was anderes als Show oder Krimi zu interessieren… Eine Mischung daraus ist ab Freitag um 21.15 Uhr zu sehen: Mit dem True-Crime-Format Morddeutschland spielt der NDR vier Folgen lang RTL2, indem wahre Verbrechen unterhaltungstauglich gemacht werden.

Für echten Thrill sei daher doch lieber Arte empfohlen, das am Dienstag den ganzen Abend lang an den türkischen Putsch vor einem Jahr erinnert, was die ARD tags zuvor wiederum erst um 23.10 Uhr mit einer dreiviertelstündigen Doku macht. Und bevor wie zu den Wiederholungen der Woche kommen, gibt es da noch den unerlässlichen Netflix-Tipp: Friends from Collage, eine Serie über die Tücken des Wiedersehens alter Studienfreunde ab Freitag. Schon gesehen, aber unverändert fantastisch: Marvin Krens deutscher Zombiefilm Rammbock (Montag, 23.50 Uhr, ZDF), der bereits 2010 bewiesen hat, wie viel sozialkritisches Potenzial in den Untoten schlummert. Ein Jahr zuvor ist die schwarzweiße Wiederholung vom Montag (0.20 Uhr) entstanden: Michael Hanekes weltweit gefeiertes Vorkriegsepos Das weiße Band. Und der Tatort-Tipp kommt mal wieder aus Köln: Manila von 1997 (Dienstag, 22.10 Uhr, WDR), einer der frühen Fälle des amtierenden Teams Ballauf und Schenk ums Thema Kindesmissbrauch, als es noch nicht zum Standardrepertoire des Krimis gehörte.


Dorau, London Grammar, Kamikaze Girls

Andreas Dorau

Es gibt Popstars, die waren schon immer da und sind doch kaum greifbar. Einer von ihnen ist Andreas Dorau. Als Teenager hat er sein Schul-Video um einen Außerirdischen namens Fred gegen den Willen seiner Lehrkräfte veröffentlicht und seither in 35 Jahren neun Schallplatten gemacht. So richtig abgegangen ist davon allerdings trotz des frühen Superhits keine. Und genau das will der gebürtige Hamburger im stolzen Popalter von 53 nun ändern. Sein zehntes Album Die Liebe und der Ärger der Anderen soll unbedingt in die Charts. Dafür hat er nicht nur 20 Tracks auf zwei Tonträgern kompiliert, sondern auch einen – nun ja – mehr oder weniger erlesenen Kreis Produzenten verpflichtet.

Klangtüftler von Zwanie Jonson über Moses Schneider, Mense Reents, Andreas Spechtl bis hin zu T.Raumschmiere oder dem Eurodance-Gott Luka Anzilotti von SNAP! haben das Werk begleitet und tatsächlich: Es ist absolut chartskompatibel. Also jetzt nicht für oberere Regionen, aber die Top 100. Kluger Dance mischt sich da mit schmissiger LoFi-Electronika und Disco-Schlager zu einer wirklich unterhaltsamen Melange, die ein bisschen nach Gesamtretrospektive eines der ausdauerndsten, zugleich aber unbekanntesten Stars des hiesigen Pop klingt. Wünschen wir ihm dafür mindestens mal Platz 99.

Andreas Dorau – Die Liebe und der Ärger der Anderen (Staatsakt)

London Grammar

Nahe am Trip-Hop, fern dem R’n’B und dabei alles andere als unvollkommen sind London Grammar. Seit ihrem vielbeachteten Debütalbum If You Wait hat sich das Indiepop-Trio aus dem englischen Nottingham zu einer der beliebtesten Festivalbands gemausert, Einsatzort Hauptbühne, dort wo die ganz große Show mit ganz großer Geste gefordert ist. Wenn London Grammar vier Jahre später nun mit ihrem Nachfolger genau dorthin zurückkehren, wirft das daher erneut die Frage auf, warum so ausdrucksstarker, so getragener Electro-Wave ohne jedes Dance-Element derart massenwirksam ist. Die Antwort gibt Hannah Reid.

Sie ist nicht nur eine der schönsten Frontfrauen des Indie-Pop, sondern konterkariert ihre optische Makellosigkeit mit einem Gesang von ergreifender Tiefe. Dass die Melodramatik nie in Pathos abgleitet, dafür sorgen dann schon Dan Rothman und Dominic Major. Wie einst bei U2 huschen ihre Riffs und Synths flächig unter Hannah Reids dunklem Timbre hinweg und hellen es damit angenehm auf. Ein bisschen klingt Truth Is A Beautiful Thing daher wie Birdie nach Erreichen der Volljährigkeit – ungemein vollmundig und bei aller Düsternis sehr hoffnungsfroh.

London Grammar – Truth Is A Beautiful Thing (Universal)

Kamikaze Girls

Man sagt, Musik ohne Bass fehle das Skelett, sie sei konturlos und amorph, ein einziger Brei. Das stimmt. Und ist manchmal nicht weiter schlimm. Dann zum Beispiel, wenn die Kamikaze Girls aus der alten Weberstadt Leeds ihren DIY-Punk allein mit Gitarre und Schlagzeug durch die Garage hetzen. Von den Hochgeschwindigkeitsdrums ihres Kumpels Conor Dawson angetrieben, füllt Sängerin Lucinda Livingstone die zehn Tracks ihres Debütalbums mit so verzerrtem Geschepper, dass der fehlende Bass kaum noch auffällt. Damit dieses Gitarrengemetzel allerdings nicht hoffnungslos in den höheren Tonlagen zerbirst, holt es Lucindas Gesang übers sinnentleerte Leben ihrer Generation regelmäßig auf den Boden der Harmonielehre zurück.

Atmosphärisch meistens dicht an der Achtzigerwave-Ikone Anne Clark, nur ohne deren notorisches Phlegma, verleiht dieser Gesang den Kamikaze Girls somit exakt jene wohl austarierte Ruhe, die den Begleitinstrumenten eher wesensfremd zu sein scheint. So ist Seafoam am Ende dem Emo- doch ein wenig näher als dem Noiserock. Von Gefühlsduselei kann dennoch nirgends die Rede sein. Seafoam liefert reinsten Abgehrrriotkrach, wenngleich – und das nicht nur für Feminist*inn*en mit Hintersinn.

Kamikaze Girls – Seafoam (Big Scary Monsters)


Angela Merkel: Ehe für alle & Brigitte Live

Merkels Bühnenhomestory

Seit vier Jahren lädt das Frauenmagazin Brigitte Politikerinnen zum Live-Austausch über die Grenzen von Privatem und Beruf. Gerade zum zweiten Mal dabei, nachdem zuvor bereits ihr Herausforderer Martin Schulz auf dem Podium gesessen hatte: Angela Merkel (Foto: Alexander Körner/Getty Images). freitagsmedien hat zugesehen, als die Kanzlerin mehr oder weniger gewollt die Ehe für alle auf den Weg gebracht hat, ansonsten aber in Ruhe gelassen wurde.

Von Jan Freitag

Wenn Angela Merkel tatenlos zuhören muss, entgleiten ihr gern die Gesichtszüge, bis man sie lesen kann wie ein offenes Buch. Anfang Juli zum Beispiel im Maxim-Gorki-Theater, da dauert es keine fünf Minuten, bis ihr Lächeln Bände spricht. Ende September sei Bundestagswahl, hatte ihr die Chefredakteurin der Brigitte auf einer Berliner Bühne gerade in Erinnerung gerufen und hinzugefügt, „aber Sie, liebe Frau Merkel, dürfen wie vor vier Jahren auch jetzt schon wählen.“ Als Brigitte Huber fortfuhr, diese Wahl bestünde „zwischen zwei Begriffspaaren“, entglitt Merkels Mimik bereits ins Ironische, was beim ersten Begriffspaar „zuhause oder unterwegs“ fast spöttisch wurde. Damit war nicht nur die Stimmungslage des Gastes für gut 90 Minuten festgelegt, sondern auch der Veranstaltung insgesamt.

Seit der Bundestagswahl 2013 lädt dieses Frauenmagazin aus Zeiten, da sein Name für Mädchen noch schwer en vogue war, Politikerinnen zum Kammerplaudern in die Hauptstadt. BRIGITTE LIVE ist dabei trotz der Buchstabengröße ein lockeres Beisammensein jenseits der harten Realität. Zu Beginn dieser Gesprächsreihe durfte die Kanzlerin bereits über den Tellerrand tagesaktueller Berichterstattung blicken und ihre Handhaltung erklären oder was sie an Männern attraktiv finde. Im ernsten Nachrichtengeschäft wäre das unschicklich, im Kosmos der Regenbogen-Presse ist es allenfalls das Aufwärmprogramm für die Homestory. Zu der es dann aber nicht kommt.

Angela Merkel wählt „unterwegs“.

Dumm aber auch. Aber eine prima Gelegenheit, dem World Wide Web zu zeigen, dass die mächtigste Frau der Welt mehr ist als eine jener Phrasenmaschinen, den ihr Beruf in Massen erzeugt. Merkel ist witzig, Merkel ist schlagfertig, Merkel fühle sich wohler, „seit nicht mehr so über meine Haare gelästert wird“, und wünsche sich, dass Männer ohne Elternzeit „in Erklärungsnot geraten“. Merkel ist alles, was man stets zu ahnen glaubte, aber nicht recht glauben wollte. Sie spricht von den Tücken der Hotel-Fernseher und was sie mit dem Alter zu tun haben, das selbst dieses Alphatier mit Sorgen erfülle, „ob ich die ganze moderne Entwicklung noch hinkriege“.

Kriegt sie. Bei aller Koketterie. So viel darf man voraussetzen. Was man, bei aller Güte, besser nicht voraussetzen sollte, ist das naturgegebene Talent einer Chefredakteurin zum Interview maximal prominenter Gäste. „Ja, vor allem nachts, wenn man sonst wie“ stammelt Brigitte Huber zurück und spätestens jetzt wird klar: Sie sitzt wohl doch eher fürs Protokoll hier mit ihren diagonal drapierten Beinen im Audienzstil. Das Substanzielle regelt schon Meike Dinklage. „Unser nächstes Begriffspaar lautet bergauf, bergab“, sagt Hubers Chefreporterin und zielt zwar auf Urlaubsziele ab. Doch dann entlockt sie Angela Merkel etwas von Belang. Thema Entscheidungen. Die nämlich „dauern bei mir oft sehr, sehr lang“. Wie einst in der Griechenland-Krise. Aber dann, fügt sie später hinzu, „hadere ich eigentlich nie damit“.

Es sind starke Passagen im heiteren Begriffe-Teilen, das auf der Homepage des Blattes allen Ernstes zwischen den Rubriken „Ernährung umstellen? Das passiert im Körper“ und „6 Sätze, die du niemals zu deinem Ex sagen solltest“ zu klicken ist. „Also deine neue Freundin … was willst du denn mit DER???“, solle man sich im Beisein des früheren Partners verkneifen. Darf man das im Brigitte-Kosmos bereits als Abrechnung mit Jamaika vorm dritten Treffen in vier Jahren werten? Jedenfalls wird es nun politisch – auch wenn das duale Themensystem nicht immer ganz hinhaut. Mit „80 oder 120 Prozent“ tarnt Brigitte Huber die Frage nach weiblichem Perfektionismus und erntet dafür nicht nur ein Gesichtsentgleiten der markanteren Art, sondern das Bekenntnis, bei Merkels daheim klappe es nicht so mit dem Wäscheaufhängen, „oder was meinen Sie?“

Ja, was meinen die, wenn Teilzeitarbeit angeschnitten, aber durch Wortpärchenspiele verbrämt wird? Was soll der Gegensatz von SMS und Twitter oder die Wahl zwischen Macho und Feministin? So mäandert das Podiumsgespräch warm, aber drückend wie föniger Wind durch den vollen Saal, der artig lacht, wenn Merkel scherzt, und sittsam schweigt, wenn der Journalismus versagt. Aus „Wut oder Mut“ wählt erstere jedenfalls letzteres, schwadroniert über eigene Leistungen beim Umweltschutz. Und die Reporter? Schweigen so huldvoll wie nach Merkels Satz, ihre bislang mutigste Entscheidung sei der Atomausstieg, wobei sie selbst darauf hinweisen muss, kurz zuvor noch die Laufzeit verlängert zu haben. Erst aus dem Publikum gibt es am Ende so was wie Widerspruch, der ihr beim Thema Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare sogar eine Art Bekenntnis zur Ehe für alle abrang, die nur Tage später Gesetzeskraft erlangte. Auf der Bühne blieb es derweil artig.

Und das ist nicht mal tragisch. BRIGITTE LIVE will ja nur die menschliche Seite des Politischen präsentieren und ein bisschen die politische des Menschlichen. der Kanzlerin hat diese Wohlfühlatmosphäre unter Geschlechtsgenossinnen erstaunliche Offenheit abgetrotzt. Trotzdem darf man dem Charme des Gegenübers ruhig mehr entgegensetzen als „Lächeln oder Zähnezeigen“, worauf die Kanzlerin antwortet, sie „träume davon, auch dann interessiert auszusehen, wenn ich schweige“. An diesem Abend gelingt ihr das fast immer. Man lässt sie ja auch reden. Am Schluss noch mal über Ehe oder Liebe. Schön.