ZDFneo: Horrornächte & Gruselgründe

Das ganz normale Grauen

Vier Samstage lang zeigt ZDFneo seit voriger Woche ab 22..10 Uhr bis zum Morgengrauen nahezu die gesamte Bandbreite des Horrorfilms. Und damit auch das, was sein Erfolg mit uns, dem Publikum, zu tun hat.

Von Jan Freitag

Seit Jahrtausenden, ach was – seit es Sprache gibt, neigt der Mensch in Fragen des Entertainments vermutlich zur Schizophrenie: Einerseits löst das Unbekannte, Unheimliche, Unerklärliche verlässlich Fluchtinstinkte aus. Zugleich aber hat sich Homo Sapiens schon immer gern Geschichten erzählt, die seine Ängste nicht bloß thematisieren, sondern fördern. Überliefert sind Gruselstorys jeder Art schließlich schon aus der Antike. Was den Sog des Abstoßenden betrifft, ist die Popkultur demnach wohl so alt wie das Lagerfeuer – nur fehlten ihr lange die Mittel, das Ganze übers blanke Wort hinaus angemessen zu inszenieren.

Doch als mit den Bildern auch die Furcht laufen lernte, begannen sich visuelle Medien zügig mit dem zu füllen, was erst „Grusel-“, dann „Horror-“, bald „Splatter-“ und “Slasher-“, zuletzt „Torture Porn“ genannt wurde: Zusehends fotorealistische Fiktionen unserer schlimmsten Albträume. Ein paar davon sind ab heute wieder bei ZDFneo zu sehen. Um 22.10 Uhr zeigt der Spartenkanal an vier Samstagen in Folge jeweils drei Filme, die uns vornehmlich aus nordamerikanischer Produktion mal mehr, mal weniger das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Den Auftakt bildeten vorige Woche zwei Deutschland-Premieren aus Dänemark und England. Erst variierte Bo Mikkelsons klaustrophobisches Seuchen-Szenario What We Become von 2015 das populäre Zombie-Thema mit Opfern eines unbekannten Erregers, der die Infizierten in einer beschaulichen Vorstadtsiedlung nicht zu Untoten, aber doch zur tödlichen Bedrohung macht. Danach kriegte es ein gut gefüllter Zug in Howl mit Monstern zu tun, die der Horror-Experte Paul Hyett adrett maskiert auf Fahrgäste hetzt. Und zum Schluss stiegen sechs Höhlenforscherinnen in den Abgrund des Grauens, wo sie peu à peu von menschenähnlichen Untergrundkreaturen dezimiert werden. Alles noch in der Mediathek zu sehen, alles eher hardcore.

Doch wenn diesen Samstag Zombies (Shaun of the Dead), Sadisten (Saw 1), Serienkiller (Chained) wüten und sieben Tage darauf zwei ulkige, aber blutige Persiflagen der Marke Scream laufen, bevor die Reihe am 9. September mit dem Mörderpuppen-Thema Dead Silence von 2007 endet, dann zeigt sich: Es geht der Neo-Redaktion nicht nur um die Steigerungslogik des maximal Grausamen, sondern auch um die Vielfalt eines Genres, das im Grunde bereits seit der frühen Stummfilmzeit notorisch unterschätzt wird.

Gewiss, hungrige Mutanten oder maskierte Psychokiller unzähliger B- Movies sind selten mit soziokultureller Reflexion befasst. Zugleich aber ging bereits die erste Verfilmung von Mary Shellys Frankenstein vor 107 Jahren weit über den reinen Schauwert hinaus und skizzierte die Vereinsamung einer fortschrittssüchtigen Gesellschaft mit drastischeren Methoden als das ebenso junge Sozialdrama. Ob Friedrich Murnaus isolierte Zivilisationsneurose Nosferatu (1922) oder Jack Arnolds Ergebnis Riesenspinne Tarantula (1955), das sexuell befreite Dracula-Motiv der Sechziger oder die parallel Wiedergeburt des Zombies als Opfer wie Täter der Moderne durch den unlängst verstorbenen Filmrevoluzzer George A. Romero: Zwischen Kunstblutfontänen und Schreckensschreien kommentiert das Genre die herrschenden Verhältnisse.

Natürlich geht es Konsumenten inszenierter Gräuel auch um die Auslotung der psychischen Belastbarkeit, ohne daran gleich physisch zu leiden; kaum ein Horrorfilmfan sucht den Thrill extremer Ängste ja allein im dunklen Wald voller Wölfe. Zugleich jedoch dürfte nur ein Teil der weltweit Abermillionen Zuschauer von The Walking Dead zur kleinen Gruppe jener Nerds zählen, denen kein Zombie krass genug glibbert. Erst die Tatsache, dass es vom stumpfen Gemetzel bis zur tiefgründigen Suspense, von der ultrabrutalen Allmachtphantasie Hostel bis zur verstörenden Alltagsallegorie Room 104 auch um die Frage der Abgründe unserer Zivilisation geht, hat den Horror demnach aus dem Bahnhofskino in den Mainstream geholt.

Die Dämonen am Bildschirm, das zeigte sich zuletzt in der famosen Achtzigerzeitreise Stranger Things auf Netflix, sind schließlich die Dämonen in uns selbst. Besser noch: aller anderen. Denn Horrorfilme dienen zwar – im Guten wie im Bösen – durchaus der Spiegelung menschlichen Verhaltens. Doch so wenig wie man sich mit Belehrungen zu Nachhaltigkeit, Konsumwahn oder Ungleichheit gern den sorglosen Alltag madig machen lässt, so wenig will man sich zur Entdeckung innerer Schweinehunde auf die Couch eines Psychiaters setzen. Da ist ein möglichst kluger Zombiefilm mit monströsen Platzhaltern unserer Selbstzerstörungskraft doch viel angenehmer. Und dabei sehr unterhaltsam.

  1. August

22.00 Uhr – Shaun of the Dead (GB 2014)

23.35 Uhr – Saw 1 (USA 2004)

01.20 Uhr – Chained (CAN 2012)

  1. September

22.00 Uhr Roter Drache ( USA 2001)

23.55 Uhr Scream 2 (USA 1997)

01.55 Uhr – Scream 3 (USA 2000)

  1. September

22.00 Uhr – The Raven (USA 2011)

23.40 Uhr – Re-Animator (USA 1985)

01.00 Uhr – Dead Silence – Ein Wort und du bist tot (USA 2007)

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