B. Staschen: G20-Reporter & Autonomenzähler

Ich bin kein Vermittler

Beim G20-Gipfel war die Presse nicht nur Opfer von Willkür, Gewalt und Akkreditierungsentzug, sondern auch Täterin einer Berichterstattung, die journalistische Standards vernachlässigt. Eine Ausnahme heißt: Björn Staschen. Anders als viele seiner Kollegen hat der erfahrene NDR-Reporter vier Tage für die ARD ausgewogen von den Ausschreitungen berichtet. Ein Interview mit dem Oldenburger über Neutralität im Chaos, verlässliche Quellen, das Zählen von Menschenmengen und Security im Rücken.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Staschen, wie zählt man in einem Demonstrationsaufzug von mehr als 10.000 Menschen die Vermummten ab?

Björn Staschen: Ich habe berichtet, was zwischen Fischmarkt und Landungsbrücken passiert ist, also da, wo es zur Eskalation kam. Die Zahl ließ sich ganz gut schätzen, weil sich die Vermummten organisiert am Anfang des Zuges aufgestellt haben. Genau dort haben wir über lange Zeit beobachtet, wie nach und nach Gruppen Vermummter ankamen. Unser Gefühl war dann, es seien jedenfalls am Ort des Geschehens einige hundert im größeren Schwarzen Block, nicht jene Eintausend, die von der Polizei gemeldet wurden.

Genau so haben Sie das in Ihrem Live-Bericht vor Ort auch gesagt. Was war die Zielrichtung dieser Richtigstellung?

Na ja, was habe ich da draußen: Eine gut organisierte Polizei, die mich über ihre Arbeit stets auf dem Laufenden hält. Und eine Gegenseite, die wenn überhaupt, dann nur unstrukturiert mit den Medien kommuniziert. Zwischen den zwei Polen verlasse ich mich am liebsten auf meine eigenen Eindrücke und die meiner Teamkolleginnen und -kollegen, denen zufolge es weit weniger Vermummte gab als von der Polizei angegeben. Und sie hat ihre Zahl im Nachhinein ja auch fast halbiert.

Hatten Sie je das Gefühl, die Polizei würde mit der überhöhten Zahl bewusst die anschließende Eskalation rechtfertigen?

Nein. Als Konfliktpartei ist sie zwar interessengeleitet, hat aber in dieser Situation aus meiner Sicht schlicht „Schwarzen Block“ mit „Vermummten“ verwechselt. Das war eher Verkürzung als Kalkül. In meinem Kopf läuft in so einem Fall vor allem eines ab: Wirklich verstehen zu wollen, was da passiert. Deshalb lege ich alle Fakten vor mir auf den Tisch und versuche mir daraus ein stimmiges Bild zu erstellen. Schließlich geben Polizei und Veranstalter eigentlich immer verschiedene Teilnehmerzahlen an. Und wo die Wahrheit liegt, ist ja bekannt.

Ist es Aufgabe des Reporters, zwischen den Rändern dieser Wahrheit zu vermitteln?

Nein. Mein Job da draußen ist, möglichst gut zu beschreiben, was ich sehe, was ich höre, was ich fühle und all dies möglichst korrekt einzuordnen. Ich bin kein Vermittler, sondern allenfalls Erklärer – so gut das eben möglich ist, wenn man mittendrin ist.

Kann man aus dieser Position heraus überhaupt neutral sein?

Das hängt im Falle von Demos auch davon ab, ob und wie sie eskalieren. Bei der autonomen „Welcome to Hell“ am Donnerstag vorm Gipfel befand ich mich in einer Lage, die mir von früheren Protesten bekannt war; da konnte ich mich selbst mittendrin gedanklich gut danebenstellen. Geholfen hat mir dabei aber auch, dass unser Team zwei Sicherheitskräfte von einer sehr guten Security-Firma zur Seite hatte. Die hätten vom Aussehen her auch friedliche Teilnehmer der Demonstration sein können und haben uns dadurch sehr unauffällig den Rücken freigehalten.

War das denn wirklich nötig?

Wenn man wie ich bei einer Live-Schalte vor der Kamera mit dem Rücken zum Geschehen stehen muss, schon. Ohne zu sehen, was da passiert, habe ich schon manchmal ein mulmiges Gefühl. Genau davon haben mich die beiden befreit. Ich kam mir ziemlich sicher vor.

Sicher auch vor der Polizei oder nur den Demonstranten?

Insgesamt vor Entwicklungen im Rücken, die uns vielleicht auch übersehen. Als die Polizei am Freitag über Stunden keine Kontrolle mehr über Teile des Schanzenviertels hatte, haben die Sicherheitsleute uns rausgeschoben, nachdem ihnen ein Sanitäter der Demo-Seite mitgeteilt hatte, von jetzt ab würden keine Gefangenen mehr gemacht, geht mal lieber. Als die Security uns das jenseits der Polizeikette erzählt hat, fand ich es aus purem Selbstschutz völlig richtig, gegangen zu sein. Unsere Sicherheitsschwelle liegt da vielleicht niedriger als bei anderen. Es gab ja weiter Bilder aus dem Innersten der Ausschreitungen.

Waren das jene Digitalmedien, die Sie in Ihrem Buch Mobiler Journalismus beschreiben?

Das vermag ich nicht zu qualifizieren, vielleicht sind die auch einfach zufällig vor Ort geblieben und hatten womöglich auch weniger Equipment als wir. Aber weil mobiler Journalismus in solch einer Situation weniger mit Mut als Unauffälligkeit zu tun hat, können Reporter mit kleinem Besteck oft besser arbeiten als wir. Ich habe zum Beispiel einen Kollegen von Buzz Feed getroffen, der auch, als es richtig hoch her ging, live aus dem Viertel berichtet hat. Allein mit wenig Gepäck ist man halt flexibler.

Arbeiten Sie selbst auch manchmal so?

Das News Lab des NDR arbeitet sogar oft so. Neben meinem Live-Team mit Kamera, Ton, dem großen Besteck halt, haben Benjamin Unger, Alina Stiegler und Daniel Sprehe für die Tagesschau Facebook-Livestreams vom Protest geliefert.

Was liegt Ihnen persönlich mehr?

Schwer zu sagen, aber ein Arbeitsumfang wie beim G20-Protest ließe sich mit kleinem Gepäck schon wegen der geringen Akku-Laufzeit kaum bewältigen. Aber auch unser Equipment wird gerade enorm abgespeckt. Und vor ein paar Jahren hätte ich ja auch als VJ noch einen riesigen Rucksack getragen, jetzt reicht das Telefon – das die Leute übrigens weniger verschreckt, als wenn man ihnen eine riesige Kamera unter die Nase hält; Smartphones sind die gewohnt. Ich finde ohnehin, dass das Auftreten oft wichtiger ist als die Ausrüstung.

Aber wird man mit einer klassischen nicht gerade staatlicherseits ernster genommen?

Wenn mich das jemand in Schulungen fragt, würde ich ihm antworten: Für Journalisten gibt es nichts besseres, als unterschätzt zu werden. Nicht umsonst hat sich schon manch ein Politiker im Gespräch mit einer Schülerzeitung um Kopf und Kragen geredet. Andererseits gibt es auch welche, von denen einige übrigens am Gipfelort Hamburg regieren, die ein Videoteam schon mal mit Hinweis ablehnen, sie hätten doch lieber ein richtiges Fernsehteam. Ansonsten wissen die meisten, auch die Polizei, dass Smartphones längst professionelle Arbeitsgeräte sind, die qualitativ hochwertige Bilder liefern. Man kriegt damit alle Informationen, die nötig sind.

Gibt es für einen Reporter im Getümmel überhaupt verlässliche Quellen abseits der eigenen Sicht auf die Dinge?

Zumindest keine, auf die ich mich verlasse, ohne zu hinterfragen. Die Polizei hat ein Video verbreitet, das angeblich zeigt, wie von jenem Haus, dessen Dach das SEK später geräumt hat, ein Molotowcocktail geworfen wurde. Für mich hätte das aber auch ein Feuerwerkskörper sein können. Deshalb traue ich lieber der eigenen Wahrnehmung. Und die kam, zurück zur Einstiegsfrage, eben auf weniger als 1000 Vermummte.

Trotzdem flottierte diese Zahl auch durch seriöse Medien. Gibt es einen Trend zur unkritischen Übernahme offizieller Angaben?

Eher einen Trend zur schnellen Verbreitung vermeintlicher Fakten, der auch Profis naturgemäß mehr Glauben schenken, wenn der Absender wie die Polizei eine Pressestelle mit Twitter-Timeline hat. Deshalb gibt es auch weitestgehend verlässliche Zahlen verletzter Polizisten, aber nicht der Demonstranten. Die fehlende Balance zwischen beiden Seiten gepaart mit dem hohen Tempo der Berichterstattung kann da schnell zur Verbreitung auch falscher Zahlen führen. Voreingenommenheit würde ich da niemandem unterstellen.

Auch nicht Ihrem Chefredakteur Andreas Cichowicz, der die 1000 Vermummten unkommentiert übernommen und Hamburgs Polizei-Präsident im Interview nicht nach exekutiver Verhältnismäßigkeit gefragt hat?

Ich kenne das Interview nicht und weiß nicht, ob der Vorwurf stimmt. Vielleicht stand zu dem Zeitpunkt Aussage gegen Aussage. Immer wenn ich direkt mit Andreas Cichowicz verbunden war, war er offen für alle Fakten.

Gibt es in Extremsituationen wie dem G20-Gipfel eine Standleitung des Reporters zur Chefredaktion?

Nein. Dann bräuchte die Chefredaktion gleich ein ganzes Bündel von Standleitungen zu den Reporterinnen und Reportern. Für mich ist es viel wichtiger, einen festen Ansprechpartner im Sendezentrum vor Ort für alle Belange zu haben als einen permanenten Draht nach ganz oben. Wenn ich dieser Person sage, sie möge dem Moderator dieses oder jenes mitteilen, passiert das auch in Echtzeit. Und wenn der Chefredakteur Fragen hat, kann er mich jederzeit anrufen, was er bei Bedarf auch tut. Ein rotes Telefon brauchen wir nicht.

Gab es mal Situationen, in denen Sie von jeder Bezugsperson abgeschnitten waren?

Als der Samstagabend nochmals eskaliert ist, war es zwischendurch mal schwierig, jemanden zu erreichen, weil die Sondersendungen im NDR bereits beendet waren. Aber das war nur ein kurzer Moment, kein Problem. Insgesamt hat die Kommunikation extrem professionell geklappt. Wenn man sich vor Ort auch noch mit Organisatorischem befassen müsste, würde man ja auch wahnsinnig. Gerade, wenn die Lage so intensiv ist wie während der ganzen vier Tage, die ich vom Gipfelprotest berichtet habe.

Hat sich Ihre Sicht auf die Ereignisse während dieser Zeit verändert, ist womöglich gar irgendetwas in ihnen gekippt?

Ich habe zum Glück keine feste Meinung dazu, wer für die Eskalation auf Demonstrationen tendenziell eher verantwortlich ist – Polizei oder Demonstranten. Diese Neutralität konnte ich auf vielen vergleichbaren Demos in Hamburg schärfen. Seien es die am 1. Mai, sei es der 21. Dezember 2013, als es vor der Roten Flora zu heftigen Auseinandersetzungen kam. Auch als ich selbst mal um die Ecke wohnte, war ich regelmäßig unentschieden, wer da die Henne ist und wer das Ei. So gesehen empfand ich die „Welcome to Hell“-Demo beim G20, die vor allem ausländische Journalisten als Bürgerkrieg bezeichnet haben, in der Konstellation an dem Ort als – wenn man das so sagen darf – ganz normale Eskalation.

Anders als die am Tag drauf.

Genau. Umso mehr hat mir die Nüchternheit, mit der ich die Ereignisse vom Vortag einzuordnen versucht habe, dabei geholfen, möglichst ebenso sachlich an den Ausnahmezustand am Samstag heranzugehen. Denn dass die Polizei über Stunden die Kontrolle verliert und Anwohner beim Versuch, Feuer vor ihrer Haustür zu löschen, mit Steinen beworfen werden – das hatte ich so noch nie erlebt.

Fachlich waren Sie also jederzeit Herr der Lage. Aber wie war es emotional – hat Sie die Gewaltspirale auch persönlich kalt gelassen?

Das hat es natürlich nicht. Unsere Security hat zwar viel Druck von uns genommen; uns war jederzeit bewusst, dass wir im Zweifel heil da raus kommen. Dennoch wuchs mit zunehmender Dauer auch das Unwohlsein. Dagegen hilft allerdings besonders, sich und ebenso dem Zuschauer dieses Gefühl auch einzugestehen. Das schlimmste ist, eine Gefahr zu ignorieren. Das würde im Übrigen auch der Zuschauer sofort bemerken.

Können Sie Ihre Empathie für den Berichtsgegenstand vor und nach dem Einsatz aus- und wieder einschalten?

Ich bin wohl eher jemand, der in Drucksituationen nüchtern reagiert und rational durchgeht, was zu tun ist.

Hat das was mit ihrem norddeutschen Gemüt zu tun?

Vielleicht. Das ist bei der Arbeit sehr hilfreich.

Gäbe es denn Themen, über die Sie aus persönlicher Betroffenheit dennoch nicht berichten würden?

Zum Glück ging mir bisher kein Thema emotional so nahe, dass ich für eine Berichterstattung zu betroffen wäre. Aber ich habe immer gesagt, nicht aus Krisen- und Kriegsgebieten berichten zu wollen, auch, weil mir der journalistische Ertrag in keinem Verhältnis zur persönlichen Bedrohung zu stehen scheint: Da hätte ich schlichtweg zu viel Angst, um meine Arbeit gut zu machen. Darüber hinaus saß ich im Landeselternausschuss Hamburger Kitas, als diese flächendeckend bestreikt wurden. Darüber habe ich damals nicht berichtet.

Sie berichten auch fleißig per Twitter. Ist das eine Art subjektiver Gegenpol Ihrer objektiven Berichterstattung im Fernsehen?

Nein, weil auch meine Tweets selten subjektiv sind. Beim G20 etwa hab ich, wenn es stressiger wurde, meist nur Fotos, Ortsmarken und Timestamps getwittert. Da ich nicht immer auf Sendung bin, hilft mir das einfach, zwischendurch die Situation zu dokumentieren, sofern sie berichtenswert ist. Für mich ist das integraler Bestandteil der Berichterstattung, der von einem Reporter heutzutage auch erwartet wird. Als Informationsmedium funktioniere ich bei Twitter allerdings nur dann, wenn ich es dialogisch mache. Erst durch meine Aktivität werde ich retweetet und erfahre so von anderen Tweets, die womöglich wichtige Informationen enthalten.

Ihre Timeline ist also immer auf dem Display?

Als eine von vielen Quellen, ja. Bei Demos rufe ich vor jeder Schalte die Polizei an und falls ich deren Nummern habe, auch die Veranstalter. Und wir tauschen uns über Kurznachrichtendienste mit NDR-Kollegen aus, die anderswo beobachten.

Hat der G20-Gipfel Ihr Selbstverständnis als Journalist beeinflusst, gar verändert?

Er hat mich zumindest darin bestärkt, mit dem Handwerk, das ich über die Jahre beim NDR gelernt habe, auch in Stresssituationen gut zurechtzukommen, ohne mich selbst zu überschätzen. Für diese Arbeit nun Wertschätzung zu erfahren, freut mich sehr. Dennoch bin ich überrascht, wie viel positive Rückmeldung ich nach diesen vier Tagen erhalten habe. Ich dachte, eigentlich nur meinen Job zu machen.

 

Das Interview ist vorab im journalist erschienen

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