Lord Youth, Sivu, UNKLE

Lord Youth

Was macht eigentlich Adam Green? Wo treiben sich Nick Cave und Tom Waits bloß rum? Und gibt es Kitty, Daisy & Lewis noch? Die Antwort mag ein wenig esoterisch klingen, sie ist aber durchaus naheliegend: Alle sechs haben sich in einer Wolke dematerialisiert und sind nach einer Weile musikalischen Herumirrens herabgeregnet auf die Erde, wo sie seither einen Fluss bilden, in dem ein gewisser Micah Blaichman offenbar so oft gebadet hat, bis aus ihm Lord Youth geworden ist – die Reinkarnation von fast allem, was den Sound früherer Tage für die Gegenwart verwertbar macht. Sein Debütalbum Gray Gardens klingt so herzzerreißend nostalgisch, dass man geneigt ist, diesen Fluss selber zu suchen.

Denn es ist ein echter Jungbrunnen, an dem sich Lord Youth da gelabt hat. Zwölf Stücke lang taucht er durch antiquarische Stilgewässer von Rock’n’Roll über New-Orleans-Blues und Calypso bis hin zu verschwitztem Gangster-Jazz der Schwarzweiß-Ära. Man riecht förmlich den dicken Qualm filterloser Kippen, wenn Micah im Titelstück seinen Schmusebariton über Hawaii-Gitarre und Steel-Drums legt, wenn der Psychobeatpunk in Someone Was Singing Hi Ho Silver Patina atmet, wenn andauernd verwaschene Keyboards die Harmonie stören, zugleich aber liebevoll streicheln. Für Nostalgiker ein Traum, für alle anderen einen Versuch wert.

Lord Youth – Gray Gardens (BB*ISLAND)

Sivu

James Page ist gar nicht da. Sein Gesang kommt zwar unverkennbar aus den Lautsprecherboxen. Doch er wirkt so flüchtig, fast scheu, als schäme sich der Songwriter seiner eigenen Courage, für uns alle auch auf dem zweiten Album schon wieder von sich selbst zu erzählen, seinen Träumen, den Ängsten, was so im nachdenklichen Kopf des Briten herumgeistert. Unterm Pseudonym SIVU vollführt James Page somit zum zweiten Mal nach dem Debüt Something On High das Kunststück, einem warmen Wind gleich prickelnd, aber unsichtbar durchs Ohr zu wehen und doch darin stecken zu bleiben.

Mal geigenumflort wie im quirligen Orchesterpop Lonesome, mal pianobetupft wie im nostalgischen Childhood House, hier delirierend wie im verschrobenen Opener Submersible, dort aufgeräumt und klar wie im plätschernden Kin And Chrome klingt Sweet Sweet Silent elf Stücke lang oft wie Anohni, als sie mit The Johnsons den Pop hinters Licht der eigenen Zerbrechlichkeit geführt hatte. Trotzdem lässt SIVU abgemischt vom Alt-J-Produzenten Charlie Andrew immer wieder Funken aus seiner Melodramatik sprühen. Und dann ist James Page eben doch da und kaum wieder wegzukriegen. Der schönste Tinnitus des Sommers.

Sivu – Sweet Sweet Silent (Bassukah)

UNKLE

Wenn sich Musik keinem Genre so recht zuordnen lässt. Wenn sie ohne Ziel, Halt und Heimat im Ohr herumschwirrt. Wenn selbst die Allzweck-Chiffren Pop oder Indie kaum so richtig greifen. Dann ist Musik nicht nur spannend, interessant und eigensinnig, sondern stammt mit durchaus messbarer Wahrscheinlichkeit von James Lavelle. In all den Korporationen von Richard Ashcroft über Massive Attack bis Thom Yorke ist der 43-Jährige aus Oxford zwar die Hälfte seines Lebens dem elektronischen Wave verbunden. Noch länger jedoch macht er mit seinem Band-Projekt UNKLE etwas, das atmosphärisch zwar damit zu tun hat, letztlich aber sein eigenes Fach bildet.

In 15 Stücken grast auch das neue, je nach Zählweise fünfte bis 15. Album den halben Fundus modernen Sounds ab: Trip-Hop, Power Pop, modern Classic, selbst Dance, Drones, Disco – alles flackert irgendwo auf, allerdings nicht horizontal, sondern vertikal vermengt. Stück für Stück ein neuer Kosmos. 15 kreative Richtungswechsel auf einer Platte. Verantwortlich dafür ist auch Lavelles Kammerorchester unterschiedlichster Kollegen wie Mark Lanegan (Marilyn Manson) oder Justin Stanley (Beck). Dank des durchweg getragenen Tonfalls machen sie The Road pt. 1 zu einer schwermütigen Version der fröhlichen Grenzgänger Ween oder Phoenix.

UNKLE– The Road pt. 1 (Songs for the Def)

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