A Giant Dog, Rat & Co, Diana, KMFDM

A Giant Dog

Kinder haben eine anstrengende, im Grunde aber sehr liebenswerte Angewohnheit: Sie verrichten nahezu alles im Laufschritt. Die Brut steh halt ständig und Strom, ungebremst von Konventionen und Bedacht, pure Energie. Und ein bisschen wie A Giant Dog. Das Quintett aus der texanischen Intelligenzenklave Austin macht seit Jahren einen Hipphipphurra-Funpunk, der sich vor lauter Kraft und Spielfreude dauernd selbst zu überholen droht. Das vierte Album mit dem vielsagenden Titel Toy ist das beste Beispiel für diese Art Selbstbescheunigungsrock.

Andrew Cashen, Grahem Low, Andy Bauer, Daniel Blanchard und Sängerin Sabrina Ellis dreschen jeden ihrer 13 Up-Tempo-Songs so rasant in Finish, das einem beim Zuhören ganz schwindelig wird. Aber eher wie bei einem angenehmen Schwips als im Falle fieser Übelkeit. Einprägsame Stücke wie Toy Gun sind sich dabei dann nicht mal für nervösen Quatsch wie ein schepperndes Saxofon-Sample zu schade. Eines wie der funkige Psychobeat Night Terror jedoch zeigt dann zugleich, dass es dabei nicht bloß um Geschwindigkeit und Blödsinn geht, sondern Spaß am Tempo mit Geschick.

A Giant Dog – Toy (Merge/Cargo Records)

Rat & Co

Diese Spielfreude wird man auch Rat & Co nicht absprechen. Und Josh Delaney, John Waller, Nick Park nutzen für ihren zutiefst elektronischen Pop sogar richtige Instrumente. Trotzdem hat ihr neues Album Third Law mit Toy weniger gemeinsam als ein Gitarrensolo im Hair Metal mit Kammermusik. Der Sound des Trios ähnelt einer rundumsanierten Version früher Ambient-Acts wie Air. Anders als im zeitgenössischen Techno flatterten die Samples seinerzeit noch in fester Liedstruktur aus dem Computer, wurden aber strikt am Rechner erzeugt.

Beides kennzeichnet auch die dritte Platte der drei Australier. Ihr Tonfall ist größtenteils digital, die Darreichung vielfach analog, zusammen wird daraus ein Sound, der ebenso fließt wie wummert. Dass die 13 Tracks dabei das Dasein moderner Städte vertonen sollen – na ja. Und auch die Erfindung eines neuen Genres namens „Trog“ im leicht melodramatischen I’m Not Dead sollte man eher unter der Rubrik PR abheften. Davon abgesehen ist Third Law einfach mal wieder ein wunderbares Stück Fusion von Krautrock und Electronica.

Rat & Co – Third Law (Smooch Records)

Diana

Kein Grenzgang nirgends, nichts Getragenes oder Schwermütiges, weder Richtungswechsel noch allzu offensichtliche Kreativität – es ist ziemlich rätselhaft, warum eine Band, die sich auch noch saftig-süß Diana nennt, so flächendeckend gefeiert wird wie das Trio aus Toronto. Ist es womöglich Carmen Elles gläserner Gesang, der es sich unterm swimmingpoolgekühlten Synth Pop im Stile der Achtziger gemütlich macht? Sind es all die Vergleiche mit Roxy Music oder den Cocteau Twins nach dem vielbeachteten Debüt vor vier Jahren, die man partout nicht aus dem Kopf kriegt? Und es gibt weitere drängende Fragen zum Thema.

Werden wir hier einfach infiltriert von der unerträglichen Leichtigkeit des Seins gefälliger Harmonien, denen Joseph Sabason zu den artifiziellen E-Drums von Kieran Adams allen Ernstes hier und da Saxofonpeitschen aus der Schulterpolsterära unterjubelt? So sehr man sich auch bemüht: das Geheimnis der Anziehungskraft von Familiar Touch wird auch dann nicht gelüftet, wenn man es zum zehnten Mal durch sich hindurch rauschen lässt wie einen Sommerwind am Strand. Pop hat sie nun mal, diese Fähigkeit zur Unterwanderung des guten Geschmacks mit banalsten Mitteln. Vielleicht sollte man das einfach mal kurz genießen; das nächste Proseminar sperrige Musik kommt oft schneller als gedacht…

Diana – Familiar Touch (Tin Angel Records)

KMFDM

Sperrige Musik – das galt vor 33 Jahren auch für KMFDM. Mit internationaler Unterstützung bliesen die deutschen Aktionskünstler Sascha Konietzko und Udo Sturm dem zum NDW verseiften New Wave mit brachialem Industrialrock den Marsch. Buchstäblich. Kein Mehrheit Für Die Mitleid war zutiefst treibend, aber schwer verdaulich, im Grunde weit mehr Kunstprojekt als massentauglicher Pop. Dann aber ging ihr Sound zwischen Neuer Deutscher Härte und Atari Teenage Riot, Dubstep und Skrillex auf, wurde also irgendwie obsolet, hörte aber einfach nicht auf zu existieren. Inklusive Live-Alben zwei Dutzend Platten nach dem Debüt Opium erscheint nun Hell Yeah! und zeigt, dass Konietzko der Welt vorm Fabriktor noch immer die eine oder andere Salve Furor vor den Latz knallen kann.

Doch im Gegensatz zum infernalischen Krach von früher dient der Einsatz sägender Gitarren und zackiger Drums nicht mehr nur zur Verstörung des Publikums, sondern erzeugt Liedstrukturen, die auch außerhalb sauerstoffloser Kellerclubs funktionieren. Wenn Obsession 1/2 nahtlos vom bekifften Offbeat ins sozialkritische Highspeed-Geschepper Total State Machine übergeht, dicht gefolgt vom Trashpoptechno Murder My Heart, dann spürt man also: KMFDM sind noch immer in Wallung.

KMFDM – Hell Yeah! (studio album)

 

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s