2 Bier – 1 Platte

BELGRAD & Joy Division

Ronnie Henseler ist so etwas wie ein (Punk-)Tausendsassa. Wenn er nicht in seinem Alien Network Studio in Altona beschäftigt ist, spielt er Bass bei Bands wie Kommando Sonne-nmilch oder No Life Lost. Mit seiner neuen Band BELGRAD sorgt er in der Post-Punk/New-Wave/schwereinzuordnen-Szene gerade für Aufsehen. Bei Bier und Kaffee erzählt er von seinen Nicht-Vorbildern Joy Division.

Interview: Marthe Ruddat

freitagsmedien: Hast du einen Hang zu schwermütiger Musik?

Ronnie Henseler: Ich würde eher melancholisch sagen, das auf jeden Fall. Ich laufe aber nicht so durchs Leben. Ich bin schon ein Typ, der gerne Faxen macht und Spaß hat. Und trotzdem höre ich viel Musik, die eine große Melancholie in sich trägt. Sei es in den letzten Jahren Lana del Rey aus dem Pop-Bereich, Sigur Ros oder auch Joy Division.

Ein Bandkollege hat über dich gesagt, du würdest keine Musik hören, nur Passagen. Hältst du die Melancholie nicht so lange aus oder was ist da los?

Nee nee, der Kontext war ein anderer. Ich beschäftige mich ja Tag und Nacht mit Musik, die Musik ist mein Job und ich lebe davon. Wenn ich den ganzen Tag im Studio war, brauche ich Zuhause manchmal einfach meine Ruhe und ertrage keine Musik mehr. Ich würde dann nie auf die Idee kommen, eine Platte aufzulegen.

Für dieses Gespräch musstest du dich aber trotzdem für ein Album entscheiden. Bei Joy Division ist die Auswahl wenigstens nicht so groß.

Stimmt, ich finde beide Alben auch extrem stark. Ich entscheide mich aber für das zweite Album Closer, es ist einfach noch ein bisschen extremer, düsterer, melancholischer, tiefgehender – ein bisschen mehr auf den Punkt als das erste Album.

Closer ist das zweite und letzte Album von Joy Division. Es erschien im Juli 1980 und damit bereits nach dem Tod von Ian Curtis. Der Sänger nahm sich zwei Monate zuvor das Leben. Beide Joy Division-Alben gelten als Meisterwerke des Post-Punk. Nach Curtis’ Tod legten die drei verbliebenen Bandmitglieder den Namen Joy Division ab und machten als New Order weiter.

Was macht diese Tiefe und Melancholie aus?

Man bekommt einerseits einen Einblick in das Seelenleben von Ian Curtis. Andererseits bleibt so vieles offen. Ich verstehe selbst nach einigem Nachlesen manche Texte nicht vollständig. Ian Curtis hat in einem Interview auch mal gesagt, dass er das Publikum nicht komplett an die Hand nehmen will, sondern es selbst assoziativ arbeiten soll. Ich finde, dass das bei dem Album auch sehr gut funktioniert und es dadurch eine große Kraft entwickelt.

Hast du beim Hören also immer noch Aha-Momente?

Ja, und das wirklich auch in allen Bereichen – textlich, tontechnisch oder spieltechnisch.

Welcher war der letzte?

Das letzte Mal sind mir vier Zeilen aus Isolation plötzlich besonders aufgefallen:

Mother I tried please believe me,
I’m doing the best that I can.
I’m ashamed of the things I’ve been put through,
I’m ashamed of the person I am.

Ich finde den Text so unglaublich düster und niederschmetternd. Daran merkt man, mit welcher Tiefe Curtis in Worten hantiert hat. Davor habe ich großen Respekt, das ist einfach großartig.

Joy Division – Isolation

In fear every day, every evening,
He calls her aloud from above,
Carefully watched for a reason,
Pain staking devotion and love,
Surrendered to self preservation,
From others who care for themselves.
A blindness that touches perfection,
But hurts just like anything else.

Isolation, isolation, isolation.

Mother I tried please believe me,
I’m doing the best that I can.
I’m ashamed of the things I’ve been put through,
I’m ashamed of the person I am.

Isolation, isolation, isolation.

Mit wem aus der Band würdest du gerne mal ein Bier trinken? Den Tod können wir an dieser Stelle auch mal ignorieren.

Nach allem, was ich über die Band gelesen habe, denke ich, dass ein Bier mit Ian Curtis vermutlich wirklich am interessantesten wäre. Der Bassist Peter Hook hat irgendwann mal erzählt, dass der Band erst nach Curtis’ Tod aufgefallen ist, was für Texte er überhaupt geschrieben hat. Das habe ich tatsächlich auch schon selber erlebt: Der Sänger einer meiner Bands war wütend, weil er das Gefühl hatte, wir anderen Mitglieder bekommen gar nicht mit oder uns interessiert nicht, was er da schreibt. Vor diesem Hintergrund stelle ich mir ein Gespräch mit Ian Curtis schon am spannendsten vor. Nichtsdestotrotz schätze ich, dass auch die anderen drei sehr sympathische Typen sind, die viel zu erzählen haben.

Hast du so etwas wie musikalische Vorbilder? Joy Division vielleicht?

Naja, also wenn jetzt jemand sagen würde, dass BELGRAD etwas von Joy Division hat, dann würde ich mich schon geehrt fühlen. Ich könnte es auch nachvollziehen, obwohl die Nähe eher atmosphärisch ist. Wir sind schon poppiger und deutlich durchproduzierter. Ich spreche aber nicht so gerne von Vorbildern, für mich ist es eher die Lebenseinstellung. Ich bin ja auch mit dieser DIY-Punk-Bewegung groß geworden und finde es einfach großartig, wenn Menschen etwas zu sagen haben und es auch tun. Dafür muss man auch nicht besonders geil spielen können.

Aber hat sich diesbezüglich nicht einiges geändert in den letzten Jahrzehnten?

Natürlich! Alles ist viel ausgeklügelter, viel durchproduzierter, viel perfekter geworden. Das hat auch viel mit den Aufnahmetechniken zu tun, die ich als Produzent natürlich auch gut kenne. Ich persönlich finde es aber immer sehr sympathisch, wenn ich Platten von damals höre und sie noch kleine Haken und Macken haben.

Wir müssen auch kurz über BELGRAD sprechen. Euer Albumcover ist diskussionswürdig. Was wollt ihr damit sagen?

Das Cover wurde von einer Künstlerin entworfen, ich weiß aber ehrlich gesagt gar nicht wirklich, was sie sich dabei gedacht hat. Die vordergründige Frage ist ja, ob es als sexistisch wahrgenommen wird oder nicht. Das werden die Reaktionen in den nächsten Tagen zeigen.

Aber entsprechende Diskussionen gab es?

Ja, die Frage, ob das politisch korrekt ist oder nicht, haben wir diskutiert. Uns ist bewusst, dass es dem ein oder anderen nicht gefallen könnte. Wir haben aber unsere Einschätzungen ausgetauscht und diskutiert und uns dann dafür entschieden.

Neben Ronnie Henseler gehören Stephan Mahler, Hendrik Rosenkranz und Leo Leopoldowitsch zu BELGRAD. Die Band hat in der vergangenen Woche ihr gleichnamiges Debüt bei Zeitstrafe veröffentlicht. Alle (wirklich sehenswerten) Videos und weitere Infos gibt’s unter Belgradlovers.

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