Zarah: Fernsehemanzen & Farbenpracht

Knalleffektplastefeminismus

Die ZDF-Serie Zarah will alles auf einmal: Nostalgie und Relevanz, Sex and Drugs, Politik und Glamour. Leider arbeitet sich die Serie um eine Feministin im Medienbetrieb der Siebzigerjahre so sehr an Äußerlichkeiten ab, dass all die bunten Polyesterklamotten am Ende staubiger wirken als jene Epoche, die damit kritisiert werden soll.

Von Jan Freitag

Präzise Beiläufigkeit – so kann man es natürlich auch nennen, wenn sich alles, wirklich alles an einer Fernsehserie um die Präzision der Kulisse dreht und nichts, wirklich nichts darin beiläufiger bleibt als die Handlung. Trotzdem ist es natürlich der Job eines Regisseurs, den Inhalt seines Produktes im Ringen mit dessen Optik zu verteidigen. Aber was Richard Huber bei der Vorabpremiere seiner sorgsam hochgekochten Journalismus-Serie Zarah mit „präzise Beiläufigkeit“ beschreibt, grenzt im besten Fall an Selbstverleugnung. Im schlechteren an Selbstaufgabe.

Dafür reicht ein Blick aufs Ergebnis, das fortan donnerstags nach der gelungenen Teeny-Komödie Das Pubertier im ZDF läuft. Noch besser eignet sich jedoch der Blick an einen Set, den die Produktionsfirma Bantry Bay Mitte April kurz für die Presse geöffnet hat. Damals gewährte ein verwaistes Bankgebäude in der Hamburger City dem sechsteiligen Prestigeobjekt 53 Drehtage lang Asyl im architektonischen Brutalismus seiner Zeit: 1973, dieses bewegte Jahr zwischen RAF- und Konsumterror lässt das Team um den preisgekrönten Macher vom Club der roten Bänder also wieder auferstehen.

Und wie.

Das akkurat nachgebaute Großraumbüro, wie es ältere Zuschauer womöglich vom seligen Lou Grant kennen, der vor 38 Jahren auch hierzulande das Bild vom Ameisenhaufen Zeitungsredaktion prägte, sieht aus wie ein gut sortierter Retroshop der grellen Siebziger. Wie bei Grants Los Angeles Tribune haben die Telefone auch beim Fantasiemagazin Relevant Wählscheiben. Auf dem Schreibtisch stehen Aschenbecher und Olivetti statt Café Latte und Flatscreen. Die Garderobe ist aus Polyester, das Mobiliar vogelwild, der Tonfall saftig. „Sie sehen ja hübsch aus“, flirtet Uwe Preuß als Verleger Olsen einer, pardon: Tippse zu, die „ich bin ja auch verliebt“ zurückkiekst, dass ihre Rüschenbluse vor Kichern zittert.

Wie wichtig dem ZDF die Ausstattung ist, zeigt sich aber erst richtig, als das Toptrio der Besetzungsliste im musealen Büro des Patriarchen zum Fotoshooting posiert. Links Claudia Eisingers Zarah in Stiefelchen unter grellen Hotpants, rechts Svenja Jungs Volontärin Jenny im grelleren Hosenanzug über Plateausohlen, dazwischen Torben Liebrechts Chefredakteur Kerckow im gedeckten Breitreversdreiteiler zum Schnauzer. Alle sehen aus wie im Quelle-Katalog ‘73 – wenn sich Hubers Team mal bloß so viel Mühe mit der Dramaturgie gegeben hätte wie mit dem Drumherum…

Als der Hosenschlag ebenso breit ist wie das Ego der Männer, wird die Bestsellerautorin Zarah Wolf von der fiktiven Relevant engagiert, um Leserinnen hinzuzugewinnen. Doch gleich nach ihrer Ankunft gerät die engagierte Feministin im Minirock so heftig zwischen die Herren der Schöpfung, dass sie bei ihrer Mission publizistischer Gleichberechtigung bereits am zweiten Arbeitstag eigenmächtig das frauenfeindliche Titelbild durch einen Männerhintern ersetzt. Dieses Tempo ist sicher dem Zeitplan geschuldet und wäre dramaturgisch durchaus vermittelbar. Dummerweise nutzt Richard Huber das Thema weiblicher Emanzipation vor allem zur Verdichtung aller Klischees jener Tage auf sechsmal Kaugummientertainment.

So bleibt vom Plan der ZDF-Fernsehfilmchefin Heike Hempel, „relevant und populär zu erzählen“ am Ende nicht mal letzteres übrig. Ausgerechnet Atmosphäre und Look wirken in den ersten zwei Folgen so bieder bis staubig, als sei hier der Lindenstraße das Geld ausgegangen. Gewiss, das Buch von Eva und Volker Zahn enthält auch Perlen. Als eine Sekretärin auf Zarahs Bemerkung im Fahrstuhl, sie habe nicht mit Olsen gebumst, „ich schon“ antwortet und auf die Bemerkung der emanzipierten Reporterin hin, das tue ihr Leid hinzufügt: „Mir auch“, da zeigt sich, dass der Stoff Potenzial zu leichtfüßiger Tiefe hat. Wenn man die denn suchte.

Das ZDF jedoch sucht vornehmlich nach Knalleffekten in Knallfarben. Deshalb reicht es nicht, dass Claudia Eisinger an große Vorbilder weiblicher Medienermächtigung von Wibke Bruns bis Peggy Parnass erinnert; sie muss auch noch was mit der bildhübschen Verlegertochter anfangen und ihr Blatt – das nicht zufällig an den mächtigen Stern jener Tage erinnert – parallel von Minute eins an aufmischen als sei Emanzipation Hochgeschwindigkeitswrestling, kein zähes Ringen um kleine Erfolge.

So zeigt das amerikanische dem deutschen, das binäre dem linearen Fernsehen also abermals, wie man Dekoration als Stilmittel, nicht als Wesenskern verwendet. Auch in der Amazon-Serie Good Girls Revolt geht es um Journalistinnen im Nahkampf mit schwanzgesteuerten Platzhirschen jener Epoche. Doch die Steckfrisuren und Kettenraucher darin dienen weit weniger der Optik als der Story und sind damit genau das, was sich Richard Huber auch für Zarah gewünscht hätte: beiläufig präzise.

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