Sløtface, Romano, Fuck Art, Let’s Dance

Sløtface

Ach, Norwegen ist schon bemerkenswert. Obwohl es darin vor allem Fjorde gibt und Mondpreise, ist das Land zu einem der wichtigsten im Kosmos moderner Musik geworden. Kein Wunder, dass dort selbst waschechter Punkrock ein bisschen nach Powerpop klingt. Verantwortlich dafür ist eine blutjunge Band namens Sløtface, die mal Slutface hieß, bevor das feministische Gewissen die vier Freunde zur Umbenennung rief. Das war Anfang 2016, eineinhalb Jahre nach der Gründung und ebenso lange vor der heutigen Veröffentlichung ihres Debütalbums mit dem emblematischen Titel Try Not To Freak Out.

Nicht auszurasten ist nämlich gar nicht so leicht, wenn man die zehn Stücke hört. Denn es ist ein Highspeedspaß der besonders wuchtigen Art, den Haley Shea (Gesang), Tor-Arne Vikingstad (Gitarre), Halvard Skeie Wiencke (Drums) und Lasse Lokøy (Bass) da vom heimischen Stavanger aus auf Englisch in die Welt blasen. Das Tempo ist immer eins-zwei-drei-vier-go, aber die Stimmung dazu geht dank der einfallsreichen Riffs überm Geschrammel leicht am Rückgrat vorbei direkt ins Gehirn. Pop plus Punk kann ganz schön abgebrüht klingen. Und gut.

Sløtface – Try Not To Freak Out (Propeller)

Romano

Als Roman Geike vor zwei Jahren von Köpenick aus die Rap-Republik mit einer alles andere als innovativen, aber sehr, sehr unterhaltsamen Spielart des HipHop bereicherte, war die Kritik ein wenig irritiert. Was genau war das eigentlich – noch Trash, schon Philosophie, bloß PR? Unterm Kampfnamen Romano schuf der Endreißiger mit den Flechtzöpfen schließlich Sprechgesangsrposa, die Puristen fast ebenso verstörte wie das Partyvolk, beide aber gleichermaßen so magnetisch anzog, dass sein minimalistischer Stil als irgendwie kunstvoll durchging.

Und auf seinem zweiten Album geht das ganz genauso weiter. “Wir trinken Sekt an der Champagner-Bar / wenn wir Glück haben ist Tanja da” rappt er zu extrem reduzierten Beats und lässt die Frage abermals unbeantwortet, ob das nun bloß Lalala ist oder relevant. Antwort: Egal. Wenn er im Titeltrack Copyshop “Copycopycopycopycopyshop, die Kopie von der Kopie” dichtet, wenn er den Alltag am Rande des Irrsinns beschreibt oder seinen Eltern skurrile Liebeserklärungen macht, ist das schlichtweg zum Niederknien belanglos schön wie ein wohldosierter Wodkarausch.

Romano – Copyshop (Universal)

Fuck Art, Let’s Dance

Copyshop könnte eigentlich auch das zweite Album der Hamburger Indierockband Fuck Art, Let’s Dance heißen. Wie bereits auf dem ersten namens Atlas lud sie den Ballast einer Musikgeneration auf ihre Schultern, die fieberhaft auf der Suche nach Verlässlichkeit im Morgen war und dabei gestern ebenso fündig wurde wie heute. Die Achtziger sind ja noch immer das Jahrzehnt mit der größten Sogwirkung auf alle Altersgruppen – sei es als reine Retrospektive, sei als Adaption. Und Fuck Art, Let’s Dance haben daraus etwas gemacht, das alle sehr eigensinnig bedient, ohne das ganze Zeugs von früher bloß zu kopieren.

Auch Forward! Future! ist nämlich trotz des Titels zukunftsfreudig und nostaglisch zugleich. Die elf Tracks klingen nach Neunzigerjahren, die die Achtzigerjahre in die Zehnerjahre retten. Der Raumklang ist wavig, die Aura poppig, das Resultat oft fast schon avantgardistisch, dabei aber zutiefst eingängig. Zu Nico Chams düster getragener Stimme ist dafür vor allem Tim Hansens Schlagzeug verantwortlich, dessen Highhat zwar konsequent im Offbeat, also Showmodus bleibt, während der Rest fast mathematisch vertrackt voran flattert. Gemeinsam mit der pointierten Gitarre von Romeo Sfendules’ wird daraus das Tanzbarste, was komplizierter derzeit Rock zu bieten hat. Fuck Yeah!

Fuck Art, Let’s Dance – Forward! Future! (Audiolith)

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