Insecure: Issa Rae & black feminism

Doppeldiskriminierungshumor

Auch in der zweiten Staffel der hinreißend komischen HBO-Serie Insecure zeigt deren ebenso fantastische Show-Runnerin Issa Rae seit ein paar Tagen auf Sky, wie man sich mit viel Humor und großer Wahrhaftigkeit aus der Zwickmühle befreit, in Fernsehen und der Realität eine schwarze Frau, aber nicht heiß und devot zu sein.

Von Jan Freitag

Issa Rae dürfte es im Grunde gar nicht geben, zumindest nicht am Bildschirm, wo der Mainstream genannte Hauptstrom des berechenbaren Massengeschmacks die Fließrichtung dirigiert. Jo-Issa Rae Diop, wie die sie vor 32 Jahren in Los Angeles getauft wurde, ist nämlich eher derbe als lieblich, geschweige denn hiphopvideosexy. Sie ist zudem: wenig modebewusst, schwer zu handhaben, ziemlich burschikos, und sie ist dunkelhäutig, vulgo schwarz. Zusammengenommen bildet all das eine Kombination, die man im Fernsehen allenfalls auf den Nebenschauplätzen ulkiger Sitcoms mal trifft, aber praktisch nie an vorderster Front des Leitmediums, ob linear oder gestreamt.

Andererseits: Issa Rae gibt es genau dort sehr deutlich. Und zwar derart zum Niederknien, dass man ihr noch ein paar Tausend ähnlicher Hauptrollen wünscht wie die in der HBO-Serie Insecure. Es ist die Geschichte der akademisch gebildeten, aber beruflich unterforderten Volkshochschullehrerin Issa, die nicht ohne Grund so heißt wie ihre Darstellerin, Erfinderin, Autorin, Produzentin, Regisseurin. Ohne als explizit autobiografisch präsentiert zu werden, machte sich Issa Rae vor einem Jahr zum TV-Abbild ihrer selbst und kreierte damit einen Typus Fernsehfigur, den es bis dahin eigentlich nur einmal gab: Von, über und mit Issa Rae als Awkward Black Girl in der gleichnamigen YouTube-Serie, auf die Insecure lose aufbaut .

Übersetzbar mit „verunsichert“, aber auch „ohne Absicherung“ porträtiert die Fortsetzung ab heute (9. Oktober) bei Sky wieder zwei kalifornische Frauen am Rande der 30, von denen die eine (Issa Rae) in langjähriger Beziehung (Jay Ellis) nach der alltäglichen Erfüllung sucht und die andere (Yvonne Orji) als erfolgreiche Anwältin nach der emotionalen. In den ersten acht Folgen sorgte das Ende 2016 für ein hinreißend komisches, zugleich jedoch äußerst tiefgründiges Stück feministischer Emanzipation vor afroamerikanischem Hintergrund. Aber auch jetzt schaffen es Issa und Molly, fast alle Klischees schwarzer Lebensentwürfe im weißen Mehrheitsamerika gleichsam aufzutischen und abzuräumen.

Von der viel zitierten Körperlichkeit dunkelhäutiger Menschen über ihren Opferstatus im american way of life bis hin zum vermeintlichen Rhythmus im Blut, das bei Issas lausigen Rap-Versuchen vorm Badezimmerspiegel gerinnt – unter der tatkräftigen Mithilfe des versierten Fernsehautors Larry Wilmore (The Office) wird praktisch jedes Vorurteil lustvoll inszeniert, um sodann auf ebenso kluge wie unterhaltsame Art und Weise untergraben zu werden. Schließlich haben Issa und Molly stets alle Fäden in der Hand – gerade wenn erstere in der zweiten Staffel wieder solo ist und dank ihrer ewigen College-Freundin den Markt sondiert.

Denn dabei geht es keineswegs immer nur um Romanzenaspekte wie „Mr. Perfect“ und was frau dafür anstellen sollte, ihm zu genügen. Verhandelt wird grundsätzlich auch die Rolle der doppelten Diskriminierung als weiblich und nicht-weiß. Was die beiden Hauptdarstellerinnen allerdings mit einer so grandiosen Schnodderigkeit tun, dass von Larmoyanz keine Spur ist. So viel subtile Befreiungsprosa gab es – zumal im Comedyfach – bislang selten. Und aus diesem Bewusstsein heraus wird dann besonders Issa Rae das, was ihr im Grunde gar nicht so wichtig ist: ungemein sexy. Es ist allerdings eine Erotik von innen, aus Lebensfreude und Intelligenz, Spontanität und Selbstachtung. Viel Glück dabei, Issa! Mögest du noch viele Rollen wie diese schreiben, drehen, spielen.

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