Wanda: Manuel Christoph Poppe

Liebe, Leben und Tod

Wanda, das klang schon auf dem umjubelten Debütalbum Amore, als würde Udo Jürgens in einer Wiener Spelunke besoffen das Leben feiern. Auch auf ihrer dritten Platte Niente kommt der Rotz, das Gefühl, die Bierseligkeit eher aus dem Bauch als dem Gehirn. Verantwortlich dafür ist vor allem Marco Wanda (Foto: Pistenwolf. Manuel Christoph Poppe ist daher wie die restlichen drei Mitglieder vor allem für die Umsetzung von Marco Wandas Arrangements und Texten zuständig. Eine ideale Rollenverteilung, meint der Gitarrist und erzählt auch ein bisschen was über den erstaunlichen Erfolg der österreichischen Popszene in Deutschland.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Manuel, auch bei eurer dritten Platte hat man wieder das Gefühl, Wanda macht Musik für den Moment als gäb’s kein Morgen.

Manuel Christoph Poppe: Also es ist schon mal sehr, sehr schön, wenn du das mit dem Moment aus unserer Musik heraushörst, denn er ist das Wertvollste was wir darin haben. Aber natürlich hoffen und wünschen wir uns in diesen Momenten stets, dass es den Morgen danach trotzdem noch gibt.

Umso mehr wirkt eure Musik wie das, was man gemeinhin Eskapismus nennt. Versteht man eure Lieder als kleine Fluchten aus der schwierigen Wirklichkeit falsch?

Ein bisschen. Unsere Lieder sind vielfach Angebote an andere, über schlechte Phasen in ihrem Leben hinwegzukommen oder es selbst dann zu genießen, wenn es mal nicht so läuft. Aber es stimmt schon politische Parolen oder Wahlempfehlungen findet man in unseren Liedern nicht.

Und aus welchem Grund?

Weil Liebe, Leben und Tod die wesentlichen Themen des Alltags sind, das reicht uns völlig als Handlungsspielraum.

Sind in den Liedern über die Liebe und das Leben dann verborgene Metaebenen und Metaphern enthalten, die die Welt da draußen am Ende doch im Ganzen kommentieren?

Auf jeden Fall. Das Geheimnis ist, den Song so zu gestalten, dass man beim Hören glaubt, er sei für mich geschrieben und handelt gewissermaßen von mir. Das wäre optimal, muss aber nicht sein. Man kann sich bei Wanda auch ganz ohne tieferen Sinn am Klang der Wörter und Noten erfreuen. Wir machen nur Vorschläge.

Sind eure Songs dennoch persönliche Geschichten, die mit euch selbst zu tun haben, oder abstrakte Erzählungen von allem und jedem?

Natürlich fließt in jeden Song etwas Persönliches ein, aber wir liefern jetzt kein Dylaneskes Story-Telling der eigenen Erlebniswelt. Marco ist das, wovon er singt, in der Regel nicht selbst widerfahren. Das Wesentliche an seinen Texten ist eher, ein kollektives Unterbewusstsein zu erwischen. Wir versuchen aus allem, was man so aufschnappt, die Essenz der Gefühle darin zu extrahieren und daraus Geschichten zu machen.

Was hat sich diesbezüglich am Inhalt und dem Sound drum herum seit eurem Debüt Amore verändert?

Die Arrangements sind nicht mehr so rotzig wie damals, also ein bisschen feiner. Es gab da aber keinen Plan, geschweige denn ein schlüssiges Konzept. Unser Prozess ist nach wie vor sehr organisch. Wenn Marco mit der Akustikgitarre kommt und seine Songs vorspielt, hat sich bei allen drei Alben der Rest von alleine ergeben. Der Song weiß schon, was er will; wir müssen da nicht bewusst noch ein paar Streicher oder so beifügen. Und Marco kommt auch nie mit bloßen Songfetzen, sondern fertigen Strukturen – Strophe, Refrain, Melodie, Abläufe. Wir setzen das dann nur noch um.

Fühlt ihr vier anderen euch dann dennoch als gleichberechtigte Mitarbeiter oder doch eher Dienstleister?

Wir sind absolut gleichberechtigt. Es ist ja nicht so, dass Schlagzeug, Gitarre, Bass, Keyboard gern mehr beitragen würden, aber nicht dürfen. Wir sind im Gegenteil froh, einen Songwriter wie Marco zu haben. Die Rollenverteilung ist für uns ideal. Mir reicht die Gitarre völlig aus; da muss ich nicht noch mit ihm die Akkordstruktur diskutieren.

Warum ist das Ergebnis dieses Prozesses auch außerhalb von Österreich so erfolgreich, vor allem in Deutschland?

Wenn man danach sucht, würde man gewiss gute Gründe für den aktuellen Österreich-Hype in Deutschland finden, aber wir wollen da gar nicht so analytisch rangehen.

Und falls doch, ausnahmsweise?

Spielt das transportierte Gefühl aus meiner Sicht die größere Rolle als der Wiener Dialekt mit seinem vermeintlichen Charme.

Der Erfolg deines Landsmanns Voodoo Jürgens könnte also daran liegen, dass sich die notorisch verkopften Deutschen nach dieser völlig unverstellten Bauchigkeit sehnen?

Ich glaube schon. Voodoo Jürgens ist sehr erzählerisch, Nino aus Wien eher prosaisch, Bilderbuch eher spielerisch – so bringt jeder sein Gemüt auf sehr individuelle Art so zum Ausdruck, dass man dem glaubt und zuhören will. Wir machen einfach gute Texte.

Sorgt das bereits für die Existenz einer Art Wiener Popkultur, in der alle miteinander rumhängen wie einst die Hamburger Schule?

Teils schon. Von loser Bekanntschaft bis echter Freundschaft ist alles dabei. Nino aus Wien zum Beispiel ist definitiv ein guter Freund von mir, Voodoo Jürgens kennen wir auch schon seit zehn Jahren, der Ansa Sauermann ist auch ein ganz Lieber, mit dem wir uns gut verstehen. Es gibt schon wertvolle Begegnungen, aber wir sind jetzt nicht als geschlossene Szene aktiv.

Wie weit reicht eure Resonanz – über den deutschsprachigen Raum hinaus?

A bissl. Wir haben mal in Luxemburg gespielt und es gibt immer mal wieder Berichte von Bekannten, die jemanden in London oder so kennen, aber das ist extrem vereinzelt. Aber vielleicht ergibt sich ja was in Italien, größere Ambitionen haben wir nicht.

Eines eurer Bandmitglieder ist gerade erkrankt. Sorgt so etwas dafür, nach drei Jahren Vollgas mal einen Gang zurückzuschalten?

Das würde voraussetzen, an der Sache mit dem Vollgas wäre was dran. Im letzten halben Jahr nämlich war es bei uns ziemlich ruhig, das Album haben wir eigentlich in zwei Wochen eingespielt, es gab eine Tour im März und relativ wenig im Festivalsommer. Es war eher zu wenig zu tun, was bis zur Tour im Frühjahr kaum anders werden dürfte. Bisschen gefährlich.

Inwiefern?

Ach, wenn man Zeit hat und etwas Geld auf der Kante, wird es in einem Beruf, für den man ohnehin nicht ständig früh aufstehen muss, rasch etwas strukturlos. Ich hatte zum Beispiel vor, mehr Sport zu machen, mich besser zu ernähren, mal mit einem Therapeuten über Dinge zu plaudern – hat alles nicht funktioniert, keine Chance. Meine sportlichen Ambitionen sind über die Bettkante nicht hinausgekommen, aus der Ernährung wurden Alibi-Smoothies in der Früh und aus dem Therapeuten eine Putzfrau, immerhin.

Das Interview ist vorab erschienen beim MusikBlog
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