Schmollecken & Das Verschwinden

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. Oktober

„Schon“ ist ein beschleunigtes Adverb mit erleichtertem Klang. Wer etwas „schon“ getan hat, ist seiner Zeit meist ein Stück voraus. Das verspätete „erst“ dagegen wird tendenziell im Tonfall der Enttäuschung verwendet, als ginge irgendwas Gutes gerade zu langsam. So gesehen hätten ARD und ZDF bei der Verkündung ihrer Medienumfrage, „schon 90 Prozent der Deutschen nutzen das Internet“, besser mal durch „erst“ ersetzt. Immerhin muss man sich fragen, wo denn bitte die restlichen zehn Prozent über 14 leben, um der globalen Wucht des WWW noch immer vollumfänglich entgehen – die glasfaserlose Diaspora nahe der polnischen Grenze gilt schließlich als bevölkerungsärmste…

Wie auch immer die Antwort lautet: Es war klar, dass die Öffentlich-Rechtlichen auf Grundlage der Studie fix eine Ausweitung ihrer Netzaktivitäten ankündigten, was die Privaten reflexhaft zur Forderung nach dem genauen Gegenteil zwang. Dazu passt, dass der Spiegel vorigen Montag mal wieder die Meinungsleiche aus dem Kampagnenkeller zerrte, der gebührenfinanzierte Rundfunk sei eigentlich ein Staatsfunk, weil er den Mächtigen nach dem Mund rede und überhaupt mimimi… Das erinnert in seiner Larmoyanz an den schwarzen Rotfunk-Vorwurf Richtung WDR, was allerdings in eine Zeit fiel, als die Mauer zwischen Ost und West aus Beton waren, nicht aus Verachtung.

Da die Reaktion der betroffenen Sender darauf allerdings auch wieder eher klein- als großmütig war, hocken alle Beteiligten dieser ewigen Debatte wieder in den Schmollecken ihrer Befindlichkeiten und warten auf die ordnende Hand von irgendwo, die es vor 50 Jahren vielleicht noch gab, als Aktenzeichen XY ungelöst erstmals schwarzweiß vom Röhrenapparat flimmerte und zumindest der politische Humor im Fernsehen noch witziger war als der heillos überforderte Sven Ratzke, der Dienstag im Ersten die verwaiste Late-Night hierzulande wiederbeleben sollte und daran so krachend scheiterte, dass einem das Lachen erstmal vergangen ist.

Die Frischwoche

16. – 22. Oktober

Aber vielleicht sind das ja gute Voraussetzungen für Hans-Christian Schmids allerersten Ausflug vom Kino ins Fernsehen. Sein Vierteiler Das Verschwinden um eine Mutter, die ihre vermisste Tochter im Crystal-Meth-Sumpf des bayerisch-tschechischen Grenzgebiets sucht, ist ab Sonntag um 21.45 Uhr so deprimierend und dramatisch, bei aller Tristesse provinzieller Abgründe aber auch derart brillant, dass man ungeachtet der bizarren Programmierung (die Teile 2-4 laufen erst fünf Tage später) unmöglich los kommt von dieser schwarzen Perle des linearen Programms. Seit Im Angesicht des Verbrechens hat schließlich kein TV-Format auch nur annähernd diese Sogwirkung entfaltet – was unter anderem an der herausragenden Julia Jentsch zwischen Trotz und Hoffnung liegt.

Mit der sollte sich Anja Kling in einer ähnlich verzweifelten Mutterrolle am Montag im ZDF also besser nicht messen. Dennoch ist die Verfilmung von Dirk Kurbjuweits Bestseller Angst absolut empfehlenswert. Es geht darin um einen Stalker (Udo Samel) im eigenen Haus, der Klings Fernsehfamilie bis zum äußersten nachstellt. Das ist trotz und wegen Heino Ferch als gewohnt stoischer Vater mit permanentem Rotweinschwenker zur Hand absolut sehenswert und mit einem wirklich überraschenden Ende versehen.

Dieses Gütesiegel verdient auch The Meyerowitz Stories, eine Familiensaga, deren furioser Wort- und Spielwitz eigentlich ins Kino gehört, wäre er nicht von Netflix. Die sanft mäandernde Erzählung vom alternden Künstler Harold Meyerowitz, der den verblassenden Ruhm im dauernden Disput mit seiner Verwandtschaft zu kompensieren  versucht, ist nicht nur wegen Dustin Hoffman und Emma Thompson als Ehepaar so ansehnlich. Großartig ist vor allem die ereignislose Bedächtigeit, mit der Regisseur Noah Baumbach schon Frances Ha versehen hat. Von dieser Nonchalance kann sich dann selbst ein gelungener ARD-Mittwochsfilm wie Ich war eine glückliche Frau was abschneiden, Martin Enlens feines Psychogramm zweier Nachbarn (Petra Schmidt-Schaller, Rainer Bock) im Sog einer unaufgeräumten Vergangenheit.

Parallel dazu füllt der SWR seine Primetime mit der Erinnerung an den deutschen Herbst, der vor genau 40 Jahren mit der Entführung der Landshut in sein blutiges Finale gesteuert ist. Ab 20.15 Uhr gibt es dazu erst drei faktenreiche Dokumentationen, bevor um Mitternacht Roland Suso Richters aufregendes Dokudrama Mogadischu mit Thomas Kretschmann als Pilot läuft. Das ist mit kleinem Hinweis darauf, dass Pro7 den kleinen Hype ums britische Pubsport-Ereignis Darts am Samstag mit einer vierstündigen Übertragung der German Masters ab 20.15 Uhr auszuschlachten versucht, bereits der Einstieg in die Wiederholungen der Woche.

Angefangen mit Tommy Lee Jones als Jäger des zu Unrecht verurteilten Harrison Ford Auf der Flucht von 1993 (Montag, 20.15 Uhr, Kabel1), fortgesetzt am gleichen Abend von 1984 (21.55 Uhr) auf Arte mit dem kürzlich gestorbenen John Hurt als Opfer von Orwells berühmter Gedankenpolizei. In Schwarzweiß gibt es ebenfalls zwei Tipps: Das Narrenschiff (Montag, 23.05 Uhr, MDR) von 1965 mit Vivien Leigh und Lee Marvin auf Kreuzfahrt nach Deutschland am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung. Heiterer geht es da auf einem völlig anderen Schiff zu: Raumpatrouille Orion in einer remasterten Kinoversion von 2003 (Sonntag, 20.15 Uhr, Tele5). Und Horst Schimanski kriegt es im Tatort: Kinderlieb am Dienstag um 22.10 Uhr im WDR von 1991 mit einem richtig widerlichen Vergewaltigungsfall zu tun.

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