Meute, Témé Tan, The Barr Brothers, Gloria

Meute

Die Zeiten, wo massenpopulärer Pop die Elemente Gesang, Bass, Gitarre enthalten musste, sind ebenso unwiderruflich vorbei wie jene, in denen sich die letzte große Musik-Innovation den Gebrauch gerade dieser drei Bestandteile aufs Strengste verboten hat. Rock jeder Art zum Beispiel darf heute ganz ohne Saiten inszeniert werden und Techno mit ganz, ganz vielen. Die quietschbunte Grauzone dieser Grenzverschiebung ist seit zwei Jahren viral im Netz und bei mittlerweile 150 Guerilla-Gigs auch vielfach live zu bestaunen. Nun gibt es endlich die Platte: Meute feiern ihr Debüt. Und wie gewohnt zelebriert sie dabei einen Sound, der zwar unfassbar glaubhaft nach einem sehr virtuosen Elektro-DJ klingt, aber voll und ganz analog ist.

Marching Techno heißt das mitreißende Konzept des elfköpfigen Orchesters aus St. Pauli. Unter der Leitung des Bläsers Thomas Burhorn transponiert es das Prinzip Spielmannszug sprichwörtlich mit Pauken und Trompeten so fantastisch auf den Dancefloor, dass jede(r), wirklich jede(r) schon beim allerersten Takt mit muss. Die Brass-Selection liefert das melodische Grundraunen, zwei Drummer sorgen fürs repetitive Stakkato, ein Vibrafon garniert das Ganze wie im fabelhaften Âme-Cover Rej mit virilen kleinen Klangkaskaden, alles zusammen wird spielerisch leicht, aber technoid präzise zum Wundervollsten, was seit der Geburt des HipHop die Gräben von Musik und Entertainement übersprungen hat. Das Album des Jahres – im Herbst geliefert. Danke, Meute!

Meute – Tumult (finetunes)

Témé Tan

Mit Exotik muss man im Pop nicht erst vorsichtig sein, seit der seltsame Begriff “Weltmusik” endlich im Abseits folkloristischer Musik entsorgte wurde. Was irgendwie ethnisch klingt, also für weiter entfernt aufgewachsene Ohren nach Urlaub oder so, war ja im besten Fall nicht selten die Ausschlachtung handelsüblicher Klischees, im schlechtesten der blanke Rassismus. Zum Glück hat Témé Tan einen musikalischen Hintergrund, der Vorurteilen durch polyglotte Prägung vorbeugt. Geboren im kongolesischen Kinshasa wuchs er überwiegend in Brüssel auf, wo der damals 18-Jährige ein Konzert der Beastie Boys zum Impuls einer Karriere als Musiker erklärte. Das Ergebnis hören wir heute auf seinem schlichtweg hinreißenden Debütalbum.

Nach sich selbst benannt, bündelt Témé Tan darauf elektronische Beats mit minimalistischen Grooves zu Melodieclustern, die zwar ganz fantastisch nach seiner afrikanischen Heimat klingen, aber schon wegen des französischen Gesangs unglaublich global und dabei zutiefst tanzbar. Schließlich ließ er sich für die zwölf vielschichtigen Stücke der Legende nach durch Reisen nach Brasilien, Japan oder Guinea und Kollegen wie Jai Paul, MC Solaar und zweifelsohne vom belgischen Tausendsassa Stromae inspirieren. Und genauso klingt Témé Tan dann auch: Alles für alle in einem von überhall her mit viel Herzblut und Rhythmus und Spielfreude. Ein fantastisches Debüt.

Témé Tan – Témé Tan (PIAS)

The Barr Brothers

Simon & Garfunkel hatten ihre Zeit. Und es war eine, in der die Welt schier durchgedreht ist. Wir schreiben die späten Sechzigerjahre. Heiße, Kalte, Bürger-, Banden-Kriege erschüttern die Welt, Akademiker revoltieren, Reaktionäre reagieren, der Globus steht am Abgrund, als das amerikanische Folk-Duo mit Engelszungen im Doppelgesang gegen den Irrsinn allerorten anhaucht. So gesehen wäre die Zeit durchaus reif für ein neues Simon & Garfunkel, auch wenn es im populistischen Aberwitz unserer Tage natürlich ein bisschen anders klingen müsste. Vielschichtiger, verschrobener, kakophonischer, also ein bisschen wie The Barr Brothers aus Montreal.

Unter Familiennamen fleht das amerikanische Brüderpaar Brad und Andrew, die beide nahezu alles spielen, fast so lieblich nach dem Guten, Schönen, Klugen wie einst Paul & Art. Begleitet von der kanadischen Multi-Instrumentalistin Sarah Page wirkt ihr neues Album allerdings stets leicht neben der arglos folkigen Americana-Spur des Hippie-Zeitalters. Stücke wie der betörende Opener Defibrillation (feat. Lucius) oder das trompetenunterfütterte Dream That I Head verharren nie im Harmoniegeplänkel, sondern legen hochinteressante Disharmonien unters filigrane Gitarrenpicking und garnieren es schon mal mit Mundharmonikasequenzen wie Metal-Soli. Das macht Queens of the Breakers zu einer der schönsten Überraschungen im Folkpop seit langem.

The Barr Brothers – Queens of the Breakers (Secret City Records)

Hype der Woche

Gloria

Wenn Schauspieler Musik machen, klingt das meist fürchterlich. Ochsenknecht, Schilling, Prahl, zuletzt der bemitleidenswert reflexionsbefreite Matthias Schweighöfer – betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, aber künstlerisch arm unterm Fernsehstar-Label vermarktet, zeigen die TV-Nasen allzu oft mehr Gespür für den Kontostand als musikalischen Eigensinn. Eine der seltenen Ausnahmen trägt einen Namen, den man an dieser Stelle eher nicht erwartet hätte: Klaas Heufer-Umlauf. An der Seite des Wir-sind-Helden-Gitarristen Mark Tavassol kreiert der Pro7-Sadomasochist vom Dienst einen Indiepop, der auch ohne den Klang seiner Eigenmarke ganz fabelhaft funktioniert. Auch deshalb heißt die Band nicht irgendwas mit KHU, sondern Gloria. Heute erscheint ihr drittes Album namens DA (Grönland), und wie auf den beiden zuvor paart das Duo ausgefuchsten Alternative-Sound mit der klugen Deutschpoppoesie des singenden TV-Berserkers zur aktuell angenehmsten Erscheinung des Genres hierzulande.

 

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