Babylon Berlin, Nabihah Iqbal, Cherry Dolls

Babylon Berlin

Filmmusik ohne den zugehörigen Film zu sehen, das gleicht meist einem exzentrischen Drei-Sterne-Menü für Schnupfenkranke, denen man auch getrost Stampfkartoffeln vorsetzen kann – sie kauen zwar, schlucken, verdauen. Schmecken tun sie nix. Und gerade in Zeiten wie dieser, wo vom Blockbuster bis zum Serienevent fast jedes Format mit einer lückenlosen Soundkruste überzuckert wird, wäre der Score ohne visuellen Reiz noch sinnloser als früher. Witzigerweise gibt es nun eine Ausnahme, die dramaturgisch Blockbuster und Serienevent vereinigt, tonal ab der ersten Sekunde vollumfänglich verkleistert wird – und dennoch einen Soundtrack hervorgebracht hat, der auch ohne Bildschirm funktioniert.

Die Serie heißt Babylon Berlin und hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit ihrer 38 Millionen Euro teuren Gangsterballade der Goldenen Zwanzigerjahre mit Hilfe von Sky kürzlich ein klein wenig revolutioniert. Und das liegt auch an einer Musik, die auch ohne Filme fabelhaft wirkt. Zusammengestellt vom Regisseur Tom Tykwer und seinem Tonmeister Johnny Klimek lassen die 34 Tracks der Doppel-CD nämlich nicht nur die Bilder vorm inneren Auge Karussell. Die mal wuchtige, mal feingliedrige, vielfach hypermoderne, aber angemessen nostalgische Arbeit des Leipziger Radio Symphonie Orchesters mithilfe der New Yorker Band Absolute Ensemble schafft es, sich angereichert um Chansons und Charleston jener Zeit vom Werk zu emanzipieren. Allerfeinstes Kopfkino.

Radio Symphonie Orchester Leipzig – Babylon Berlin OST (BMG)

Nabihah Iqbal

Schon klar, Google-Suchen sind wegen der kommerziell gesteuerten Algorithmen vergiftete Recherchen. Aber man kann es ja mal versuchen und den Begriff “Krautrockambient” eingeben. Trefferzahl: 137. Umgedreht ergeben die sphärischen Großklangwelten sogar 17 Hits weniger, darunter ein netter Konzertbericht über den Berliner Auftritt von Denzel + Huhn, was vermutlich eine Band ist. Das Kombi-Genre scheint also bislang eher unbekannt zu sein, aber die Überschrift der titelfreudigen taz macht schon mal ein schönes Angebot: “Wucherndes Klanggestrüpp”. Da nähern wir uns dann mit großen Schritten dem Debütalbum von Nabihah Iqbal, dessen Sound mit Krautrockambient keinesfalls ausreichend, aber doch annähernd beschrieben wird.

Vieles auf Weighing Of The Heart wäre einst wohl gut und gern als Filmsscore von Trainspotting durchgegangen, einiges erinnert an eine Jam-Session von Jean-Michel Jarre mit Tangerine Dream in der Hängematte von Bonobo und Sade. Wie beim unvergleichlichen Label Ninja Tune üblich, hat die Platte einen spürbar elektronischen Background. Schimmernde Synths und Samples grundieren jeden der elf Tracks mit lyrischer Tiefe. Darüber legt die britische Radiomoderatorin mit dem orientalischen Namen allerdings nicht nur ihren durchscheinenden Gesang, sondern auch eine Reihe echter Instrumente vom treibenden Bass bis zur wimmernden Santana-Gitarre. Das macht die Fusion aus Ambient und Krautrock so ergreifend. Vor allem aber: vielschichtig.

Nabihah Iqbal – Weighing Of The Heart (Ninja Tune)

The Cherry Dolls

Fliegersonnenbrille, Motorradlederjacke, Siebzigerjahrematte, dazu dreckig verzerrtes Gitarrengeschrammel, ein paarmal „Come on!“ im Chor und kräftig „Uaaahhh Yeah“ obendrauf: australischer Pubrock hat sich seit den Stadion-Ausgaben von AC/DC bis Rose Tattoo bereits mehrfach gehäutet, aber nie wirklich grundlegend geändert. Obwohl ihr Debütalbum Viva Los Dolls mit Psycho-Grooves und Sixties-Elementen durchsetzt ist, stehen demnach auch The Cherry Dolls in dieser Tradition. Mit stoischen Phil-Rudd-Drums und schlichten Bon-Scott-Vocals rotzt das Quintett aus Melbourne einen Sound zu Boden, der sich nie die Mühe macht, außergewöhnlich, elaboriert, gar intellektuell daherzukommen.

Tausendfach reproduzierte Refrains wie „I’m addicted to love“ führen das Metier eben lieber auf den Kern des Augenblicks zurück. Riffs, Refrain, Bridge darf, muss aber nicht sein, der polternde Bass wie eine Kneipenschlägerei, one-two-three-four ab die Post! Wenn Josh Aubry, Jacob Kagan, Jim Stirton, Brendan West und Thomas van der Vliet die Bühne betreten, tropft Whisky und Schweiß von der Decke, bis alles darunter klebt. Für Außenstehende ist das nichts als ein tausendfach reproduzierter Junggesellenabschied, für alle anderen die Quintessenz der Nacht.

The Cherry Dolls – Viva Los Dolls (Golden Robot Records)

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