Jim James, Hey Ruin, Miss Li, Fettes Brot

Jim James

Mit Coverversionen ist das so eine Sache, und nur sehr selten eine gute. Neue Bands benutzen sie gern als Erinnerungsanker in eine Vergangenheit, die nicht die ihre ist, um etwas Aufmerksamkeit zu erregen. Schlechte Bands benutzen sie, weil ihnen nichts Neues mehr einfällt, was alten Bands manchmal ähnlich geht. Coverkapellen benutzen sie, weil sie nun mal Coverkapellen sind. Und manchmal, ganz selten, will jemand, der covert, den Gecoverten wirklich Tribut zollen, also die Ehre erweisen. Jim James hängt irgendwo dazwischen, und da hängt er  ziemlich gut. Als Frontman der Rocker My Morning Jacket eher für robustes Zeug verantwortlich, bringt er nun sein zweites Album mit Coverversionen raus und steht damit auf einer Stufe mit der fabelhaften Birdie, die dem Liedgut anderer einst zu neuen Höhen verhalf.

Das tut Jim James auf Tribute To 2 noch nicht mal; die elf Tracks entlocken den Originalen keine unerwarteten Seiten oder setzen sie in ein helleres Licht. Was ihm allerdings gelingt, ist es, mit Stücken von den Bob Dylan über Willie Nelson bis Irving Berlin eine Auswahl zu treffen, die exakt den besten Tonfall zwischen Nostalgie, Interpretation und einem angenehmen Hauch Ironie findet. Mit feinem Gitarren-Picking und seiner leicht quäkenden, aber sehr wandelbaren Stimme macht Jim James selbst aus dem seifigen Lucky Man von Emerson, Lake & Palmer etwas angenehm Zeitgenössisches und erinnert mit dem Opener I Just Wasn’t Made for These Times zwar hinreißend schön an die Pet Sounds der Beach Boys, bleibt aber ganz bei sich.

Jim James – Tribute To Vol. 2

Hey Ruin

Linke Haltung zu zeigen ist leicht dieser Tage. Schön über die AfD lästern, etwas auf Trump schimpfen, bisschen FDP-Bashing – von hart- bis halbrechts bieten sich zurzeit ja reichlich Gegner zur moralischen Selbstvergewisserung an. Wer da nicht den richtigen Tonfall trifft, klingt allerdings leicht mal moralinsauer. Voriges Jahr zum Beispiel, als Hey Ruin ihr Debütalbum veröffentlicht haben, suchten die fünf Punkrocker aus Köln und Trier spürbar verkrampft nach gerechtem Zorn mit poetischer Note. Ihr Indiesound wirkte unreif, der Gesang plakativ, der alternativen Systemkritik fehlte jedes Augenzwinkern, vor allem aber Geist. Nun aber schafft der Nachfolger Poly die Wende.

Es ist keine zur zeitlosen Brillanz, über die man noch in 100 Jahren bewundernd reden wird. Immerhin jedoch eine sehr achtbare zum melodischen Hardcore abseits phrasenhafter Parolen. Damit reiht sich Poly ein zwischen Captain Planet und Fehlfarben, die ihr falsches Leben im Falschen schon immer mit viel Eigensinn und Spielfreude vertonen. Wenn Sebastian Frost das Leid der Bootsflüchtlinge als Mord besingt und im Titeltrack „Feuerfeuerfeuerfeuer“ für die Verantwortlichen fordert, erreicht das zwar noch nicht die metaphorische Wucht der Referenzgrößen von Love A bis Die Nerven. Doch zur linken Haltung zählt auch: Der Weg ist das Ziel. Hey Ruin sind auf einem guten.

Hey Ruin – Poly (This Charming Man)

Miss Li

Vorausgesetzt, Haltung ist jetzt und schon immer ein Gebot der Stunde, fällt sie oft besonders dort auf, wo man es gemeinhin am allerwenigsten erwartet. Im Dancepop etwa, dem Spielplatz von Linda Carlsson. Als Miss Li tummelt sich die schwedische Grammy-Gewinnerin zwar stilsicher im Spannungsfeld von Disco und Trash, Nischentheater und Mehrzweckhalle. Dummerweise ist die Aufmerksamkeitsindustrie allerdings anfällig für ein schwerwiegendes Missverständnis: Wer sich als Frau darin optisch präsentiert wie, sagen wir: Lady Gaga, bedient schnell das Klischee inhaltlicher Leere. Man sollte also dringend an Miss Lis schillernder Fassade vorbeihören. Es lohnt sich. Versprochen!

Wenn der Titeltrack A Woman’s Guide To Survival zu Beginn im dissonanten Synthiegewand erklärt, wie schwer es für Mädchen in einer visuellen Welt ist, Substanz zu zeigen, hat ihr neues Album nicht nur dem Namen nach Rückgrat. Anstatt sich aber in Sack & Asche zu hüllen, gibt Miss Li weiter den Paradiesvogel mit Message. Produziert von denen, die schon Rihannas Grenzgang zwischen emanzipiert und sexy inszeniert haben, entspinnt sich ein Panoptikum aus Trap, Pop, R’n’B und EDM, in dem Songs wie The Day I Die durchaus Chartsappeal ausschwitzen. Doch mit rauer Stimme macht Miss Li daraus eine Demonstration der Selbstermächtigung. Zum Tanzen. Und Krafttanken.

Miss Li – A Woman’s Guide To Survival (Pistol Packin’ Music)

Hype der Woche

Fettes Brot

Fettes Brot mit einem Hype zu umschreiben, ist eigentlich Quatsch. Die Spaßrapper aus Hamburg mögen den Klamauk zwar zur Kunstform des HipHop und bis in die seriöse Oberschicht des Sprechgesangs hinein salonfähig gemacht haben. Aber Hype? Dafür ist Nordisch By Nature einfach schon zu alt. Zu gut. Und zu haltbar. Wie haltbar, zeigen die sicht- und spürbar gealterten Doktor Renz, König Boris und Björn Beton auf ihrer furiosen Live-Platte mit dem gewohnt lustigen, aber leicht kindischen Titel Gebäck in the Days (Fettes Brot Schallplatten) nebst zugehöriger Konzert-DVD und einer kleinen Bandbiografie in Filmform. Die 16 Tracks, aufgeführt in ihrer Heimatstadt, zeigen dabei, was Fettes Brot seit 25 Jahren kennzeichnet: Bedingungsloser Einsatz für den Moshpit mit viel Humor, Tiefgang und schier unerschütterlichem Optimismus. Einziger Makel dieses gelungenen Albums: Schwule Mädchen fehlt. Ansonsten gibt’s wie immer: außen Top-Hits, innen Geschmack.

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