Heide Keller: Abschied vom Traumschiff

Es heißt ja nicht Realitätsschiff!

Seit ihre Beatrice Das Traumschiff 1981 bei seiner Jungfernfahrt betreten hat, ist Heide Keller (Foto: obs/ZDF/Dirk Bartling) das dienstbarste Lachen in Fernsehland. Nach 37 ihrer 76 Jahre auf wechselnden  ZDF-Kreuzern ist die Chefhostess nun von Bord gegangen. Ein recht ruppiges Gespräch mit der streitbaren Rheinländerin über Massenware, Ozeanwohnblocks, Starpassagiere und die Hoffnung auf altersgerechte Rollen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Keller, auf ihrer letzten Fahrt mit dem Traumschiff sagt Beatrice zu Käpt‘n Victor, der Job habe ihr nur Freude gebracht, deshalb wolle sie aufhören, bevor er zur Belastung wird. Spricht da Heide Keller auch ein bisschen selbst durch ihre größte Rolle?

Heide Keller: Genau das ist auch meine Meinung, deshalb sagen wir es beide zugleich.

Können Sie sich Das Traumschiff ohne Beatrice überhaupt vorstellen?

Das kann ich. Nach 37 Jahren Arbeit an dieser Reihe blicke ich ja auf eine sehr glückliche, erfüllte Zeit zurück. Aber man muss auch wissen, wann etwas vorbei sein sollte. Ich kenne den Plan des ZDF, dieses Vorzeigeprodukt noch möglichst lange weiter zu drehen, und wünsche ihm auch ohne mich allzeit gute Fahrt und immer ‘ne Handbreit Wasser unterm Kiel.

Wer könnte denn Ihren Part übernehmen?

Erster Vorwurf, Herr Freitag. Ich bin streng, das weiß ich, aber das sollte man wissen. Als neues Mitglied der Stammbesatzung kommt Barbara Wussow hinzu, eine sehr gute und erfahrene Schauspielerin.

Aber ja nicht als Chefstewardess – darauf zielte die Frage ab.

Nein, als Direktorin des Hotels an Bord. Beatrice, also die Chefstewardess, bleibt unbesetzt. An ihrer Stelle wurde ein kleiner Sockel mit Trikot hingestellt. Verstehen Sie was ich meine?

Vermutlich nicht, dass nun ein kleiner Sockel mit ihrer Uniform im Gang steht?

Natürlich nicht, das war ein Witz. Ich habe eben Humor und bin berühmt für meine Pointen. Der einzige, der diese hier verstanden hat, war bislang Herr Kerner. Man muss schon richtig hinhören. Frau Keller ist alt und streng.

War Barbara Wussow denn schon als Passagier an Bord?

Einmal, ja. Ich weiß aber nicht mehr wann und in welcher Folge.

Wissen Sie noch, wer Ihr allererster Gesprächspartner in der allerersten Folge war?

Der erste Satz, der jemals fürs Traumschiff gesprochen wurde, war meiner, morgens um acht auf Barbados zu Maria Sebaldt: Wo wollte ihr Mann denn hin? Aber wir haben ja nicht chronologisch gedreht, von daher könnte ich im Film zunächst mit jemand anderem geredet haben.

Walter Richter, damals zugleich der erste Tatort-Kommissar Trimmel.

Und bei uns der Gewinner eines Fernsehquiz.

Ein Mann aus der Unterschicht, der sich im Urlaubsdomizil der Oberschicht spürbar unwohl fühlt. Das ist heutzutage kaum mehr vorstellbar oder?

In der Tat. Diesen Glamour gibt es nicht mehr. Leider. Durch die vielen Ozeanwohnblocks ist die Kreuzfahrt als Ereignis fast ausgestorben. Ich weiß gar nicht, was es mit einer Schiffsreise zu tun haben soll, im Hochhaus um die Welt zu schippern. Deshalb freut es mich auch, dass das ZDF für die Produktion ein echtes Schiff mit richtigem Bug finden konnte. Es heißt ja Traumschiff, nicht Traumklotz.

Sie trauern der Exklusivität des Kreuzfahrens nach?

Ich versuche grundsätzlich, möglichst wenigen Dingen nachzutrauern. Alles hat seine Zeit. Unsere war diesbezüglich sehr besonders; und es gibt ja noch ein paar Schiffe unserer Art.

Andere Passagiere der ersten Stunde trugen Namen wie Josef Meinrad, Bruni Löbel, Günter Lamprecht, Ursula Monn, Manfred Krug, Wolfgang Kieling, Monika Peitsch, Ivan Desny – alles seinerzeit Superstars mit Bühnenerfahrung. Warum fahren von denen heute so wenige mit?

Weil es die gar nicht mehr gibt. Jeder, der mal in einer Soap drei Sätze gesagt hat, bezeichnet sich selbst als Star. Und dass die wenigen, die diesen Titel wirklich verdienen, nicht mitmachen, liegt vermutlich daran, dass der Markt mit Massenware, vor allem Krimis, überschwemmt wird. Da fehlt vielen schlicht die Zeit. Außerdem werden Schauspieler längst wie Wegwerfware behandelt. Wenn einmal die Quote nicht stimmt, wird das Format eingestellt.

Haben Sie sich je so behandelt gefühlt?

Nie. Ich hatte das Glück, dass zwischen mir und der Fernsehwelt, in der die Entscheidungen getroffen werden, immer ein Mensch dazwischen war, der alles von uns Schauspielern ferngehalten hat.

So wie Sie die Lage schildern…

Wenn Sie intelligent wären, würden Sie mich jetzt fragen, welcher Mensch das war?

Ach, die Antwort von eben klang, als hätte es an ihrer Seite generell stets Menschen gegeben, die sich um Sie persönlich bemüht hätten, nicht ein bestimmter.

Natürlich war es ein bestimmter. Und zwar Wolfgang Rademann.

Der dem deutschen Fernsehen auch die Schwarzwaldklinik geschenkt hat.

Genau der. Rademann war derjenige, der immer dafür gesorgt hat, dass all der Mist hinter den Kulissen nie bis zu uns Darstellern vorgedrungen ist.

Künstlerisch hat ihm das Feuilleton vorgeworfen, das Publikum mit leichter Kost zu unterfordern.

Das lag aber nicht an Wolfgang Rademann, sondern einem Großteil sogenannter Journalisten, die es nicht mitkriegen, wenn etwas lustig ist. Weil lustig als Gegenteil von gut gilt. Als Dieter Hallervorden mit Honig im Kopf Preis um Preis gewonnen hat, war das Erstaunen daher groß. Komik hat was mit Können zu tun; das können viele Journalisten, aber auch Schauspieler nicht beurteilen. Als sei Unterhaltung minderwertig… Kein geringerer als Berthold Brecht hat doch mal gesagt: Theater ist in erster Linie Unterhaltung. Das war meine Antwort.

Wobei die Kritik weniger dem Humor galt als der Ausblendung aller Probleme, die sich nicht bis zum Käpt’ns-Dinner lösen lassen.

Ach wissen Sie, es gibt doch auch Märchen. Deshalb heißt die Serie ja auch nicht Realitätsschiff oder Problemschiff oder Konfliktschiff, sondern Traumschiff. Wir erzählen Träume. Wer das nicht versteht, soll abschalten und weiter Krimis gucken.

Als Harald Schmidt von Journalisten ohne Ahnung gefragt wurde, warum er sich das Traumschiff antue, sagte er sinngemäß, weil er sonst nirgends beim Arbeiten Urlaub machen könne und umgekehrt.

Gute Antwort.

Wohin verreist man, wenn man wie Sie schon jeden Hafen der Welt angelaufen hat?

Dorthin, wo ich gerne bin. Wie jedermann. Im Sommer nach Italien oder Frankreich oder an die Nordsee. Lange Flüge mache ich nicht mehr.

Haben Sie je privat eine Kreuzfahrt unternommen?

Habe ich auch mal.

Gerät man als Chefstewardess mit jahrzehntelanger Berufserfahrung da nicht in so eine Art Arbeitsmodus und betrachtet das Schiff durch die Augen der Kamera?

Nein, wenn ich privat bin, bin ich privat. Auf Reisen bin ich doch keine Kritikerin.

Beenden Sie nach ihrem Abschied vom Traumschiff eigentlich auch ihre Schauspielkarriere insgesamt?

Den Gefallen werde ich Ihnen nicht tun. Ich beende eine wunderbare Phase meines Lebens, das damit hoffentlich noch lange nicht zu Ende ist. Meine Hoffnung ist eine Rolle, in der ich endlich mal so alt sein darf, wie ich bin.

Dafür alles Gute, Frau Keller.

Danke. Und verzeihen Sie meine Ungeduld.

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