Respekt-Verbot & Trash-Gewächse

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Januar

Ein Land, das jeder Weltwirtschaftskrise mit Konjunkturrekorden trotzt und über den Videobeweis weit heftiger diskutiert als den Klimawandel, ist der perfekte Ort für Platzhalterdebatten. Nur so ist zu erklären, dass der Franken Bund allen Ernstes öffentlich beklagt, in der Historytainment-Reihe Tannbach sei trotz fränkischen Standorts Niederbayrisch gesprochen worden – als sei das Problem dieses pathetischen Machwerks der Dialekt, nicht der drastische Mangel an Qualität und Hingabe.

Umso neidvoller blickt man da auf andere Medienmärkte, die Wesentlicheres zu bereden haben. In England hat die Pekinger BBC-Korrespondentin Carrie Gracie nach 30 Jahren gekündigt, weil ihr Sender Männer für dieselbe Arbeit konstant besser bezahlt als Frauen. Respekt! Für Mrs. Gracie, nicht die BBC. Ein Respekt, den auch die unvergleichliche Oprah Winfrey für ihr Bekenntnis zum Feminismus in frauenfeindlicher Zeit bei den Golden Globes verdient, bei dessen TV-Sparte – natürlich – A Handmaid‘s Tale abgeräumt hat, in denen diese Zeit zur faschistoiden Dystopie verdichtet wird.

Für eine Medien-Plattform, die sie schon mal atmosphärisch vorbereitet, verbietet sich jede Form von Respekt zwar von selber. Aber dass die Breitbart News ihren zurückgekehrten Chefdemagogen Steve Bannon nach dessen Trump-Attacke gefeuert hat, ist doch mal ein klitzekleiner Anflug von Intelligenz im grassierenden Irrsinn des globalen Populismus. Noch was ohne Anspruch auf Respekt? Ach ja, der erste Netflix-Film Bright des politischer Unzurechnungsfähigkeit eher unverdächtigen Will Smith ist von so einschüchternder Dummheit, dass der Streamingdienst jetzt die Fortsetzung verkündet hat. Fiktional ist schließlich nichts erfolgreicher als das völlige Fehlen von Niveau.

Die Frischwoche

22. – 28. Januar

Womit wir wie jedes Jahr um diese Zeit im Dschungelcamp landen, das die einen für den weltgrößten Fernsehmüll halten, die anderen für ein privates Refugium unterschwelliger Sinnversorgung. Die Gästeliste der neuen Staffel könnte das Pendel wieder ein Stück Richtung Müllhalde ausschlagen lassen. Ins RTL-Lager ziehen Freitag um 21.15 Uhr: Tina York, Ansgar Brinkmann, Giuliana Farfalla, David Friedrich, Jenny Frankhauser, Matthias Mangiapane, Tatjana Gsell, Daniele Negroni, Natascha Ochsenknecht, Sandra Steffl, Sydney Youngblood, Kattia Vides, also Trash-TV-Gewächse, Verwandte von Trash-TV-Gewächsen und der Trash-TV-übliche Ex-Fußballer, dem wir jetzt mal keine Geldprobleme unterstellen.

Um Unterstellungen geht es im weitesten Sinne Dienstag auch beim Arte-Abend zum Thema Donald Trump. Wurde der US-Präsident von Russland ins Amt gebracht, ist er geisteskrank, sind seine Wähler nur homophobe Waffennarren? Das versuchen gleich drei Dokus ab 2015 Uhr zu klären. Klärung politischer Verhältnisse war vor 50 Jahren auch die Aufgabe von Kontraste. Zum Geburtstag blickt der RBB Donnerstag um 23.45 Uhr zurück auf das einstige Ost-West-Magazin der ARD. Aus einer Zeit, als die Mauer noch stand, scheint auch ein Vierteiler im Ersten zu sein: Gestüt Hochstetten. Vier Samstage lang haben die österreichischen Pferdezüchter Zeit, sich von oberflächlichen Familiensagas der Achtziger abzusetzen, was bei diesem Thema schwer fallen dürfte.

Aus jener Zeit stammen auch einige der Fernsehlagerfeuer, an die der WDR in seinem Rückblick „60 Jahre Show“ am Montag, 22.10 Uhr) erinnert. Und auch die Terrororganisation Spectre, mit der es Daniel Craig im neuesten Bond (Mittwoch, 20.15 Uhr, ZDF) zu tun kriegt, gibt es im 007-Kosmos schon ewig.  Das gilt nach den Maßstäben eines beschleunigten Mediums auch für die drei Jubilare der Woche: Freitag serviert Vox zum 3000. Mal „Das perfekte Dinner“, drei Stunden später feiern Barbara Schöneberger und Hubertus Meyer-Burckhardt zehn Jahre Moderation der NDR Talk Show. Von gestern ist auch der ARD-Mittwochsfilm Teufelsmoor. Denn die Mystik am Mystery-Thriller um eine Frau auf der Suche nach den Geistern ihrer Kindheit ist so staubig plump, dass der entscheidende Punkt ins Hintertreffen gerät: Er ist von Frauen (Corinna Vogelsang, Brigitte Maria Bertele), mit Frauen (Silke Bodenbender, Bibiana Beglau), aber nicht für Frauen.

Das erinnert an die empfehlenswerteste Wiederholung der Woche am gleichen Abend: Margarethe von Trottas gefeiertes Porträt Rosa Luxemburg mit Barbara Sukowa als Klassenkämpferin (23 Uhr, RBB), das ihr 1986 den Deutschen Filmpreis einbrachte – einen von nur fünf für Regisseurinnen seit 1951. Von Männern mit Männern, aber auch für Frauen war 2009 die Hooligan-Romanze 66/67 (Montag, 0.25 Uhr, ZDF) um eine Gruppe Hardcore-Fußballfans (u.a. Fabian Hinrichs), die trotz schwer verdaulicher Gewaltszenen als Sympathieträger taugen. Noch schnell zwei US-Filme zum Wiederentdecken: Sophia Coppolas Regiedebüt The Virgin Suicides (Dienstag, 22.05 Uhr, Servus) von 1999 mit der damals unbekannten Kirsten Dunst als einer von vier Töchtern erzreligiöser Eltern. Und sieben Jahre älter ist Clint Eastwoods unvergleichliches Antikriegsdrama Letters From Iwo Jima (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Aus dem gleichen Jahr stammt der Tatort-Tipp Aus der Traum (Montag, 22.15 Uhr, RBB), in dem Maximilian Brückner Max Palu im Saarland ersetzt hat.

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One Comment on “Respekt-Verbot & Trash-Gewächse”

  1. S Böttcher says:

    May i leave a reply? In german language?
    Falls Ihr mal deutsch sprechen wollt, dann habe ich folgende Kritik bzgl. „15-21. Januar“:
    Die sehr schlanke Kritik über die teuere ZDF-Produktion „Tannbach“ ist grundsätzlich nicht unberechtigt, allerdings wird in den Filmen des fiktiven Dorfes nicht niederbayerisch, sondern unsiinnigerweise oberbaierisch geredet. Der von Ihnen zitierte „FrankenBund“ ist auch nicht online mit einer „Tannbach-Kritik“ präsent, sondern wohl eher der „Fränkische Bund ev.“.
    Ich erinnere hierbei an den Unterschied zwischen der „VVJ“ und etwa der „Judäischen Volksfront“ in dem Monty Python Film: „das Leben des Brian“. Die Unterschiede sind auch da nicht unerheblich, falls Sie dem Monty-Python-Film außer vordergründigem Klamauk etwas hintergründigen Humor abgewinnen können und etwaige Unterschiede ähnlich lautender aber völlig unähnlicher Widrigkeiten folgen mögen.
    Franken sprechen nicht nieder- und nicht oberbaierisch.
    Dem Verfasser des Arikels „Die Gebrauchtwoche, 15.-21. Januar“ , Jan Freitag, möchte ich den Titel „Sprachpapst“ des Monats aberkennen.
    Eure Seite ist viel zu viel auf englischer Sprache, falls man sich zu Euch äußern will.


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