Facebookverrat & Weltuntergänge

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. April

Das Böse war ganz artig, Anfang voriger Woche. Im weißen Hemd zur blauen Krawatte saß Mark Zuckerberg vorm US-Kongress, lächelte meistens scheu und gab sich ganz als Mamis Liebling mit Tischmanieren. Facebook sei eine idealistische, optimistische Firma, um „Menschen miteinander zu verbinden“, beteuerte der Chef des sozialen Netzwerks und gab zu, „dass wir nicht genug dagegen getan haben, um den Missbrauch dieser Werkzeuge zu verhindern“. Das klingt angesichts Milliarden verscherbelter, veruntreuter, versickerter Datensätze seiner Kundschaft, die er zwar willfährig mit rechtsextremem Hass mästet, aber um Gottes Willen bloß nicht mit Brustwarzen oder Schamhaaren, ein bisschen wohlfeil, aber hey – der Aktienkurs schoss sogleich in die Höhe.

Vielleicht ja auch, weil sich die Abgeordneten und Senatoren von einer analogen Unkenntnis zeigten, gegen die Oma Krause aus Oer-Erkenschwick wie ein digital native wirkt. Von daher kann man nur hoffen, dass Mark Zuckerberg wegen diverser Manipulationen im Zusammenhang mit Brexit und Wahlen vors Europaparlament geladen wird, wo erfahrungsgemäß etwas mehr Digitalexpertise vorherrscht als in den USA, wo ein Senator allen Ernstes fragte, wie Facebook denn bitteschön Geld verdiene, wenn die Mitgliedschaft doch kostenlos sei…

Sein Erscheinen wäre auch deshalb interessant, da auf dem alten Kontinent in Sachen Medien gerade ein neuer, mal frischer, oft muffiger Wind weht. Russland zum Beispiel sperrt kurzerhand Telegram, weil der Instant-Messaging-Dienst keine privaten Nutzerdaten zur Terrorabwehr freigibt. In Deutschland erlauben Verfassungsrichter derweil die Ausstrahlung illegal erlangter Beiträge wie jenen, den der MDR aus einer Massentierfabrik gezeigt hat. Und das Landgericht Berlin hat Facebook per einstweilige Verfügung verdonnert, den gelöschten Post eines Nutzers wieder einzustellen, der zwar voller Hass, aber nicht rechtswidrig ist. Dank angeblicher „Fake-News“ linker „Systemmedien“ über „sinkende Arbeitslosenzahlen oder Trump“, stand in dem Kommentar zur Wiederwahl Viktor Orbans, würden die Deutschen nämlich immer mehr verblöden.

Die Frischwoche

16. – 22. April

Das könnte auch Teil jener Dokumentation sein, die das Erste heute Abend um 22.45 Uhr zeigt. Protest und Provokation blickt auf die ersten Monate der AfD im Bundestag zurück, was einer kleinen Horrorshow des politisch Unkorrekten gleicht. Im Zweiten dagegen darf Heino Ferch zur besten Sendezeit die gruselige Vielfalt des einzigen Gesichtsausdrucks (männlich-melodramatisch) als Der Richter präsentieren, der wegen seiner entführten Tochter in einen Gewissenskonflikt gerät.

Ach ZDF…

Obwohl – zwei Stunden später ist ja wirklich was Bemerkenswertes auf dem Traumschiff-Kanal zu sehen: Hard Sun, ein BBC-Dreiteiler, in dem es zwei Londoner Polizisten mit dem drohenden Weltuntergang zu tun kriegen – mehr aber noch mit einem Geheimdienst, der alles dafür tut, Chaos und Anarchie zu vermeiden. Selbst Lügen verbreiten, Zwietracht zu säen, Kollegen zu töten. Verschwörungstheorie mit Suchtfaktor! Den entfaltet ab Donnerstag auch die neue Netflix-Serie Alienist. In dieser atmosphärisch aufwühlenden Jack-the-Ripper-Mischung aus Gangs of New York und The Knick spielt Daniel Brühl darin den Psychiater Lazlo Kreizler, für den es zur bedingungslosen Obsession wird, an der amerikanischen Ostküste des Fin de Siècle bizarre Kindermorde aufzuklären.

Nicht ganz leicht, von derart drastischer Kostümpsychokost in die gegenwärtige Realität zurückzukehren. Machen wir’s also unprätentiös: Am gleichen Abend um 20.15 Uhr zeigt 3sat eine sehenswerte Reportage über den Müll-Meister Deutschland. Tags drauf läuft ab 21.45 Uhr bei Arte der Themenschwerpunkt Black Power Pop, in dem James Brown, Aretha Franklin und Marvin Gaye porträtiert werden. Und am Sonntag um 17.55 Uhr startet auf Sat1 etwas, das eigentlich zu berechnend klingt, um niveauvoll zu sein: Hotel Herzklopfen. Moderiert von Lutz van der Horst, Sarah Mangione und Daniel Boschmann werden darin 24 einsame Senioren bei der geriatrischen Balz kaserniert, was sechsmal zwischen zynisch und liebevoll alles Mögliche sein kann, nur ganz gewiss nicht frei von Fremdscham. Und damit zu den Wiederholungen der Woche.

Morgen Nacht wiederholt Tele 5 – kurz vorm grandiosen Tatort: Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes um 22 Uhr im NDR – einen der eindrücklichsten Horrorfilme überhaupt: Das Omen von 1976, in dem es Gregory Peck um 23 Uhr mit der Wiedergeburt des Teufels im eigenen Sohn zu tun kriegt. Zwei Jahre älter ist Die Akte Odessa (Montag, 20.15 Uhr, Arte), was weniger wegen der fesselnden Story um einen Geheimbund früherer Nazis spannend ist, als wegen des Drehorts Hamburg Mitte der Siebziger. Noch ein wenig weiter zurück mit durchaus vergleichbarer Thematik reicht Margarethe von Trottas Biopic Hannah Arendt (Dienstag, 0.55 Uhr, ARD mit Barbara Sukowa in der Titelrolle dieser großen, aber auch umstrittenen Philosophin samt ihrer Totalitarismus-Theorie.


Altin Gün, Gris-de-Lin, Tom Misch

Altin Gün

Klar, einen irgendwie weltmusikalisch flatternden Popsound allein deshalb zu empfehlen, weil er westliche Zivilisation mit östlicher Exotik verbindet oder wie es gern mal heißt: Orient und Okzident, das ist im Kern schon ein bisschen kolonialistisch, Tendenz Eurozentrismus. Aber was soll man machen: Der Sound des türkischen Bandkollektivs Altin Gün klingt für angloamerikanisch geprägte Ohren zutiefst folkloristisch, hat aber diesen psychedelisch krautigen Einschlag, der das Debütalbum so fesselnd macht wie vieles, das sich dem Mainstream auf fremdartig klingende Art entzieht. Der holländische Bassist Jasper Verhulst jedenfalls war vom Turkish Funk der Sechziger bis Siebziger so begeistert, dass er ihn am Ursprungsort wiederbeleben wollte – was ihm echt mitreißend gelungen ist.

Gemeinsam mit ein paar Freunden wie Gino Groeneveld oder Nic Mauskovic suchte er per Facebook einheimische Sängerinnen, fand mit Merve Dasdemir und Erdinc Yildiz Edevit zwei außergewöhnlich stimmstarke, und macht mit mit ihnen nun einen hippiesken Retrosound, der das Fieber des Psychorock vor rund 50 Jahren wunderbar in die Gegenwart treibt. Noch wichtiger aber ist: Die orientalischen Elemente darin sind keine bloßen Accessoires, geschweige denn ethnische Anbiederungen. Auf den meisten der zehn Stücke von On (Türkisch für zehn) verschmilzt das Hier und Dort so organisch, als hätte es schon immer zusammengehört. Hat es ja auch. Nur für europäische Ohren klang das einst seltsam befremdlich. Wenn man es denn befremdlich klingen lassen wollte…

Altin Gün – On (Bongo Joe)

Gris-de-Lin

Kontrollsucht ist nicht grad die sympathischste Eigenschaft, künstlerisch betrachtet aber vielfach ertragreich. Bands von Zappa über Bowie bis Prince können davon wahre Geniestreiche singen. Die Kontrollsucht von Gris-de-Lin allerdings dürften ihre Begleitmusiker schon deshalb nicht beklagen, weil es sie schlichtweg kaum gibt. Auf ihrem Debütalbum Sprung macht die Sängerin aus dem englischen Dorset ja praktisch alles alleine. Sie schreibt melancholisch trotzige Lyrics über ihr Gefühlsleben, unterlegt sie mit ausgefuchsten Postrockstrukturen und spielt auch noch die meisten der Instrumente ein, darunter so verschiedene wie Saxofon, Klavier, Drums, Gitarre und Synthesizer.

In den lauteren Sequenzen erinnern die elf berauschenden Resultate an den rohen Hardcore von Shellac, in den leiseren an Björks bittersüßen Feenfolk, während dazwischen gern mal eine Prise The Notwist verstreut wird. Am ehesten wäre dieser (angeblich im Kindergarten mit Kindergartenequipment aufgenommene) DIY-Alleingang daher wohl mit einer Art New Prog beschrieben. Vom experimentellen Artrock bis zur lieblichen Popballade ist schließlich außer Hip-Hop das meiste dabei. Und auf der Bühne, heißt es, sogar andere Musiker.

Gris-de-Lin – Sprung (BB*Island)

Tom Misch

Und gleich noch so ein Alleskönner/Allesmacher/Alleswoller,  der schon als Teenager diverse Klangkosmen auf eigene Faust erkundet hat: Tom Misch. Mit gerade mal 22 Jahren legt der Gitarrist und Geiger, Produzent und DJ, Sänger und Komponist aus London sein fulminantes Debütalbum vor, und obwohl er sich darauf mit funkigem Nu Soul keinem sonderlich ungewöhnlichen Genre widmet, gewinnt er ihm doch sehr besondere Seiten ab. Gleich im Opener Before Paris zittert sich die Violine wie bei einer Orchesterprobe unter ein Kneipengespräch hindurch, wie und warum man Künstler wird, bevor ein paar leger gezupfte Jazz-Riffs den Tonfall von Geography festlegen: traumwandlerisch versiert und überaus lässig.

„You have to love it / you have to breeze it“, heißt es da zum Beispiel im flatternden Stimmgewirr weiter, „it’s your morning coffee / your food“. Und beides wird noch delikater, weil danach zwölf Stücke lang digital aufgebrezelter Future Funk durch die Siebzigerdisco wabert, als würde er Bruno Mars mit Earth, Wind & Fire versöhnen. Wenn sich die Gaststars von De La Soul dann auch noch aus dem Hintergrund ins Rampenlicht des prickelnden It Runs Through Me rappen und später Steve Wonder gecovert wird, ist das Wintereis endgültig gebrochen.

Tom Misch – Geography (Beyond The Groove)

 


Der Grenzgänger: Krimi & Moral

Scandi Noir ohne Blutwurst

Seit vorigen Freitag serviert Der Grenzgänger auf Sky etwas äußerst Ungewöhnliches: skandinavische Krimithrillerkost ohne Blutwurst und Innereien. Stattdessen taucht der norwegische Achtteiler tief in die Seelen der Protagonisten ein und verstrickt sie miteinander, dass es im dunklen Winterwald nur so knirscht.

Von Jan Freitag

Die Ausgangslage skandinavischer Krimis ist schnell umrissen: Tendenziell eigenbrötlerische Ermittler mit eher mehr als weniger Macken müssen am Tatort zunächst mal das zerstückelte, gefolterte, verätzte, lebendig begrabene oder ähnlich grausam zugerichtete Opfer zusammenpuzzeln, bevor sie bei der Jagd nach dem Täter in Abgründe ritueller Gewalt blicken, die stets noch mehr zerstückelte, gefolterte, verätzte, lebendig begrabene oder sonstwie grausam zugerichtete Leichen zutage fördern. Seit der fiktionale Blutdurst des schwedischen Autorenpaars Sjöwall/Wahlöö vor ziemlich genau 25 Jahren fürs Fernsehen entdeckt wurde, pflegen Regisseure nördlich von Flensburg einen Überbietungswettbewerb krimineller Brutalität, in der ein gewöhnlicher Todschlag praktisch als Streicheleinheit gilt.

Das muss im Hinterkopf haben, wenn der pflichtbewusste Polizist Nikolai Andreassen im neuen Produkt des Scandi Noir genannten Genres ins grüne Umland von Oslo fährt und dort einen Mann vom Baum schneidet. Weil er körperlich ansonsten unversehrt wirkt, hätten Serienkommissar von Thomas Beck über Sarah Lund bis Kurt Wallander jetzt wohl dasselbe gesagt wie jene im norwegischen Wald: Suizid, ab zu den Akten, Feierabend. Doch nicht mit Nikolai Andreassen! Da der Erhängte am Kopf blutet, spricht der Kommissar von Verbrechen – und löst damit eine Kettenreaktion aus, die mit jeder Minute dieses beeindruckenden Achtteilers mehr sein eigenes Leben an den Rand des Abgrunds reißt.

Der Täter erweist sich nämlich nicht nur als Polizist. „Ich bin dein Bruder“, fleht dieser Lars Andreassen nach seinem Geständnis, den Toten im Suff erwürgt zu haben. Und das macht den prinzipientreuen Nikolai, der einige Szenen zuvor noch wider jeden Kodex gegen einen Kollegen unter Mordverdacht ausgesagt hat, zum „Grenzgänger“, wie die Serie hierzulande heißt. Eingepfercht zwischen ähnlich starker Solidarität für das erworbene Berufsethos und die angeborene Blutsverwandtschaft, hilft Nikolai seinem Bruder die Tat zu verschleiern. Dabei unterdrückt er allerdings nicht nur Informationen, sondern fälscht gar Beweise und verrät somit alles, was seinem Rechtsverständnis entspricht.

Diesen Zwiespalt spielt der norwegische Superstar Tobias Santelmann aus dem badischen Freiburg (The Last Kingdom) mit einer reduzierten Präzision, die das kongeniale Gegenstück zum fiebrigen Wankelmut von Benjamin Helstad als Lars bildet. Ihr Metier wäre allerdings ein anderes als Scandi Noir, gäbe es nicht noch weit dickere Bretter zu bohren als moralische Befindlichkeiten. Der Grenzgänger präsentiert zudem stolz: den grobschlächtigen Cop Bengt (Frode Winther), den windigen Lokalpolitiker Josef (Eivind Sander), den haltlosen Kiffer Ove (Ole Christoffer Ertvaag ) und allerlei doppelbödige Haupt- wie Nebenfiguren, die unterm kritischen Blick der unterkühlten Kommissarin Anniken (Ellen Dorrit Petersen) immer tiefer im Morast kollektiver Schuld versinken.

Dass sich dieses undurchdringliche Gestrüpp aus organisierter und beiläufiger Kriminalität, aus Korruption, Geltungssucht und Drogen nicht heillos ineinander verknotet, hat dabei gute Gründe: ein schlüssiges Drehbuch der Showrunnerin Megan Gallagher etwa, das die Regisseure Bård Fjulsrud und Gunnar Vikene kunstvoll, aber frei von Effekthascherei inszenieren. Im diffusen Dämmerlicht des winterkargen Waldes ringsum entfalten die Charaktere vielfach einen Tiefgang, der die inhaltliche Bedeutung durch den dauernden Kampf um einen Sinn im Einerlei des Alltags bereichert. Selbst Nikolais verheimlichte Homosexualität fügt sich hier angenehm unprätentiös in die Zeichnung verschiedenartigster Persönlichkeiten im selben Mikrokosmos ein.

Nachdem Grenseland 2017 das heimische Publikum begeistert hat, lief die Serie zuletzt unterm weit stimmigeren Titel Borderliner auf Netflix USA, Russland und Großbritannien. Seit Freitag nun ist sie in Doppelfolgen bei Sky Atlantic abrufbar. Und nach den ersten drei Episoden zu urteilen, kommt Der Grenzgänger zwar nicht ohne die übliche Entstellung durch überdrehte Synchronstimmen aus, verkneift sich aber jene blutspritzenden Gewaltexzesse, die man sonst aus Norwegen, Dänemark, Schweden kennt. Es geht hier erkennbar nicht um den größtmöglichen Thrill, sondern den Versuch, selbst unter Unmenschen human zu bleiben – und krachend daran zu scheitern. Tiefgang kann so spannend sein.


Ella Schön & Emily Atef

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. April

Wann genau ein Kurssturz zum Börsencrash wird, ist nicht exakt messbar. Aber was grad in der Tech-Branche geschieht, ist letzterem zumindest näher als ersterem. Fast 200 Milliarden Dollar haben die Aktien der vier Branchengiganten Amazon, Alphabet, Facebook, Netflix in kürzester Zeit an Wert verloren. Angesichts von Umsätzen in Höhe des Bruttoinlandsprodukts mittlerer Staaten, klingt das zwar nach Peanuts; sie liegen den Milliardenkonzernen allerdings unverdaulich im Magen.

Das ist nicht nur dank knapp 90 Millionen Opfern des Datenleaks bei Facebook bedeutsam, von denen allein 310.000 in Deutschland leben. Umso erstaunlicher klingt es da, wenn sich plötzlich ein Medienmann der alten Schule zurückmeldet: John de Mol, der mit Shows wie Wer wird Millionär das Abertausendfache der maximalen Gewinnsumme verdient hat, kauft die holländische Nachrichtenagentur ANP und wird dadurch endgültig zum Mogul aufsteigt – schon, weil er seine Finger nicht vom digitalen Business lassen kann.

So richtig analog ist hingegen das, was die ARD angekündigt hat: ein Biopic über die Aldi-Brüder, mit Christoph Bach als Karl und Arnd Klawitter als Theo Albrecht, gedreht von Raymond Ley. Könnte fett werden, innovativ eher weniger. Aber das eint das Erste ja mit der abscheulichen Bild, die ihre Bleifußkampagne „Freie Fahrt für freie Bürger“ aus den 80ern in die Gegenwart verlegt und der Mittwochsausgabe allen Ernstes Aufkleber mit „Freie Fahrt für meinen Diesel“ beigelegt hat. Wenn Geldgier Gehirn verdrängt und Klientelismus Journalismus, ist man bei Springers rotem Kampfblatt halt immer noch prima aufgehoben. Ähnliches gilt auch für den Sonntagabend im ZDF, wo Gehirn verlässlich durch Gefühl ersetzt wird. Seit gestern aber hat das debil eskapistische Herzkino fast schon Niveau. Mit bescheuertem Titel zwar (Ella Schön), aber toller Hauptfigur (Annette Frier), deren Problem (Asperger) erstaunlich unseifig ist.

Die Frischwoche

9. – 15. April

Die Reihe hat zwar nicht die Güte eines gelungenen ARD-Mittwochsfilms, aber das, was Emily Atef dort diese Woche kreiert, ist selbst für belastbare Zuschauer auch schwer verdaulich. In Macht euch keine Sorgen skizziert die Regisseurin nach allerlei Frauenporträts den Weg muslimischer Jungs zum IS, was so glaubhaft und intensiv ist, dass man dem Titel besser nicht glaubt. Zwei Tage später zeigt dann Arte, was gute Filme kennzeichnet. In der präzisen Milieustudie Auf einmal (20.15 Uhr)  wird der vergleichbar unbekannte, aber fabelhafte Schauspieler Sebastian Hülk gleichermaßen zum Opfer und Täter einer Biedermeiersozialkriminalmelodrams, das in dieser Qualität selbst auf dem Kulturkanal selten ist. Am gewohnt soliden, aber nicht herausragenden Fall der ZDF-Reihe Unter Verdacht ist tags drauf zur selben Zeit dagegen vor allem bemerkenswert, dass Senta Berger von Eva Prohacek trotz anderslautender Vermutungen partout nicht lassen kann.

Auf Sky gibt es demgegenüber ab Mittwoch etwas nicht unbedingt Außer-, aber doch Ungewöhnliches: die zehnteilige Dramaserie 9-1-1 um amerikanische Hilfskräfte jeder Art erweckt den Anschein eines hochwertigeren Real-Life-Formats, ist jedoch fiktional und trotzdem realistisch – was auch daran liegen könnte, dass es der Showrunner von Nip/Tuk und American Horror Story verantwortet. Noch näher an der Wirklichkeit sind allerdings naturgemäß Dokumentationen wie die englisch-kanadische über Greenpeace. Ohne runden Anlass, aber extrem kenntnisreich und spannend, blickt Wie alles begann auf die wichtigste Umweltorganisation zurück, seit sie sich dem ungezügelten Kapitalismus 1971 erstmals in den Weg stellte.

Am Mittwoch schaut 3sat noch drei Jahre weiter in die Vergangenheit und porträtiert um 20.15 Uhr das 68er-Idol Dutschke. Nirgendwo anders als auf nackte Verkaufszahlen sieht tags drauf zum 27. Mal der Musikbranchenpreis Echo, dem Kunst und Kultur so derartig scheißegal sind, dass Baukastenstars wie Ed Sheeran und Helene Fischer wieder mal kräftig absahnen, wenn Vox den Kommerzquatsch zur besten Sendezeit überträgt. Ein Grund mehr, sich von jetzt an den Wiederholungen der Woche zu widmen. In Farbe unbedingt empfehlenswert: Sam Packinpahs legendäres Gangsterroadmovie The Getaway (Samstag, 21.50 Uhr, Arte), in dem Steve McQueen und Ali MacGraw 1972 auf der Flucht vor der Polizei und Kollegen sind.

Ebenfalls im kriminellen Milieu spielt 24 Jahre später das Debüt eines der erstaunlichsten Regisseure überhaupt: Wes Anderson. Schon damals mit dem weithin unterschätzten Lieblingsdarsteller Owen Wilson in der Hauptrolle ist Durchgeknallt (Dienstag, 22.05 Uhr, Servus) in jeder Hinsicht fantastisch. Solch ein Attribut verbietet sich beim schwarzweißen Tipp per se, aber Frank Beyers epochales KZ-Drama Nackt unter Wölfen (Montag, 23.05 Uhr, MDR) war 1963 kaum eindrücklicher als es heute ist. Das gilt auf seine Art auch für den Tatort der Woche: Borowski und der Himmel über Kiel von 2015. Dienstag (20.15 Uhr, RBB) brilliert darin einmal mehr die damals noch kaum bekannte Elisa Schlott als Junkie, der einem als Zuschauer Chrystal Meth für alle Zeiten austreibt – so wahrhaftig ist ihr Spiel.


Gewinnspiel: Panini & Fallrückzieher

freitagsmedien-Gewinnspiel

Die Fußball-WM findet in einer Diktatur statt und drumherum ist es auch nicht viel besser, aber hey – Panini sammeln geht trotzdem. Und wie bei jedem Turnier veranstalten die freitagsmedien wieder ein Gewinnspiel. Wer folgende Frage beantwortet und etwas Los-Glück hat, kriegt eines von sieben Alben mit je zehn Tüten:

In welchem Jahr erzielte der legendäre Juve-Spieler Carlo Parola jenen Fallrückzieher, der auf Cover und Päckchen von Panini zu sehen ist?

Antwort bitte per eMail an janfreitag@gmx.net

Endergebnis

So, nach reger Beteiligung beim Gewinnspiel und allen Ernstes sogar einer falschen Antwort (lieber Mikosch B. aus Herne), wurden die Sieger*innen heute im Beisein eines unabhängigen Beobachters (Clemens M. aus Hamburg) gezogen. Die richtige Antwort lautete natürlich 1950. Von einem Teilnehmer gab es die Erkenntnis, der Ball sei gar nicht im Tor gelandet als Gimmick hinzu, weshalb er doppelt im Lostopf gelandet ist und hier sind die glückseligen Gewinnenden:

Emily P. aus Gera

Lothar G. aus Hamburg

Jennifer K. aus Hamburg

Raymond A. aus München

Jens A. aus Pinneberg

Moritz T. aus Hamburg

Raissa G. aus Berlin

Herzlichen Glückwunsch, die Alben gehen euch schnellstmöglich per Post zu


Eels, Die Wilde Jagd, Mien

Eels

Ach, Mark Oliver Everett, alter Zausel, geliebter Eremit – klodeckelbrillendick suppt dein verschrobener Psychopop seit nunmehr fast einer Generation durch den Independent-Wald, und nie, wirklich niemals ist man desse so ganz überdrüssig, auch wenn sich die filligrane Emotionalität seit dem legendären Beautiful Freak vor auch schon wieder 22 Jahren, mit dem ja vermutlich du selbst gemeint warst, kaum verändert hat. 2014 war deine Band Eels mit diesem Prinzip sogar erstmals in den deutschen Top 10, und nichts deutet darauf hin, dass dies nicht auch mit dem Nachfolger möglich wäre. Denn ehrlich: Auch The Deconstruction ist auf seine Art schlicht zum Niederknien.

Dafür darf man nun nicht unbedingt die Neuerfindung des alternativen Artrockrades erwarten, ja im Grunde noch nicht mal die Dekonstruktion von Eels. Doch was dieses Quartett aus dem aktuellen Herz der Finsternis (Washington D.C.) auf dem mittlerweile 12. Album zeigt, fügt dem Werk schon etwas Neues hinzu. Zum Beispiel echten, unverschleierten, also selbstbewussten Frohsinn. Die funkensprühende Video-Auskopplung Bone Dry gibt über diese Gemütsaufhellung ebenso Auskunft wie das fast euphorische Today is the Day. Und sonst: Elaboriertes Feingefühl mit etwas kultiviertem Geschrammel und Everetts unvergleichlich nöliger Stimme. Toll!

Eels – The Deconstruction (E Works Records)

Die Wilde Jagd

Ein Bass, etwas Hintergrundraunen, dazu Synthiegeknister – so einfach kann moderner Pop sein. Und so hypnotisch. Auf dem zweiten Album seines Sideprojects Die Wilde Jagd kultiviert der wahlberliner Produzent Sebastian Lee Philipp wieder die Vielschichtigkeit der Fläche voll Krater und Höhlen. Wie eine Wanderung durch mal gleichförmige, mal karstige, selten aber eintönige Landschaften startet Uhrwald Orange in eine siebenteilige Erkundung der Topografie seiner inneren Uhr. Zu Beginn also Flederboy – geschlagene 15:36 Minuten lang mäandert eine Basslinie aus dem Präkambrium des New Wave durch etwas Begleitgefrickel und wirklich – es wird zu keinem Zeitpunkt monoton, sondern eröffnet Horizonte, hinter die man gern blicken möchte.

Drama, Romantik, Ekstase und Melancholie – so beschreibt das Label selbst dieses minimalistische, aber nicht ereignislose Werk artifizieller Popmusik. Es ist die Aufgabe des Verkäufers, für sein Produkt Schlagworte zu finden, aber diese hier treffen wirklich mal zu. Sebastian Lee Philipps Hang, sich gemeinsam mit seinem Partner Ralf Beck in Arrangement zu verhaken wie ein Platte im Sprung, stört das kontemplative Element dabei nicht im Geringsten. Zum Wellenbad geloopt, wirken seine Tonkaskaden meist, als könne er selbst sich davon kaum lösen. Und das färbt ab. Auf uns, die Hörenden. Uhrwerk Orange ist mechanischer Techno zu einatmen und ausatmen, eine dezent vokalisierte Ode an die Analogie.

Die Wilde Jagd – Uhrwerk Orange (bureau-b)

Mien

Nein – Indierock, dieses klassische,  meist von Jungs vorgetragene Gitarrengehämmer, hat natürlich ebenso wenig mit Indien zu tun wie jene Indianer, in denen Kolumbus einst die Bewohner des haarscharf verfehlten Subkontinents sah. Wer allerdings die Indierocker Mien hört, könnte das Genre fortan indisch definieren. Die Supergroup von Sänger und Gitarrist Alex Maas, nebenbei Frontmann der texanischen Psycho-Band The Black Angels, garniert ihr selbstbetiteltes Debütalbum schließlich so konsequent mit der Sitar von Rishi Dhir (Elephant Stone), dass daraus eine Art westlich geprägter Krautrock im östlichen Gewand wird.

Unterhöhlt vom monochromen Bass des Horrors-Mitglieds Tom Furse, sorgt dabei besonders der Programmierer John-Mark Lapham (The Earlies) für eine halluzinogene Struktur, mit der bekiffte Stonerfans bekanntlich grundversorgt werden wollen. Und die flächigen, nie breiigen Arrangements von Alex Maas verleihen den zehn Tracks zwar eine Bodenhaftung, mit der man auch nüchtern gut unterhalten wird; doch wer beim Wiesentanz ins Morgenrot Farbe hören und Töne sehen möchte, verändert sich das Bewusstsein wohl trotzdem stofflich. Dass beides gleichermaßen funktioniert, spricht unbedingt für Mien von Mien.

Mien – Mien (Rocket Recordings)