Nemec/Wachtveitl: BR-Tatort & Reichsbürger

Hast du grad Kollegen gesagt?

Fast 80 Fälle in 6541. Jahren – Miroslav Nemec & Udo Wachtveitl ermitteln schon so lange im Tatort, dass ihnen kaum noch etwas Neues widerfahren dürfte. Freies Land (Foto: Hendrik Heiden) allerdings führt sie dieses Wochenende ins Milieu der Reichsbürger. Ein Gespräch über ihr Odd-Couple Batic/Leitmayr, wie sie unter karnevalesken Nazis zurechtkommen und wie lange das Team noch beieinander bleibt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Nemec, ganz am Anfang von Freies Land korrigiert Kollege Wachtveitl ihren Satz, etwas mache Sinn grantig mit „ergibt Sinn“.

Udo Wachtveitl: Wenn Sie ein Tatort-Enzyklopädist wären, wüssten Sie, dass das schon ein paarmal vorgekommen ist.

Miroslav Nemec: Wir haben das irgendwann mal als eine Art Spiel eingeführt, deshalb macht der Franz das ständig.

Wachtveitl: Und zwar völlig zu Recht! Ich finde diese Verunstaltung auch privat furchtbar, aber im Film geht es ja nicht eigentlich um Grammatik. Es geht um darunterliegende Emotionen und Charakterzüge, Besserwisserei oder angespannte Stimmungen zwischen den beiden. Wenn es auch noch szenisch was hergibt, umso besser.

Nemec: Interessanterweise ertappe ich mich jetzt auch selber dabei, mich zu korrigieren, sobald ich etwas wie „macht Sinn“ sage. Ich leide also auch privat unterm Franz (lacht).

Wachtveitl: In unserem Tatort steckt zwar so wenig Privates und so viel Persönlichkeit wie möglich. Aber wenn es mal passt und den Figuren dient – warum nicht …

Dringt das Persönliche nach 78 Fällen in 27 Jahren organisch ins Spiel ein oder folgt es stets dem Drehbuch?

Nemec: Das Persönliche dringt durch uns ins Drehbuch ein, um dann bei der Umsetzung das organische Spiel zu ermöglichen.

Wachtveitl: In diesem präzise aufeinander abgezirkelten Apparat müssen sich bis hin zum Ton-Mann, der die Mikro-Angel hält, alle darauf verlassen können, dass wir wiederholbare Abläufe einhalten. Beim Proben wird schon mal improvisiert, aber dann wird „eingeglast“.

Und wie viel polizeilicher Naturalismus steckt in diesem Odd-Couple des Krimis?

Nemec: Wir informieren uns natürlich an zuständiger Stelle über Sachverhalte, aber wir setzen nicht den Polizei-Alltag um. Es bleibt Fiktion.

Wachtveitl: Unsere Ermittlungsarbeit muss ja ein bisschen interessanter anzuschauen sein als in der Realität. Wenn man 90 Minuten bei der echten Polizei am Tatort ist, sind vermutlich 80 davon  ohne den geringsten Schauwert.

Nemec: Im strammen Dienstplan der Polizei stehen nicht unbedingt die privaten Befindlichkeiten der Handelnden im Vordergrund.

Wachtveitl: Unser Realismus besteht darin, wie wir miteinander reden, streiten, interagieren. Man muss den Figuren glauben können, dann kauft man auch so manches, was nicht im dokumentarischen Sinne dem Polizeialltag entspricht.

Nemec: Der Rest ist größtmögliche Verdichtung, sowohl im Dialog, als auch im Szenischen.

Wachtveitl: Und für die richtige Prise Naturalismus sorgen oft auch Komparsen, da sind nämlich regelmäßig echte Polizisten zu sehen.

Nemec: Von den Kollegen …

Wachtveitl: Hast du grad Kollegen gesagt?

Nemec: War das jetzt Amtsanmaßung…? Also von denen lernt man echtes Handwerk. Wie man Verdächtige richtig ins Auto schiebt, wie man die Waffe hält, Zeugen korrekt anspricht, aber auch juristische Grenzen.

Meistens ist Batic dabei der Impulsivere, während Leitmayr zur Ruhe neigt. Wieso ist es im Fall renitenter Reichsbürger umgekehrt?

Nemec: Weil sich Leitmayr in seinem juristischen Rechtsempfinden angegriffen fühlt, während es bei mir oft ein impulsiver Gerechtigkeitssinn ist, den Batic in diesem Fall versucht, nicht hochkochen zu lassen.

Wachtveitl: Hier passt es ganz gut, weil Leitmayr einen idyllischen Landausflug erwartet und plötzlich mit Leuten konfrontiert wird, die sein gesamtes Staatsverständnis herausfordern. Da fühlt er sich persönlich angegriffen.

Nemec: Wobei wir nicht sicher waren, ob man seine Wut erst außerhalb oder noch innerhalb des Münchner S-Bahn-Bereichs ansetzen sollte. Wir haben uns dann entschieden, dass es an dieser Reichsbürgerfestung beginnt.

Wachtveitl: Da wird er wirklich missionarisch.

Hätten Sie diesen Eifer gegen den Staatsboykott der Reichsbürger auch privat?

Nemec: Vermutlich. Da wäre ich dann eben auch impulsiver, weil mir diese Leute so realitätsfern vorkommen.

Wachtveitl: Und zugleich gibt es ja auch den karnevalistisch absurden Aspekt, aber das hören die vermutlich nicht gern. Klar ist: Wo das Gewaltmonopol des Staates in Frage gestellt wird, da gibt‘s kein Vertun, das muss sanktioniert werden.

Nemec: Mir macht der Gedanke dieser völligen Rechtsstaatsverweigerung auch Angst, weil Kriegsverbrecher wie Milosevic und Karadzic vorm Strafgerichtshof in Den Haag ganz real so vorgegangen sind.

Wachtveitl: Wobei deren juristische Munitionierung von anderer Qualität war als die der Reichsbürger.

Würden Sie persönlich mit solchen Totalverweigerern überhaupt noch reden?

Nemec: Nur, wenn’s was bringt. Und bei unseren Reichsbürgern im Film bringt’s eigentlich nix mehr.

Wachtveitl: Ich bin grundsätzlich immer für Gesprächsangebote. Aber wenn es um die Sanktionierung strafrechtlich relevanter Dinge geht, ist die Zeit des Redens vorbei.

Nemec: Das beginnt ja schon damit, Geldbußen nicht zu zahlen, weil man die StVO ablehnt.

Wachtveitl: Wehret den Anfängen. Unser Grundgesetz ruft seine Bürger aktiv dazu auf, das Gemeinwesen, die Rechtswirklichkeit kritisch zu verbessern, aber nur, wenn sie die Grundlage nicht infrage stellen. Wer an diesem Ast sägt, disqualifiziert sich für den Diskurs.

Werden die Reichsbürger im Film deshalb nicht wertfrei dargestellt?

Nemec: Werden sie das nicht?

Sie halten sich ständig im Umfeld steinalter, staubumnebelter Sperrmüllmöbel auf und gruppieren sich beim Essen zu einer Art christlichem Abendmahl …

Nemec: Das ist absolut gewollt, dieses Messianische, und eben auch verdichtet bis zur Kenntlichkeit.

Wachtveitl: Wir nehmen uns da die Freiheit, Partei zu ergreifen. Aber die haben die Reichsbürger ja auch und können mit uns das Gleiche tun.

Nemec: Machen sie ja!

Wachtveitl: Wobei es auch in diesem Spektrum unterschiedliche Leute gibt. Es gibt ja durchaus Beispiele, wo Staatsgründungen im Staate durchaus eine andere Note haben sind. Nehmen Sie Christiania in Kopenhagen oder Polit-Clownerien wie Staatsgründungen auf verlassenen Bohrinseln. Aber diese hier sind gefährlich!

Nemec: Grad weil sie so rechtskundig, manchmal gar gewitzt agieren. Die Sache mit dem „Personalausweis“ zum Beispiel, der uns zum „Personal“ einer BRD-GmbH macht.

Stimmt eigentlich der Eindruck, dass ihre Figuren dem durchschnittlichen Alterungsprozess widersprechen und nicht alterskonservativ werden, sondern altersprogressiv?

Nemec: (lacht) Nein, wir waren eigentlich immer schon so. Das hat auch damit zu tun, dass Franz aus kleinen Münchner Verhältnissen stammt und ich aus dem jugoslawischen Sozialismus.

Wachtveitl: Wir werden auch nicht unbedingt progressiver, sondern erkennen die Segnungen des Rechtsstaats. Ist eigentlich ein alter Hut, aber wenn Sie das inzwischen wieder als progressiv wahrnehmen… Ivo ist emotionaler, Franz analytischer.

Nemec: Es gab mal die Tendenz, dass ich laxer mit dem Recht umgehe und Franz buchstabengetreuer.

Wachtveitl: Trotzdem hab ich zuletzt schon mal jemanden eine verpasst.

Nemec: Und im Wüstensohn habe ich einen Araber im Affekt mal „Kameltreiber“ genannt, was ich privat nicht täte. Aber mit dem Alter hat all dies glaube ich nicht so viel zu tun.

Apropos – seit Sie im Dienst sind, spielt jeder 10. Tatort in München. Ist da ein Ende absehbar?

Wachtveitl: Vom Ende weiß man bisher nur, dass es kommen wird. Irgendwann.

Nemec: Unsere Redaktion hat schon Stoffideen für uns über das Tatort-Jubiläum im Jahr 2020 hinaus.

Sind Sie nach so langer Zeit eigentlich auch privat befreundet?

Wachtveitl: Na ja, alles andere wäre ein bisschen merkwürdig, oder? Andererseits haben sich unsere Lebensentwürfe auseinanderentwickelt. Miro lebt jetzt in einer langweiligen Vorortsiedlung mit Frau und Kind, ich bleibe ein wildes Großstadtkind.

Nemec: Urban und schmutzig. Wir waren allerdings schon bei meiner Familie in Istrien. Was ich wirklich vermisse, ist, dass wir mal zum Charles einen trinken gehen.

Wachtveitl: Aber keine Sorge, wir verbringen noch genug Zeit miteinander. Schon, weil wir, anders als viele Tatort-Kollegen am Set, im selben Wohnmobil hausen.

Nemec: Aber wir haben getrennte Betten.

Wachtveitl: Das kürzen die uns auch noch, wirst sehen.

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