Snail Mail, Foè,

Snail Mail

Will man das eigentlich – weit, wirklich sehr weit jenseits der Volljährigkeit noch dabei zuhören, was eine Songwriterin, die gerade erst von der Highschool abgegangen ist, so von ihrer ausklingenden Jugend zu berichten hat? Ist es für den etwas älteren Geschmack nicht ein bisschen arg melodramatisch, drängend, unreif, hitzig und entrückt, wenn Teenager ihre Sorgen und Nöte mithilfe nölenden Indie-Pops schildern? Das ist es, klar. Und bei Lindsey Jordan ist es das sogar vom ersten bis zum zehnten Track ihres Debütalbums lang. Nur: es ist halt auch genauso genau richtig und gut.

Lush strotzt zwar in der Tat nur so vor Melodramatik, Drang, Unreife, Hitze und Entrückung. Gepaart mit einem erstaunlich ausgefuxten Instinkt für verstörende Harmonien wird es aber gerade dadurch zum charmantesten Karrierestart des Jahres. Wie kurz zuvor schon die ähnlich jungen Fazerdaze oder Soccer Mummy schafft es die Sängerin aus Baltimore mit der schlaffen Kraft ihrer beiläufig gelangweilten Stimme, emotional zu klingen, aber nicht pathetisch. Lindsey Jordan ist spürbar bewegt von allem, was sie hier über ihr kompliziertes Gefühlsleben zum Ausdruck bringt. Aber es mündet nicht in sülzigen Folk, sondern Indierock, der sich auch mal ein verschrobenes Gitarrensolo gönnt oder schredderige Drums. Wie alt war sie nochmal? Ach, egal…

Snail Mail – Lush (Matador Recordss)

Foè

Und wo wir bei Nachwuchsmusikern sind, denen wirklich was auf dem Herzen brennt: Der Franzose Foé ist gerade mal zwei Jahre älter als Lindsey Jordan, wie sie bereits eine Weile im Geschäft, aber dabei natürlich immer noch von unübersehbarer Jugend. Nur: dem Debütalbum des Komponisten und Co-Produzenten spürt man dieses Inbrunst in jeder Note an. Îl hat absolut nichts von der schnodderigen Leichtigkeit seiner Kollegin aus den USA. Alles daran ist irgendwie getragen und schwer und voluminös. Das hat zwei Gründe: Foès Sehnsucht nach Tiefe im flachen Fahrwasser des Pop. Und sein bevorzugtes Instrument – das Piano. Es macht sein Timbre noch ein wenig dunkler und den Wave etwas dazu getragener, vor allem aber macht es ihn außergewöhnlich.

Gemixt mit Synthesizern und Electronica, mit Elementen aus HipHop, Folk und ein paar saftigen Dance-Einsprengseln verströmen die elf Songs einen discoesken Klassizismus, der manchmal für Gänsehaut sorgt (La Machine), manchmal schlicht haarsträubend ist (Mommy), aber durchweg Überraschungspotenzial hat. Gewiss, man muss schon einen Hang zur großen Oper haben, um Îl von Anfang bis Ende zu genießen. Es reicht aber auch ein Gespür dafür, wie viel Energie in Grenzgängern wie diesem ruht, die oft nur musikalisch entfesselt werden kann. Als hätten sich Jacques Brel und Claude Débussy mit Phoenix zum After-Rave getroffen. Es brennt lichterloh in Foè, wenn er über Liebe, Tod und Teufel sind. Lodern wir doch ein bisschen mit.

Foè – Îl (Embassy of Music)

 

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