Talk-Alarmismus & Fußball-Entspannung

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. Juni

Und wenn man denkt, es könne nicht mehr viel schlimmer werden, wenn man denkt, die öffentlich-rechtlichen Sender seien dem absoluten Tiefpunkt bedrohlich nahe, wenn man denkt, das ZDF habe seine Staatsauftrag bereits deutlich untererfüllt – dann machen die Mainzer ein Format über Ahnenforschung und lassen es von, Achtung: Thomas Anders moderieren. Ab Herbst klettert der sonnenbankgebräunte Schulterpolsterveteran in Du ahnst es nicht! auf die Stammbäume der Republik und ob es furchtbar wird oder schrecklich, kann vorab nicht seriös beurteilt werden. Allein die Tatsache jedoch, es RTL gleichzutun und ein Mitglied des Deppenpopduos Modern Talking zum Ho(r)st zu machen, ist von so berechnender Niveauverachtung, dass wir uns dennoch vorsorglich für furchtbar schrecklich entscheiden.

Weil das in etwa auch die Adjektive sind, mit denen der Deutsche Kulturrat das deutsche Kulturgut Talkshow belegt, riet der überparteiliche Verein ehrenamtlicher Unterhaltungskritiker kürzlich dazu, dem ganzwöchigen Dauergerede am Bildschirm eine 365-tägige Sendepause zu verordnen. Konkreter Anlass waren in diesem Fall gleich zwei Ausgaben der Vorwoche, in der erst Frank Plasberg, dann Sandra Maischberger taten, was seit Jahren in hiesigen Laber-Runden Usus ist: schon im Titel alarmistisch auf Krawall zu bürsten.

Die lustigste Pointe lieferte dabei wie so oft Plasberg: Erst plagiierte dessen Namensgeber den paranoiden Blut- und Bodenpopulismus der AfD, indem er deren These vom gefährlichen Ausländer zur suggestiven Talkshow- Überschrift „Junge Männer, geflohen aus Krieg und archaischen Gesellschaften – für viele hierzulande Grund zu Sorge und Angst. Können solche Flüchtlinge überhaupt integriert werden?“ machte, dann sperrte der volksnahe Frank das Original solch kruder Thesen in Gestalt von Alexander Gauland für künftige Sendungen aus. Andere Gestalten kaum besserer Art sind hingegen weiter willkommen. So wie sexueller Missbrauch – das legt zumindest der nächste Fall beim vermeintlichen Familien-Konzern Disney nahe – offenbar systemisch zur Film- und Fernsehbranche gehört, zählt Populismus eben zum Kernbestand des deutschen Talkshow-Unwesens. Die Frage nach der Henne oder dem Ei am rechten Rand stellt sich daher seit einer gefühlten Ewigkeit aufs Neue. Woche für Woche für Woche.

Die Frischwoche

11. – 17. Juni

Für fast vier davon geben solche Debatten jetzt aber erst a’mal a Ruh! Ab Donnerstag ist Fußball-WM. Schon um sich nicht selbst Konkurrenz zu machen, reduziert das Regelprogramm die Zahl seiner Erstausstrahlungen da fast auf Null, sogar Streamingdienste halten sich mit Neuware spürbar zurück, es rollt der Ball, sonst wenig. Und die viel gepriesene Nebenberichterstattung von einem Gastgeber am Rande der Tyrannei und was dem Sport sonst noch so auf der Rasenseele lastet? Gibt‘s heute um 23.30 Uhr in Das Milliardengeschäft, einer ARD-Doku über Deutschlands merkwürdige Kooperation mit dem aufstrebenden Fußballzwerg China. Und am Sonntag folgt dann – natürlich erst nach den Gruppenspielen und deren Zusammenfassung – Matthias Fornoffs ZDF-Reportage über Russlands Geheimnisse.

Weil auch die Privatsender gegen den Quotenkrösus Fußball keine teuren Fernsehprodukte vergeuden wollen, hält sich das Angebot ab Donnerstag daher in Grenzen. Zuvor aber zeigt das Zweite am Montag um 20.15 Uhr immerhin noch das Debüt von Catalina Molina, einst eine Musterschülerin des Regiestars Michael Haneke. Drachenjungfrau ist zwar abermals nur ein Krimi. Weil er aus Österreich stammt und überdies den grandiosen Manuel Rubey („Im Knast“) zum Ermittler macht, ist dieses Erstlingswerk aber doch sehenswert. Was es mit einem anderen gemeinsam hat: Polder – Tokyo Heidi von Samuel Schwarz.

Die KI-Dystopie mit Christoph Bach als Opfer seines selbstentwickelten Computerspiels ist zwar schwer zugänglich und daher am Dienstag um 00.35 im Ersten ganz gut aufgehoben Trotzdem entfaltet die experimentelle Ästhetik einen ungeheuren Sog. Das hat sie tags drauf um 23.05 Uhr auf Arte mit einem Zeichentrickfilm gemeinsam. Klassisch gezeichnet skizziert April und die außergewöhnliche Welt eine erstaunlich hoffnungsfrohe Gegenwart ohne Strom und Autos, in der ein Mädchen nach ihrer Katze sucht. Da ist George Orwells Genre-Klassiker Animal Farm von 1955 zuvor an gleicher Stelle schon bedeutend pessimistischer.

Der Tatort am Sonntag gehört dann wegen der besonders frühen Sommerpause bereits zu den Wiederholungen der Woche. Es ist ein vergleichsweise junger Fall aus Köln namens Durchgedreht von 2016, der genau das eigentlich nicht ist, sondern ziemlich konventionell. Aber das mögen Fans von Ballauf und Schenk ja. In jeder Hinsicht unkonventionell war vor nunmehr 38 Jahren der farbige Tipp am Sonntag um 20.15 Uhr auf Tele5: Wenn der Postmann zweimal klingelt, ein erotischer Skandalfilm von 1980 mit Jack Nicholson als Geliebter, der den Mann seiner Loverin mit ihrer Hilfe töten will. Versprochen: Fußball kommt darin nicht vor.

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