Mourn, Adrian Younge/Ali Shaheed, Immersion

Mourn

Vergleiche können nicht nur in der Musik, aber besonders dort ziemlich schmeichelhaft sein, vergiftet oder schlicht unvermeidbar. Wer Jazz Rodríguez Bueno hört, kommt jedenfalls kaum umhin, darin Corin Tucker zu erkennen. Mitte der Neunziger hatte sie Sleater Kinney einen halsstarrigen, wutentbrannten Tremolo verpasst, der die Tonlage dessen, was seinerzeit Riot Grrrls genannt wurde, auf ein noch zornigeres Niveau hob. Fast 25 Jahre später klingt die Sängerin der Garagenpunkband Mourn aus Barcelona ganz ähnlich wie die Wegbereiterin weiblicher Selbstbehauptung auf der männerdominierten Rockbühne – und das hat durchaus seinen Grund.

Als sie 2015 mit ihrer jüngeren Schwester Leia, der Gitarristin Carla Perez und Antonio Postius am Schlagzeug kaum volljährig ein aufgebrachtes DIY-Debüt veröffentlichte, nahm die männliche Konterrevolution grad so herrisch Fahrt auf, dass neuer Bedarf nach einer feministischen Gegenrevolte aufkam. Dennoch ist das dritte Album Sorpresa Family nicht grundlegend politisch. Die englischen Texte sind reizbar, aber nie parolenhaft. Der Furor entspringt eher den filigranen, vielfach messerscharfen Riffs, die das Schlagzeug mit mathematischer Präzision zerwühlt. All dies macht Mourn auch abseits des Gesangs bemerkenswert. Und angemessen sauer.

Mourn – Sorpresa Family (Captured Tracks)

Adrian Younge & Ali Shaheed

Falls es einen Referenzrahmen zeitgenössischer Popmusik gibt, dessen Einflüsse nicht einmal annähernd ausgeschöpft, geschweige denn erschöpft sind, ist es die Black Music der Sechzigerjahre. Ohne deren Soul wären weder Funk noch Dance, weder House noch Rap denkbar, also auch nicht Adrian Younge und Ali Shaheed Muhammad. Als Mitglieder von Hip-Hop-Legenden wie Ghostface Killah oder A Tribe Called Quest haben beide stets gierig im Fundus ihrer Ahnen gewühlt. Nun geben sie ihnen ein bisschen was davon zurück und erweisen zugleich den Ahnen der Ahnen Respekt: The Midnight Hour.

So heißt ihre Hommage an die Historie schwarzer Subkulturen seit der Zwischenkriegszeit. Unterstützt von gut einem Dutzend höchst verschiedener Kollegen an der Seite des studioeigenen Linear Lab Orchestra in L.A. schlägt es 20 Stücke lang den Bogen vom Jazz der Harlem Renaissance in unserer Gegenwart. Die vielfach fast filmmusikalisch beschwingte Mischung aus Hammondorgel, Querflöte, Synthesizer, Percussion und einem Satz Bläser mit modernem R’n’B, klingt jedoch selten nostalgisch, allenfalls hochachtungsvoll. Und in jeder Sekunde so elegant, wie wir uns die Sixties wünschen.

Adrian Younge & Ali Shaheed Muhammad – The Midnight Hour (Linear Labs)

Immersion

Instrumentelle Musik hat es auch nicht leicht. Fehlender Gesang wird, zumindest jenseits von Techno und Klassik, rasch als Mangel wahrgenommen. Da besonders Pop-Texte vielfach von erschreckender Schlichtheit sind, fragt sich allerdings: was bringt die Stimme zum Ausdruck, das Gitarren, Keyboard, Synths nicht besser können? Beim Hören der neuen Platte des Krautrockduos Immersion lautet die Antwort: Nichts. Wie zuletzt vor fast 20 Jahren walzt die israelische Universalkünstlerin Malka Spigel an der Seite ihres britischen Mannes Colin Newman analog und digital eingespielte Soundfragmente zu einer Fläche aus, die keiner sprachlichen Vertiefung bedarf.

Noch elektronischer als auf den ersten drei Alben in den Neunzigern, erinnert Sleepless an eine Art generalüberholten Jean-Michel Jarre. Ständig fiept und raunt und pluckert es vielgestaltig über der mal sägenden, mal sanften Gitarre. Konsolengeräusche der Videospielära untermalen Spigels blubbernden Bass. Jazzige Rockdrums wechseln sich ab mit hitzigen Breakbeat-Sequenzen. Dicht am Rande der Überfrachtung fließt alles ineinander, bis das Artifizielle naturalistisch klingt und umgekehrt. Gesang wäre da exakt ein Instrument zu viel.

Immersion – Sleepless (Swim ~ )

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