Denzel Curry, Pram, Ebony Bones

Denzel Curry

Die große, ziemlich seltene und darum unendlich kostbare Kunst, zeitgenössischen Mainstream von musikalischem Belang zu machen, besteht tendenziell darin, Tradition und Moderne so miteinander zu verrühren, dass es niemand so richtig merkt und doch jeder hören will. Denzel Curry gelang dieser Spagat bereits im Alter von 18 Jahren, als sein Debüt den 2013 noch weit weniger verbreiteten Trap mit dem Oldschool-HipHop der Bronx mischte. War Nostalgic 64 seinerzeit allerdings noch ein bisschen hippelig und auch der gefeierte Nachfolger Imperial ein wenig zu aufgeplustert, so packt TA13OO seine Raps nicht immer alle in einen Track, sondern schichtet sie nun Stück für Stück auf.

Zu sperrigen Texten über Kindesmissbrauch oder Nahtoderfahrungen, Hatespeech seiner eigenen Branche und die Angst, die ihm der Hass allerorten macht, klingt sein Florida Sound demnach wie ein fein austariertes Kompendium zeitgenössischen Sprechgesangs. Während er in TABOO betulich vor sich hinschlängelt und in BLACK BALLOONS sodann Arrested-Delelopment-Schwung aufnimmt, wird es in Cash Maniac zunächst autotunepoppig, bevor es mit SUMO experimentell wird, also zunehmend ruppig statt gefällig. Dank der Wandelbarkeit von Currys Stimme ist TA13OO allen Motherfucker und Niggaz im Text zum Trotz ein großes Stück emanzipativer Selbstermächtigung im Deppenbiz des geldwerten HipHop.

Denzel Curry – TA13OO (Caroline)

Pram

Wenn Musik ohne allzu viel Text Bilder im Kopf erzeugt, muss sie so einiges richtig gemacht haben. Die Gruppe Pram hat diesbezüglich seit 30 Jahren nahezu alles richtig gemacht. Als die Experimentalband Ende der Achtziger in Birmingham entstand, konnte (oder wollte) keines der vier Gründungsmitglieder richtig singen. Was schon darum auffiel, da es bis auf ein antiquiertes Vorläufermodell des Synthesizers auch kein richtiges Instrument gab. Dennoch erzeugen Samantha Owen und Matt Eaton im luftleeren Zwischenraum des klanglich Denkbaren Töne, die wie Soundtracks ohne Film funktionieren.

Akustische Epen ohne Struktur, aber von einer rhythmischen Schönheit ohnegleichen. Zwölf Personalwechsel später hat sich das Instrumentarium nicht nur erhöht, sondern multipliziert. Das erste Album nach elfjähriger Studiopause wirkt daher verglichen mit früher fast orchestral. Im Kreise reitendes Zirkusklavier mischt sich mit Sirenengesang, Räuberhöhlenposaune, Krautrockgitarren und Zaubersamples zu derart ergreifenden Psychopopserenaden, dass man intuitiv die Augen schließt und in Across The Meridian abtaucht, als vertone es einen Tagtraum. Selbst Taktstrukturen gibt’s mittlerweile. Manchmal. Film ab!

Pram – Across The Meridian (Domino)

Ebony Bones

Wenn Künstler auch ohne Musik Bilder im Kopf erzeugen, sollte man hingegen nie dem ersten Eindruck glauben. Wer etwa Ebony Bones vor Augen hat, dürfte ein irres Pop-Esperanto aus Björk und Bonaparte auf Finnisch und Koks erwarten. Tatsächlich macht die Produzentin aus London das exakte Gegenteil ulkigen Mash-ups. Nach dem Intro aus militärischen Drums und Trauermarschbläsern verhallt ihr drittes Album Nephilim im getragenen TripHop des Titelstücks, den leiernde Geigen eher vorwärts quälen als treiben. Und wenn die 35-Jährige am düsteren Bass vorbei traurig schön übers schwere Kreuz singt, das auf ihr lastet, wird das karnevaleske Outfit aus zitronengelbem Afroturm und tausendfarbigen Gaultier-Kostümen vollends dialektisch.

Zur Mitte hin nimmt das Album zwar eine Menge Fahrt und reichlich Furor auf. Wenn Ebony Bones jedoch in Kids of Coltan das Leid schwarzer Minenarbeiter für unsere jährlich wechselnden Smartphones beklagt oder „there’s no black in the Union Jack“, täuscht auch das gesteigerte Tempo nie ganz darüber hinweg, wie die schrille Optik mit der politischen Wucht im Umfeld eleganter Elektroflächen kontrastiert. Wenn du deine Gegner nicht besiegen kannst, meinte der kluge Kater Garfield einst, verwirr‘ sie. Hoffentlich wirkt es.

Ebony Bones – Nephilim (1984 Records)

 

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