Lui Hill, PR Newman, Whiskey Shivers

Lui Hill

Lui Hill singt und zwar ausgesprochen gefällig. Seine Stimme klingt sanft und doch füllig, ohne sich und andere damit zu überfordern. Sie untermalt eine Art digitalen Weißbrotsoul mit Discoappeal, ein paar Eighties-Orgeln obendrauf und die unvermeidlichen Trap-Elemente – fertig ist ziemlich gediegener Indie-R’n’B, bei dem dennoch etwas fehlt, als hätte man ihm die High-hat geklaut oder alle Dur-Töne: Auf seinem selbstbetitelten Plattendebüt verwendet Lui Hill, der offenbar wirklich so heißt, Achtung: keinen Autotune. Null. Er lässt seinen Gesang allen Ernstes völlig unverzerrt wirken, was in diesem Genre seit zwei Jahren unter Todesstrafe zu stehen scheint. Nicht der einzige Grund, Lui Hill ernsthaft zu empfehlen. Trotz allem.

Viele der elf Stücke verströmen nämlich den bruttigen Dunst funkiger Harmoniesucht, wie sie die Charts von Platz 1 bis 99 so lieben. In seiner bittersüßen Eloge aufs kalifornische L.A. jedoch lotet der musikalische Vieleskönner nicht nur die dunkelsten Ecken seiner Heimatstadt aus; er macht daraus ein Konzeptalbum mit so vielen Hüpfern zwischen unzusammenhängenden Stilen, das etwas Autotune geradezu angemessen gewesen wäre. Pluckernde Basstupfen, metallische Gitarren, seifige Chöre, wirre Samples und immer wieder dieses Synthiegrummeln überm Soul: Man muss sich ein wenig hineinwühlen in Lui Hill, aber dann ist es der Magnet des Monats. Mindestens.

Lui Hill – Lui Hill (Filter Music)

PR Newman

Ach, was waren das für selige Zeiten, irgendwann in den Siebzigern, als die Technikgläubigkeit zwar Risse bekam, aber trotz Arbeitslosigkeit oder Terrorismus alles irgendwie im Griff zu sein schien, und falls nicht, zumindest weggefeiert werden konnte. Kein Wunder, dass damals Stile wie Disco, Funk und Glamrock entstanden sind, die der Miesepetrigkeit fröhlich den Marsch geblasen haben. Mit derlei nostalgischem Disco, Funk und Glamrock wedelt sich nun auch der amerikanische Ex-Punk Spencer Garland die Sorgen fort. Und weil er dafür unterm Pseudonym PR Newman auch noch Country, Folk, Mariachi unters Debütalbum rührt, ist Turnout der lustigste Kommentar auf die Spaltung seiner trumpgeschädigten Nation.

Wie Teenager mit zu viel Abschlussballbowle intus scheppert der blecherne Gesang über den galoppierenden Rock’n’Roll, bevor ein Stück später die Steelguitars wimmern als hätte Willie Nelson in der Schüssel gebadet. Und manchmal ist PR aka Punk Rock derart euphorisiert vom Optimismus im Unheil, dass er durch fröhliche Flamenco-Bläser zu pfeifen beginnt. „I been confused, misguided and blind but happy“, singt er in Everything stellvertretend für den Rest. Falls von der Droge was übrig ist, nur her damit…

PR Newman – Turnout (DevilDuck)

Whiskey Shivers

Über ein paar Bier und Bourbon hinaus brauchen Whiskey Shivers dagegen keine Drogen um auf dem gleichen Label wie PR Newman das Original zu liefern. Die fünf Freunde aus Austin machen total ironiefreien Bluegrass mit Kontrabass und Fidel und Waschbrett und Banjo und überhaupt allem, was Traditionalisten von dieser Art Folk erwarten. Wie gut, dass Andrew VanVoorhees, Bobby Fitzgerald, James Gwyn, James Bookert und Sänger Jeff Hortillosa aus allen Ecken der USA nach Texas gekommen sind, um die ortsübliche Nostalgie kosmopolitisch zu radikalisieren. Denn trotz des klassischen Instrumentariums schwitzt ihr fünftes Album Some Part of Something Elemente von Punk und Wave aus.

Unüberhörbar und unentrinnbar. Die ehrwürdige Washington Post schrieb dazu bereits von „apocalyptic Americana“, was die filigranen Arrangements jenseits der konservativen Überlieferung auch für die Ostküste nutzbar macht. Gewiss, man sollte schon einen Bezug zu dieser Art Volksmusik haben, um sie zu ertragen. Aber wenn sich rasanter Alternative-Country wie Like A Stone und No Pity In The Rose City mit pathetischen Traditionals über die Weite der Prärie reibt, ist horizontal zumindest für gute Abwechslung gesorgt.

Whiskey Shivers – Some Part of Something (DevilDuck)

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