Laurel, Blood Orange, Alice In Chains

Laurel

Wenn man sich vorstellt, also nur mal rein hypothetisch, die notorisch melodramatischen, aufs absolute Minimum reduzierten The XX würden unvermittelt ein paar Stimmungsaufheller ins Dark Ale bekommen und zudem um 30, 40 bpm beschleunigt – das Ergebnis wäre vermutlich nicht nur höchst interessant, es klänge wohl auch wie Laurel Arnell-Cullen. Wie die unwesentlich älteren Hängeschultern des Emo-Genres aus London stammend, macht die 24-Jährige einen ungeheuer dezenten Gitarrenpop, der meist mehr so vor sich hintröpfelt, als die Songs strukturell auszubreiten. Die Stimmung ist also ähnlich wie bei den Hauptstadtnachbarn. Und doch hinkt der Vergleich ein wenig.

Laurels Debütalbum Dogviolet nämlich ist gar kein jugendlich entrückter Versuch, in einer viel zu großen, viel zu weiten Welt Halt zu finden, wie es Dreampopper der Marke XX tun. Mit leicht kehliger, aber erstaunlich voller Stimme positioniert sich die Sängerin ziemlich standfest in der Mitte ihrer Gefühle – ganz gleich, ob ihr Liebesleben ganz gut läuft wie im Opener You make life worth living oder den Bach runtergeht wie in Same Mistakes. Mit eleganten Wave-Grooves und präzise verhallendem Picking zeigt sich Laurel als emotionales, nicht zerrüttetes Mitglied ihrer Alterskohorte. Das hört sich manchmal pathetisch an, aber meistens sehr ausgefuchst und klug.

Laurel – Dogviolet (Counter Records)

Blood Orange

Wer jemals auch nur drei Takte der Test Icicles gehört und danach dieses unangenehme Fiepen im Ohr hatte, käme vermutlich nie auf die Idee, dass ein Mitglied dieser britischen Noise-Band je etwas anderes machen könnte als versierten, aber infernalischen Industrial. Doch weit gefehlt. Der Sänger und Gitarrist Devonté Hynes, gebürtig in den USA, hat nicht nur etwas grundlegend, sondern diametral anderes gemacht. Und das ist ein echter Glücksfall fürs weit entfernte Metier dessen, was man mal Black Music genannt hat. Als Blood Orange wühlt er die Harmonielehre dieser eleganten Stilrichtung seit Jahren schon auf und hat drei ziemlich bemerkenswerte Platten produziert.

Jetzt kehrt der gelernte Cellist mit dem vierten zurück, und Negro Swan ist mehr noch als die vorigen ein Tauchgang durch die manchmal arg seichten Gewässer des R’n’B, bei dem er darin so manch verborgene Höhle entdeckt und besiedelt. Mit Gästen von Puff Daddy über A$AP Rocky bis Steve Lacy ist er zwar nicht mehr ganz so politisch wie zuletzt auf seinem Emanzipationsalbum Freetown Sound. Aber mit Texten über Mobbing, Sexismus, Ungleichheit zu Sounds von Trap, Funk, Pop, Jazz und Electronica bis hin zur Bigband-Klassik, braucht das tiefenentspannt vor sich hin fließende Negro Swan Vergleiche mit Kendrick Lamar oder Arrested Development nicht zu scheuen. Ein bissig heißer Sommerwind für den nahenden Herbst.

Blood Orange – Negro Swan (Domino)

Alice In Chaines

Noch deprimierender als vergeudetes Potenzial ist eigentlich nur noch vergängliches Potenzial. Wie sehr es aufs Gemüt drückt, lässt sich gut beobachten, wenn gereifte Musiker den alten Lorbeer von früher aufkochen. Alice In Chains war einst auch deshalb eine der maßgeblichen Grungebands, weil sie mit viel Stoner im Blut die Ära des Alternative Metal geprägt haben, Markenzeichen: Fett mal breit mal tief verzerrte Gitarrenriffs. Und ein paar davon drischt das Gründungsmitglied Jerry Cantrell auch beim dritten Comeback seit dem selbstbetitelten Nr.-1-Album von 1995 aus dem Nichts ins Heute und alles klingt wie immer. Und immer. Und immer.

Abgesehen vom Ersatz des gestorbenen Sängers Layne Staley hört sich Rainier Fog an, als seien Ziegenbärte noch in Mode und Gitarrensoli irgendwie cool. Identische Tempi, Melodien, Texte und nicht die winzigste Auffrischung, geschweige denn Gadgets vom Rechner oder andere Rockinstrumente als die üblichen drei plus Stimme: selbst für harte Fans gibt es eigentlich nur einen Grund, das sechste Album zu hören: die ersten fünf sind kaputt, vergriffen oder in einer alten WG geblieben, unterm selben Stapel wie das liebste Flanellhemd von damals, als AIC noch wichtig waren.

Alice In Chaines – Rainier Fog (BMG)

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