Luger 1985 & Mekka 1979

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. August

Gut, Journalisten in Polen, Russland, Ungarn, der Türkei und mittlerweile ja sogar den USA würden angesichts der Festsetzung eines ZDF-Teams durch die Polizei wohl allenfalls mitleidig lächeln. Doch was da am Rande einer Pegida-Demo in Dresden passiert ist, könnte sich im Nachhinein als Dammbruch erweisen: Ein LKA-Beamter auf Urlaub, der seine Kollegen bei einer rechtsradikalen Kundgebung dazu drängt, die Pressefreiheit außer Kraft zu setzen; ein exekutiver Korpsgeist, der dies bis hoch in die Polizeispitze verteidigt; ein Ministerpräsident, der sich sodann hinters verfassungswidrige Treiben stellt: der Irrwitz, mit dem dieser Populismus sächsischer Art an der deutschen Demokratie nagt, deutet darauf hin, dass polnische, russische, ungarische, türkische, amerikanische Verhältnisse auch hierzulande denkbar scheinen.

Es sind Verhältnisse, in denen Grundgesetzartikel 5 zum machtpolitischen Spielstein wird und Journalisten irgendwann nicht mehr nur festgesetzt, sondern verhaftet werden, wenn sie ihrer Arbeit nachgehen, um – wie Deniz Yücel oder zuletzt Mesale Tolu in Ankara – von der Exekutive, nicht der Judikative freigelassen zu werden sofern das machtpolitisch geboten scheint. Wie freie Medien zum Gegenstand eines Real-Crime-Formats werden, wirkt in seinem realistischen Aberwitz so fiktional, als hätte es der große TV-Macher Gunther Witte ersonnen.

Fast 50 Jahre, nachdem der frühere WDR-Fernsehspielchef 1970 den Tatort erfunden hatte, ist er vorige Woche mit 82 gestorben und hinterlässt dem Programm somit das letzte echte lineare Lagerfeuer, vor dem sich nicht nur Rentner vereinen. Es stammt noch aus einer Epoche, als die ZDF-Hitparade des ebenfalls verblichenen Dieter-Thomas Heck 27 Millionen Zuschauer vorm Bildschirm vereinte. Eine Generation, die nahezu ausschließlich Männer in Machtpositionen kannte, hinterlässt uns allerdings auch eine Medienlandschaft, in der die Machtpositionen noch immer nahezu ausschließlich unter Männern aufgeteilt werden. So wie jetzt gerade wieder die Chefsessel von Blättern wie dem Spiegel.

Die Frischwoche

27. August – 2. September

Da wünscht man sich doch umso mehr, dass der neue Film des alten Klaus Lemke kein C-Movie, sondern nichts als die Wahrheit wäre. Im Kleinen Fernsehspiel Bad Girls Avenue übernehmen die Frauen testosteronübersäuerter Kerle heute um Mitternacht nämlich das Kommando und zeigen radebrechen, aber radikal, wie hart es fürs angeblich starke Geschlecht werden könnte, wenn das vermeintlich zarte mal andere Seiten aufzieht. Gar nicht erst den Anschein einer zarten statt starken Frau erweckt dagegen Amy Adams in der großartigen HBO-Serie Sharp Objects, wenn sie als Reporterin in ihr Südstaatennest zurückkehrt, um dort alkoholumnebelt in der eigenen Vergangenheit herumzustochern, dass es zum Niederknien ist. Ab Donnerstag zeigt Sky den Achtteiler auch auf Deutsch.

Über die deutsch-amerikanische Comedy-Crime Take Two um einen bildhübschen Ermittler, dessen bildhübsche Kollegin nur deshalb ein bisschen glaubhafter ist als die bildhübschen Bullen des Fernsehens sonst, weil Rachel Bilson eine Hollywoodschönheit auf kriminalistischem Abweg darstellt, hüllen wir dagegen ab Mittwoch um 20.15 Uhr elf Folgen lang auf Vox den Mangel des Schweigens – und verweisen stattdessen lieber auf die Zeichentrickserie Paradise PD. Auch auf Netflix geht es dort tags drauf ums Verbrechen. Allerdings bekämpft sie das Personal einer Polizeistation im verschwitzten Süden der USA mit saukomischem Sarkasmus.

Aber das war es noch lange nicht mit den Krimi-Formaten dieser Woche. Ab Sonntag ermittelt die sensationelle Almila Bagriacik in Kiel an der Seite des ergrauten Tatort-Wolfs Axel Milberg. Schon heute übernimmt die neue ARD-Allzweckwaffe Judith Rakers zur besten Sendezeit das neue Allzweck-Thema Real Crime und moderiert den vierteiligen Aktenzeichen XY-Abklatsch Kriminalreport, was zwar voll im Trend liegt, aber gerade deshalb schon vorab leicht langweilt. Ganz im Gegensatz zur Dokumentation der Woche. Heute um 22.45 Uhr blickt das Erste zurück auf die Besetzung der Großen Moschee von Mekka durch radikale Islamisten 1979, was Regisseur Dirk van den Berg als Urknall des Terrors analysiert, ohne den weder der 11. September noch der IS denkbar seien.

Vor den Wiederholungen der Woche gibt es aber auch noch mal was zu lachen: In Familie Lotzmann auf den Barrikaden lässt Axel Ranisch am Dienstag um 22.45 Uhr (ZDF) eine Schar Spießer so hingebungsvoll ins Chaos schlittern, dass Loriot aus jeder zweiten Szene grüßt. Seine letzte Szene nach 33 Jahren Lindenstraße hat Sonntag dann noch Joachim Luger als Hans Beimer, dessen erster Auftritt ein Jahr vorm Alt-Tatort stattfand: Freunde mit dem damals noch jungen Götz George als Horst Schimanski (Dienstag, 23.35 Uhr, WDR). In Schwarzweiß wurde 1963 das Drehbuch des Nobelpreisträgers Harold Pinter verfilmt, dessen Der Diener heute um 20.15 Uhr auf Arte ein famoses Psychogramm umgedrehter Hierarchien im Spätherbst der Aristokratie war. Und in Farbe zeigt der MDR um 23.05 Uhr ein Frühwerk von Katrin Sass als vermeintlich unfähige Mutter im DDR-Drama Bürgschaft für ein Jahr, nämlich 1981.

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