Authentizitäten & Großstadttiere

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. September

Die Lügenpresse also, schon wieder die. Als Michael Kretschmer vorigen Mittwoch medienwirksam meinte, es habe in Chemnitz „keinen Mob, keine Hetzjagd, kein Pogrom“ gegeben, musste er den altrechten Kampfbegriff neurechter Populisten zwar nicht explizit aussprechen; dramaturgisch allerdings befand sich Sachsens Ministerpräsident auch ohne das böse L-Wort voll der Seite jener, die eine ostdeutsche Stadt stundenlang zur national besetzten Zone gemacht hatten. Und dann sprang dem – man muss das an dieser Stelle kurz erwähnen: CDU-Mitglied auch noch der oberste Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen zur Seite und behauptete bar jeder tieferen Erkenntnis, die Authentizität des längst berühmten Hase-Videos sei ebenso wenig bestätigt wie Hetzjageden.

Unabhängig davon, dass Hetzjagd ein juristisch undefinierter Begriff ist und niemand ernstlich von Pogrom, sondern allenfalls der zugehörigen Stimmung gesprochen hat, fehlt da eigentlich nur noch die Beteuerung, es habe weder Angriffe auf Reporter noch Hitlergrüße gegeben. Im Wahlkampf um die Deutungshoheit des Konservativen, muss man „Lügenpresse“ eben schon längst nicht mehr in den Mund nehmen, um damit Machtpolitik zu betreiben. Der gesellschaftliche Diskurs, das zeigen die Tage von Chemnitz aufs Neue, dreht sich zusehends weniger um Inhalte als Symbole, geredet wird nur noch über-, statt miteinander. Und das wird besonders dort deutlich, wo die Debattenkultur bereits zwei, drei Eskalationsstufen verrohter ist als hierzulande.

In den USA hat David Remnick, furchtloser Chef der New York Times, Steve Bannon, sinistrer Chef aller Verschwörungstheoretiker, zum Dialog aufs jährliche Festival seiner Zeitung gebeten. Doch weil viele Besucher die Anwesenheit desjenigen ablehnen, der die Welt erklärtermaßen ins rechtspopulistische Chaos stürzen will, wurde er wieder ausgeladen. Das jedoch ist noch viel, viel schlimmer, als ihm Auge in Auge Argumente entgegenzusetzen – was wohl niemand besser könnte als der versierte Interview-Profi Remnick.

Außer vielleicht Ellen DeGeneres. Streitlustig stellt sich die Moderatorin seit jeher in den Sturm des kommunikativen Durcheinanders. Nach 15 Jahren Abstinenz von ihrem Kernmetier Stand-up kehrt sie nun endlich zurück auf die Witzbühne. Und dass es ausgerechnet Netflix ist, das sie ihr am 15. Dezember bereitet, spricht abermals Bände über die Entwicklung im linearen Fernsehen. Die zwei spannendsten Formate der Woche sind daher im Grunde längst Digitalprodukte.

Die Frischwoche

10. – 16. September

Heute zeigt der BR die Netzserie Servus Baby über eine Frau Anfang 30 auf der Suche nach Sinn und Glück um 20.15 Uhr am Stück, dürfte damit aber trotz der guten Sendezeit ähnlich verheerende Quoten einfahren wie die grandiose Provinz-Satire Hindafing. Und die Kurzfilm-Serie Straight Family ist zwar das Beste, was im öffentlich-rechtlichen Auftrag zum Thema Homosexualität gedreht wurde, läuft ab Dienstag aber auf dem Youtube-Channel funk.

Die Muttersender pflegen derweil ihre Kernkompetenzen. Am Sonntag zeigt das Berliner Tatort-Team Meret Becker/Mark Waschke im neuen Fall Tiere der Großstadt endlich, was in ihm steckt. Im ARD-Mittwochsfilm Toulouse sorgt der österreichische Regie-Berserker David Schalko dafür, dass sein Kammerspiel um Matthias Brandt als Lover seiner Ex-Frau (Catrin Striebeck), dessen Alibi durch einen Terror-Anschlag buchstäblich in sich zusammenbricht, zu herausragender Unterhaltung gerät. Immerhin solide ist Der Fall K., in dem das ZDF heute das Schicksal des real existierenden Psychiatrie-Opfers Gustl Mollath mit Jan Josef Liefers nachstellt.

Während RTL ab Donnerstag seine Endlos-Explosion Cobra 11 mit der 33. Staffel im 22. Jahr elf Folgen lang fortsetzt, schärft Arte sein Profil als Ort umfassender Dokumentationen. In Krieg der Träume führt Regisseur Jan Peter den Erfolg seiner gefeierten Analyse des Ersten Weltkriegs anhand von 14 Tagebüchern verschiedener Protagonisten Richtung Zweiter Weltkrieg fort. Der Achtteiler zeigt damit einerseits, wie heiß die Zwischenkriegszeit jener Jahre war. Andererseits ist er ein warnendes Beispiel für die Gefahr, in der sich unserer Demokratie auch heute befindet – was 3sat zeitgleich zum Staffel-Finale am Mittwoch durch die Dokus Wie antisemitisch ist Deutschland? und Die rechte Welle belegt.

Am Ende der Folgen 4-6 beleuchtet das Erste dagegen, wie sich das Internet gegen digitale Gegner zur Wehr setzt. Im Schatten der Netzwelt begibt sich am Dienstag um 22.45 Uhr nach Manila, wo The Cleaners soziale Plattformen wie Facebook für Hungerlöhne vom Dreck der Hater, Trolle, Neonazis bereinigen. Arte zeigt derweil Donnerstag um 22 Uhr das Mediendrama Die Lügen der Sieger mit Florian David Fitz als Enthüllungsjournalist im Kampf mit den eigenen Berichtsobjekten. Die Wiederholungen der Woche sind dagegen von großer Leichtigkeit. In Claude Sautets Liebeskomödie César und Rosalie von 1972 zeigt sich Romy Schneider Sonntag (20.15 Uhr, Arte) von ungewohnt heiterer Seite. Federico Fellinis La Dolce Vita war zwölf Jahre zuvor ohnehin Inbegriff dessen, was der Titel verheißt. Und Tills Schweigers Tatort-Premiere als Nick Tschiller (Montag, 21.45 Uhr, HR) hatte unfreiwillig den Tiefgang von Balsaholz und war schon deshalb saukomisch.

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