Straight Family: Homosexualität & Wahrheit

Queerstraße des Mainstreams

Die funk-Serie Straight Family (Foto: funk/Pagozdi) mag raspelkurz, günstig gedreht und dann auch noch fürs Internet gemacht sein – selten zuvor jedoch wurde so lässig mit dem Thema Homosexualität unterhalten wie im dreiviertelstündigen Fünfteiler um zwei queere Geschwister in Berlin.

Von Jan Freitag

Auf dem Acker des Fernsehens sind sorgsame Bauern nach wie vor rar. Die meisten tränken ihr Feld ja weiter so intensiv mit den Pestiziden der Uniformität, dass außer Standardgewächsen nur wenig gedeiht. Inhaltlich führt das zur Monokultur aus Krimi, Familiendrama, Krimi, Familienkomödie, Krimi, Familienschnulze, Krimi und alles mit Arzt; personell werden Charaktere jenseits des Mainstreams selbst von den Nebenflüssen penetrant ins Grundwasser abgeleitet. Zum Beispiel Homosexuelle.

Heutzutage mit dem Kürzel LGBTQ erweitert, gibt es besonders im hiesigen Film & Fernsehen schließlich noch immer vor allem drei Arten der Abweichung von unserer heterosexuellen Norm: Lederschwule und Federtunten, Kampf- oder Modellesben. Sie alle kommen in der Realität vor, sie alle haben daher auch fiktional ihre Daseinsberechtigung, weil sie alle jedoch nur Varianten dieser facettenreichen Subkultur sind, fehlt zumeist, was ihr Gros ausmacht: Eher gewöhnliche Menschen mit einer eher ungewöhnlichen sexuellen Identität.

Schon deshalb ist das, was ab heute auf dem öffentlich-rechtlichen Jugendkanal funk läuft, von großer Relevanz im ganz Kleinen: Die Webserie Straight Family zeigt fünf Kurzepisoden lang eine Schar homosexueller Serienfiguren, die nicht nur bemerkenswert glaubhaft sind, sondern mehr noch: nahezu frei von Klischees. Schon die allererste Szene ist zumindest aus deutscher Produktion ein Novum: Im Großraumabteil nimmt die weibliche Hauptfigur Lara (Luise Helm) Augenkontakt zu einer Fremden auf und folgt ihr ans Ende des Zuges, wo beide heftig miteinander fummeln – und zwar weder, um irgendeine Form von Voyeurismus zu bedienen, noch als Vorspiel einer Problemlage unterdrückter Randgruppen.

Bevor der One-Night-Stand richtig Fahrt aufnimmt, findet sich die angenehm unprätentiöse Lara bei ihrem ebenso herkömmlichen Bruder Leo (Ben Münchow) wieder, der die Bier-Kneipe seiner Großmutter (Us Conradi) in eine Queer-Kneipe verwandelt hat. Und hier beginnt ein Problem, dass der Serie absolut zum Vorteil gerät: Mitbesitzer Mehmet (Armin Wahedi) nämlich ist nicht nur Leos Geschäfts-, sondern auch Liebespartner, wovon die konservative Oma als Besitzerin des Ladens nichts wissen, weshalb sich Leo partout nicht outet.

Die Folge ist ein verbissener Kampf um Würde ohne Wahrheit, der dem Wahnsinn bisweilen recht nahe kommt. Wie in der baugleichen ZDF-Serie Just push Abuba, ist Straight Family daher voll überdrehter Momente, in denen sich die kaum zehnminütigen Low-Budget-Miniaturen zu maximal ulkigen Milieustudien auftürmen. Mal wird unterm Gastraum psychedelischer Schnaps gebraut, mal tanzt die homophobe Austauschschülerin dazu auf dem Tisch, meist guckt die 90-Jährige Magda dazu überdreht aus der Berliner Schnauze, doch nie kommt der Verdacht auf, die vier Nachwuchsregisseure der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) würden das Drehbuch des siebenköpfigen Writer’s Rooms dazu missbrauchen, wohlfeile Botschaften über Gleichberechtigung, Emanzipation oder noch schlimmer: Toleranz unters Netzpublikum prügeln.

Homosexuelle dürfen einfach Homosexuelle sein, deren Homosexualität gesellschaftlich zwar nach wie vor problematisiert wird, privat aber nur ein Aspekt unter vielen großstädtisch prekärer Existenzen ist. Und das hat Straight Family vielem voraus, was queere Lebensentwürfe fiktional behandelt. Seit sich der Bayrische Rundfunk 1977 aus Wolfgang Petersens Schwulendrama Die Konsequenz geklinkt hat und zehn Jahre darauf in der Lindenstraße erstmals die Zunge bei einem gleichgeschlechtlichen Kuss zum Einsatz kam, mag die Zahl queerer Charaktere zunächst langsam, dann zügig gestiegen sein; ihre Funktion bleibt nicht nur am Bildschirm dramaturgisch aufgebläht. Edgar Selge mochte zuletzt als verkappt schwuler Prediger einer freichristlichen Gemeinde im ARD-Film So auf Erden ein sensationelles Coming-Out feiern. Und wie Ina Weisse im Melodram Ich will dich! zwei Jahre zuvor einer vergleichsweise guten Ehe ins lesbische Abenteuer entflieht, war frei von der Enge früherer Stoffe.

Doch einfach nur schwul, geschweige denn lesbisch sein – das ist bis heute allenfalls made in USA die Regel, wo Serien wie Will & Grace und The L-Word oder zuletzt Banana zwar das Vorurteil von der eleganten Libertinage Andersliebender mit gutem Auskommen und Geschmack verfestigen; hierzulande dagegen muss sich fast jedes Format abschließend entscheiden, ob es bierernst oder ulkig ist, also eher Fremdschamfutter wie die Culture-Clash-Comedy Andersrum oder Mitfühlstoff wie das Kinodrama Freier Fall um zwei schwule Polizisten. Kein Wunder, dass die lesbische Schauspielerin Ulrike Folkerts seit 67 Tatorten auf so etwas wie ein funktionierendes Liebesleben wartet.

In diesem Umfeld wirkt Straight Familiy wie eine Frischzellenkur. Wenn der Schwule Fußballfan ist, sein Freund Türke und die Schwester ganz nebenbei auf Frauen steht, wird das Außergewöhnliche unterhaltsam alltäglich. Trotzdem bitten die Darsteller zwischen den Folgen, online mitzudiskutieren. So verbreitet Homosexualität am Bildschirm ist – davor dreht sich die Uhr der Emanzipation ja gerade wieder zurück. Auch darum verleiht ihr die Serie im Dialog Normalität. „Wie war‘s…“, treibt Leo mit Lara Smalltalk. „In Neuseeland?“, vervollständigt sie den Satz, fügt „ist schon so, wie alle sagen: grün, weit, schön“ hinzu und ergänzt rotzig: „Wenn irgendwat perfekt ist, kommt bei mir immer’n bisschen Kotze hoch.“ Mit Homosexualität hat das erstmal wenig zu tun, mit guten Drehbüchern sehr, sehr viel.

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