Agar Agar, alt-j, Cher

Agar Agar

Wer in der elektronischen Musik nostalgisch klingen will und zugleich modern, ist gut beraten, sich entsprechendes Equipment zu besorgen. Weder zu analog noch zu digital – da schlägt dann unweigerlich die Stunde gebrauchter Synthesizer der Marke Korg oder Yamaha, monophone Keyboards, die Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre ebenso futuristisch klangen wie die legendäre Drummachine Roland TR-606 noch heute irgendwie unverwüstlich. Mit alldem und etwas Effektgerät jüngeren Datums hat sich das Duo Agar Agar nun an die französische Atlantikküste verzogen, um ein Album einzuspielen.

Dass es bei aller Vergangenheit nicht gestrig klingt, liegt auch am Instrumentarium. Vor allem aber liegt es an den Pariser Kunststudenten Armand und Clara, beide Mitte 20, die daraus ein wunderbares Plattendebüt gemacht haben. The Dog & The Future vereinigt zehn synthetische Tracks mit Claras melancholischem, amerikanisch vokalisiertem Gesang zu etwas, das in den Neunzigern mal ungemein dringlich klang und offenbar nur Pause gemacht hat: Ein jeanmicheljarriger Elektropop, den etwas Trashpop von Le Tigre bis Ms John Soda zum radiotauglichen Konzentrat einer Art Warp-Philosophie erhebt: experimentell, eingängig, elegant, wavig und schön, aber nicht gefällig.

Agar Agar – The Dog & The Future (Cracki Records)

 

alt-j

Das Mysterium der erstaunlich populären Indiefolk-Band alt-j kreist bekanntlich auch um den Namen. Als die Sprache vor elf Jahren noch am Anfang ihrer grundlegenden Überarbeitung zu Kürzeln, Codes, Symbolen stand, benannte sich das Quartett nach Apples Tastenkombination fürs griechische „Delta“, in der Wissenschaft ein Platzhalter für Differenz. Das vierte Album der Band aus Leeds dreht dieses Namensspiel nun gewissermaßen um. Eher mehr als weniger verschiedene Kollegen wie der Hardrap-Wizzard Danny Brown, Jimi Charles Moodey aus dem leichteren Pop-Fach, Synth-Bastler wie Twin Shadow, ja sogar ein Kontra K aus Deutschland erweisen alt-J ihre Referenz.

Gemeinsam machen sie aus deren dritter Platte Relaxer das Tributalbum Reduxer, auf dem Differenz als Gemeinsamkeit gefeiert wird und umgekehrt. Fast nichts erinnert darauf ans Original, fast alles verströmt den verlockenden Duft der Grenzüberschreitung. Das ist so variabel und spannend, dass selbst Puristen dürften darauf eher Herausforderungen als Gräben erkennen, also keinen Affront, sondern – trotz heftiger Entstellungen und einiger Autotune-Frechheiten – nur Experimente zur gegenseitigen Horizonterweiterung.

alt-j – Reduxer (Infectious Music)

Hype der Woche

Cher

Liebe Cherilyn Sarkisian, es ist natürlich nicht verboten, auch mit 72 noch seiner beruflichen Leidenschaft nachzugehen – selbst und besonders dann, wenn es die Musik ist. Fünf Jahrzehnte Popbiz sorgen schließlich für genug Erfahrung, ja Weisheit, um abschätzen zu können, was man der Welt noch zu geben hat und was nicht. Warum aber, bitteschön, nutzt die alterslos modellierte Cher nichts davon, um im Spätherbst ihrer Karriere resümierend süffisant aufs eigene Werk zu blicken, sondern macht ein Tribut-Album mit Liedern von Abba. Abba? Abba! Und nicht nur das: Dancing Queen trällert ausnahmslos Superhits nach und zwar so inspirationsfrei berechnend, dass man ihr doch ein warmes Plätzchen im Seniorenstift wünscht. Nicht eine Idee, kein Funke, statt Eigensinn nur Ödnis. Wenn jetzt nicht ganz schnell ein Chanson- oder Jazzalbum kommt, kann das nur heißen: Tschö Cher, war nett mit dir, aber jetzt wird’s peinlich.

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