Presseopfer & Onlineserien

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. Oktober

Am Jahrestag des Mordes an der maltesischen Bloggerin Daphne Caruana Galizia, die aller Wahrscheinlichkeit nach wie der slowakische Journalist Ján Kuciak wegen ihrer Recherchen bis in die höchsten Regierungskreise das Leben verloren hat, wurde die bulgarische Fernsehreporterin Viktoria Marinowa furchtbar entstellt in einem Gebüsch gefunden. Ob sie einer Recherche zum Opfer fiel, ist bislang zwar offen; allein der Umstand aber, dass diese Möglichkeit selbst in europäischen Demokratien längst als naheliegend gilt, macht Angst.

Und die wird kaum dadurch geringer, dass sich ein versierter Antidemokrat zum Vorkämpfer der Pressefreiheit aufspielt: Ausgerechnet Reccep Tayyip Erdogan, unter dessen Willkürherrschaft mehr Journalisten inhaftiert sind als in jedem anderen Land, bemüht sich gerade um einen Reporter namens Kashoggi, der angeblich in Istanbuls saudischer Botschaft verschwunden ist. Ein Medienhasser als Medienretter? Wäre es nicht so bitter – man könnte sich köstlich über den Irrsinn dieser völlig durchgedrehten Welt amüsieren.

So oder so sind es demnach gute Zeiten für politischen Humor. Theoretisch. Praktisch allerdings gingen die wichtigsten Trophäen beim Deutschen Comedy-Preis wie immer an allerlei Schreihälse mit der Bissigkeit einer Samstagabendshow im ZDF. Caroline Kebekus zum Beispiel, die trotz ihrer femizisitischen Attitüde jedes Inhaltsloch mit Lautstärke verfüllt, was auch für Luke Mockridge und Mirja Boes gilt. Weil das RTL-Gewächs die RTL-Show dummerweise auf RTL moderiert hat, muss sie sich den RTL-Lorbeer mit anderen teilen, die teilweise – Obacht! – nicht von RTL kamen.

Wenn man sich einen größeren Witz gedankenloser Selbstbeweihräucherung ausdenken wollte, käme einem eigentlich nur noch in den Sinn, den reichsbürgerlichen Schmusesänger Xavier Naidoo zum Juror eines großen Musik-Castings zu machen, aber das traut sich ja vermutlich nicht mal RTL. Obwohl… Ach, es ist alles so unappetitlich – wenden wir uns lieber einer vergleichsweise leckeren Mediennachricht zu: Das Konzept der ARD, die herausragende Zeitreise Babylon Berlin erst beim Koproduzenten Sky und dann auch noch parallel zur eigenen Ausstrahlung in die Mediathek zu zeigen, ist voll aufgegangen. Fast Vier Millionen Videoabrufen stehen Einschaltquoten weit über Senderschnitt gegenüber.

Die Frischwoche

15. – 21. Oktober

Zurzeit sorgen zwar Online-Formate wie die dezent nervenzerreißende Grusel-Adaption Spuk in Hill House (Netflix), die historisierende Dramenreihe The Romanoffs (Amazon), die Fortsetzung von 4 Blocks (TNT) oder ab Dienstag auf Sky Lena Dunhams neue HBO-Sensation Camping (Sky) für Aufsehen; doch schon Donnerstag geht der Siegeszug des Kölner Sittenpolizisten Gereon Rath im hedonistisch verlotterten Zwischenkriegs-Berlin mit Doppelfolgen weiter. Ob die andere Zusammenarbeit dieser Tage ähnlichen Erfolg hat, darf man indes bezweifeln. Nachdem der Vorwendethriller Deutschland 83 hierzulande durchgefallen war, hat RTL die Fortsetzung an Amazon verhökert, wo Jonas Nay als Doppelagent drei Jahre später in aller Welt süß aussehen darf.

Dramaturgisch weit hollywoodaffiner könnte das Konzept aufgehen. Sehenswert, gar soziokulturell relevant ist die Aneinanderreihung von Actionsequenzen ab Freitag indes nicht mehr so recht. Das Gleiche gilt für die 2. Staffel der Koproduktion The Team ab Donnerstag auf Arte und drei Tage später im ZDF. Nahezu alles an dieser dänisch-deutsch-belgischen Jagd auf Kunsträuber zur Terrorfinanzierung ist klischeehaft, platt und so mies synchronisiert, dass selbst Jürgen Vogel vergebens gegen die öffentlich-rechtliche Kahlrasur allen Eigensinns annuschelt.

Da dürfte sogar die 14. Auflage von Bauer sucht Frau ab heute auf RTL gehaltvoller sein. Oder auch Eltons neue Samstagsshow namens Alle gegen einen um, tja, irgendwas mit Quiz auf ProSieben. Auch das mehrteilige Dokudrama Mars: Novo Mundo verspricht Elon Musks ressourcenfressend elitäres Weltraumtourismusprojekt SpaceX ab Dienstag um 20.05 Uhr auf dem Zeitungsableger Welt unterhaltsamer anzupreisen. Und wer vom kommerziellen Blick auf die Realität noch immer nicht genug hat: Ab Donnerstag zeigt RTL2 in Reeperbahn Privat! angeblich Das wahre Leben auf dem Kiez. Na gut – wer echten Realismus will, wird Samstag von der ZDF-Fiktion Die Protokollantin mit Iris Berben als Mutter eines verschwundenen Kindes, die einen Racheplan gegen die Vergangenheit fasst doch etwas besser versorgt. Und mit den Wiederholungen der Woche sowieso.

Heute zeigt Arte zur Primetime das US-Biopic Meister des Lichts von 2014 mit Timothy Spall als Industrialisierungsmaler Mr. Turner, der seine Epoche geprägt hat wie vor ihm Van Gogh (Mittwoch, 20.15 Uhr, Arte), den Bernhard Le Coq bereits 1991 beispielhaft verkörperte. Der alte Tatort hingegen ist neueren Datums, aber zeitlos toll: Borowski und der Himmel über Kiel bildete 2014 schließlich den Durchbruch von Elisa Schlott, die darin am Donnerstag um 20.15 Uhr im WDR als Crystal-Junkie brilliert, wie ihn nie zuvor jemand ergreifender gespielt hat.

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