Hotel-Tipp: Arborea Neustadt

Sichtbetonbootsholzbiocoolness

Das Premierenhaus einer brandneuen Hotel-Kette legt gemeinhin die Messlatte für das, was folgen soll. Im „Arborea Marina Resort Neustadt“ ist alles nachhaltig und kommunikativ, dadurch zwar manchmal etwas überspannt, aber ungemein gesellig und zeitgemäß.

Von Jan Freitag

Mascha-Lou sagt „Du“. Aber gut, Mascha-Lou sieht auch nicht nach Siezen aus. Schließlich hat Mascha-Lou diesen Turm schwarz gefärbter Haare überm exaltierten Make-up, von dem allenfalls ihr mannigfaltiges Portfolio an Tattoos in Hundert Farben auf Tausend Hautpartien ablenkt. Mascha-Lou ist halt keine „Rezeptionistin“, wie die Empfangsdamen der gehobenen Gastronomie einst hießen; im „Arborea Marina Resort Neustadt“ nennt sie sich „Welcome Host“. Und der mag es mit Blick auf die Ostsee offenbar zutraulich. Zumindest im „Gasthaus von morgen“, wie Johann Kerkhofs das erste Kind seiner frisch gegründeten Hotel-Familie schon heute nennt.

Vor gut vier Jahren hatte er die Idee einer „total neuen Art Gasthaus mit kommunikativem Konzept“, das er nun – mit zwölfmonatiger Verspätung – mit zwei Partnern nahe Lübeck eröffnet hat. Bis 2028 sollen 19 weitere hinzukommen. Das zweite entsteht bereits im Vorarlberger St. Gallenkirch, dicht gefolgt vom Harzer Gebirgsdorf Schierke. Gemeinsames Motto: „Experience. Together“. Andernorts klänge der Slogan nach der handelsüblichen PR-Prosa, die jede Sauna im Keller zum Spa verklärt und Strukturholzkubismus mit Design verwechselt. Der hemdsärmelige Hotellier allerdings, seit drei Jahrzehnten in der Spitzengastronomie auf drei Kontinenten tätig, hat am Rande von Nordeuropas größtem privat betriebenem Yachthafen tatsächlich dort für Innovation gesorgt, wo zuvor jahrelang ein wilder Parkplatz für Verdruss im Dorf gesorgt hatte.

Und das liegt keineswegs nur am optisch kapriziösen Personal wie Mascha-Lou, die Neuankömmlinge auf dem iPad registriert und en passant veganen Cappuccino aus der sündteuren Siebträger-Maschine nebenan serviert; es hat auch mit dem Ort ihrer Andersartigkeit zu tun. Rein äußerlich mag der dreistöckige Staffelbau im Sandsteindekor noch recht unspektakulär zwischen Ankerplatz und Naturschutzgebiet errichtet sein. Im Innern herrscht das, was der – natürlich sichtbar tätowierte – Gründungsdirektor Jens Lassen „industrieller Look meets maritimes Flair meets open space“ nennt: Wenig Tradition, noch weniger Standards und kaum Glamour, stattdessen viel Holz, mehr Sichtbeton und reichlich Licht.

„Bämm!“, so beschreibt Jens Lassen den Effekt jener Perspektive, die sich den Gästen gleich beim Betreten des Neubaus eröffnet. Vorbei am sorgsamen Durcheinander der luftigen Lobby geht der erste Blick unweigerlich durch ein gewaltiges Panoramafenster aufs sanft gekräuselte Meer vor der Tür. Und dazwischen, quasi als Pufferzone saturierter Ferienkonzepte: The Stairs. Die affenfelsenartige Sitzlandschaft ist das pulsierende Herz des Hotels. Hier materialisiert sich sein Prinzip unbedingter Kommunikation ohne Sicht-, ohne Kontaktbeschränkung. Der Gast soll hier auf Gäste treffen und den Menschen somit vom Individualreisenden zum Gesprächspartner machen. Soweit die Theorie. Und die Praxis? Ist, nun ja, ausbaufähig, aber auf dem richtigen, dem gewünschten Weg.

An einem dieser siedend heißen Tage des ausklingenden Jahrhundertsommers sitzt das Gros der Besucher naturgemäß in den hoteleigenen Strandkörben oder sucht am hoteleigenen Strand nach Abkühlung. Dennoch sind die klimatisierten Polsterbuchten schon tagsüber gut besetzt. Und was sich beim gemeinsamen „Tatort“ auf der Großbildleinwand sogar noch steigert, grenzte am Abend zuvor fast an Disco-Feeling, als ein DJ aus Hamburg „The Stairs“ in etwas zappeligen House tauchte. Alles für Digital Natives der Generationen X bis Z, könnte man meinen, denen der Server im Untergeschoss rasend schnelles W-LAN liefert, während für analogere Altersgruppen ein Set klassischer Brettspiele herumliegt. Und in einer Sitzecke, diesen Anschein erweckt zumindest der merkliche Alters- und Kleidungsunterschied dreier Gesprächspartner, reden tatsächlich Fremde miteinander über das, was hier, klar, „Activity“ heißt.

Trotz der vielen „Hangout-Areas“ ist längeres Stillsitzen in dieser Art Hotellerie ja fast ebenso verpönt wie Industriefleisch. Während blutjunge Animateure mit umgedrehte Basecap noch im Akkord E-Bikes und Standup-Paddles verteilen, wird in der offenen Restaurantküche „Grand Grand Grill“ gerade ein ganzer Holstein-Büffel fürs Abendessen zerlegt. „Der kommt frisch vom regionalen Bauern“, erklärt Jens Lassen die Herkunft des Tieres, das „vorher sogar einen Vornamen hatte“, wie der Steak-Fan spürbar stolz hinzufügt. Er kennt ihn zwar ebenso wenig wie den seines Grillmeisters. In der betont urbanen Atmosphäre des Arborea nennt ihn aber ohnehin jeder nur „Gonzo“, was irgendwie auch besser zu seiner uralten St. Pauli-Mütze passt als förmlichere Anreden.

Die Schollen auf der Karte kamen übrigens am Morgen zuvor direkt vom Kutter und die Brötchen zum Frühstück vom Bäcker ums Eck. Das Gemüse ist regional, das Obst saisonal, vom Ei über den Schinken bis zur Milch alles so nachhaltig, wie es das elegante „Arbor“ im Titel der neuen Hotel-Gruppe, lateinisch für „Baum“, gebietet. Aber ist das schicke Label mit dem blätterumrankten Weingottes am Ende nicht doch bloß gutes Marketing? Natürlich verschwinden in 124 Zimmern der gehobenen Kategorie, die erst gebaut und dann dekoriert, sommers gekühlt und winters geheizt werden, ja enorme Mengen Energie, Ressourcen, Anfahrtswege. Und natürlich ist der ökologische Fußbadruck dieser Art Hotellerie tief.

Darüber hinaus aber wird das Arborea seinem Ziel durchaus gerecht, der Verschwendungssucht im Metier mit allem Komfort Einhalt zu gebieten. Und wenn der fest angestellte Tischler Hagen in der hauseigenen Werkstatt mit Kindern Müll upcyclet, also aus Altglas oder Restholz Lampen und Möbel bastelt, hängt die Moral nach der Abreise womöglich zuhause beim Gast an der Wand. Um Euphorie vorzubeugen: die Flut hipper Anglizismen nervt bisweilen ebenso wie der unterschwellige Zwang, dauernd irgendwie aktiv zu sein – vom horrenden Getränkepreis an den Bars, der den ohnehin kostspieligen Aufenthalt zusätzlich verteuert, bis hin zum unverputzten Zimmer, das zu selten erholsame Gemütlichkeit verströmt, ganz zu schweigen.

Alles in allem aber ist vieles, wenn schon nicht jedermanns Sache, so doch sehr stimmig. Und wer das „Du“ nicht will, beteuert Jens Lassen, kriege auf Wunsch sogar sein „Sie“, kein Problem. Das Arborea sei jenem Robinson-Club, in dem er 16 Jahre lang gearbeitet hat, zwar durchaus ähnlich. „Aber wir wollen dessen Fehler nicht wiederholen“. Gerade an der Ostsee müssten Coolness und Spießigkeit daher sorgfältig kombiniert werden. „Alles zu Ihrer Zufriedenheit?“, fragt Mascha-Lou zum Abschied und scheint beim Wischen übers Tablet kurz vergessen zu haben, wo sie arbeitet. Die Antwort: War schon richtig geil!

Der Text ist vorab in der Süddeutschen Zeitung erschienen

INFO

Preise: Doppelzimmer ab 104 Euro, Familienzimmer ab 189 Euro

Anfahrt: Mit der Bahn über Lübeck bis Neustadt-Holstein, mit dem Auto auf der A1 Richtung Puttgarden, Abfahrt 14 „Neustadt iH Mitte“, rechts auf L309

Adresse: An der Wiek 7-15, 23730 Neustadt in Holstein, Tel.: 04561.71990

https://www.arborea-resorts.com

 

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