Collien Ulmen-Fernandes: Boys & Girls

Im  Backmischungswerbespot

Collien Ulmen-Fernandes (Foto: ZDF) ist wunderschön und mit einem A-Promi verheiratet. Umso verbissener löst sich die Moderatorin 20 Jahre nach Bravo-TV vom süßen Image. In der Neo-Reportage No More Boys and Girls kämpft sie – noch in der Mediathek – nun darum, dass auch Kinder den Klischeefallen ihres Geschlechts entkommen. Ein Gespräch über reaktionäre Weltbilder, die frühere Macht des Fernsehens und welche Serien-Figur ihr Vorbild war.

Von Jan Freitag

Frau Ulmen-Fernandes, in der Neo-Reportage No More Boys and Girls machen Sie einen Streifzug durch die Geschlechterwelten unserer Kinder. Wie rosa ist das Leben Ihrer sechsjährigen Tochter?

Collien Ulmen-Fernandes: Für die Antwort würde ich gern etwas weiter ausholen. Es geht weder mir noch der Sendung darum, Kinderzimmer umzugestalten. Mädchen dürfen rosa tragen, genauso wie Jungs mit Autos spielen dürfen. Wir wollen ja nicht den Zeigefinger heben, sondern Horizonte erweitern. Es geht darum, Kindern jenseits tradierter Rollenbilder die Vielfalt der Welt zu zeigen.

Umso schockierender muss es da doch gewesen sein, welch reaktionäre Weltbilder die Kinder der Klasse hatten, die Sie besucht haben?

Absolut. Dass Frauen Flugzeuge fliegen und Männer Floristen sein können, war unvorstellbar. Aber wir dürfen uns als Eltern keine Illusionen über unseren Einfluss machen. Weit wichtiger ist der der Medien, des Fernsehens vor allem, ihrer Freunde und Vorbilder.

Also – wie rosa ist das Zimmer ihrer Tochter?

Sehr! (lacht). Meine Tochter ist zum Beispiel sehr mutig und wild, findet aber, dass Mädchen beim Sprung ins Schwimmbad kreischen müssen und große Autos oder HipHop für Jungs sind. Das hat sie von den Stereotypen ihrer Filme und Bücher. Deshalb appelliere ich mit meinem Buch dafür, im Bücherregal für Diversifikation zu sorgen, um Kinder selbst entscheiden zu lassen, wie sie sein wollen. Rollenbilder sind ein riesiges Puzzlespiel, sie setzen sich aus vielen Teilen und Einflüssen zusammen. Wir Eltern sind nur ein Teil des Puzzles.

Das klingt ganz schön fatalistisch.

Eher realistisch. Die Peer-Group ist halt schon früh wichtiger als Eltern. Ich hab meiner Tochter eine Werkbank geschenkt, aber als sie merkte, dass ihre Freundinnen das blöd fanden, meinte sie, Mama, das ist nichts für mich. Andererseits erleben wir in der Sendung auch, dass Eltern vierjähriger Jungs, die sich T-Shirts aussuchen sollen und welche mit Blumen nehmen, sagen, leg‘ das weg, das ist für Mädchen.

Angesichts der Fortschritte in der Gleichberechtigung ist das doch zum Haareraufen!

Das mag vielleicht für die rechtliche Situation gelten, aber gesellschaftlich sind wir doch nicht wesentlich weiter als in diesem Backmischungswerbespot der 50er, wo es heißt, die Frau habe zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen und was kochen? Faktisch schmeißen 80 Prozent allein den Haushalt. Wenn die Kinder in unserem Film zu 100 Prozent ankreuzen, Putzen sei Frauen- und Geldverdienen Männersache, ist das also nicht reaktionär, sondern deren Realität.

Was hätte Ihre Tochter denn angekreuzt?

Interessanterweise hat sie ihren Vater schon vor der Doku mal gefragt, warum eigentlich immer Mama kocht und den Tisch deckt – kannst du das etwa nicht? Ich finde cool, dass sie sich ohne unser Zutun damit auseinandergesetzt hat.

Können Fernsehsendungen wir diese dafür sorgen, dass das mehr Kinder tun?

Ich glaube schon. Weil die Politik in Fragen nach der gleichberechtigten Aufgabenteilung im Haushalt nicht eingreifen kann und sollte, müssen wir anders in die Köpfe der Menschen. Die Kinder selbst sind häufig ja viel offener für Veränderungen als ihre Eltern. Ich selbst habe es in meiner Kindheit erlebt, dass man mir vor allem technische Fähigkeiten nicht zugetraut hat, also versucht man gar nicht erst, gewisse Dinge zu verstehen.

Wurden Sie klassisch als Mädchen erzogen?

Es gab in dem Spielzeugladen, wo meine Eltern eingekauft haben, keine verschiedenen Abteilungen für Jungs und Mädchen wie heute. Deshalb hatte ich neben Puppen auch Roboter und Dinosaurier. Andererseits war mein Vater gut in handwerklichen Dingen, hat mir aber nie gezeigt, wie das geht. Als ich dann aber meinen ersten Freund mit nachhause brachte, kriegte der sofort einen Werkzeugkoffer in die Hand gedrückt. Das ist mir jedoch erst viel später aufgefallen.

Wann genau?

Als Christian mit zu mir nachhause kam und sofort einen Werkzeugkoffer von meinem Vater kriegte. Und das, obwohl er sich dafür überhaupt nicht interessiert (lacht). Also hab ich angefangen, damit Möbel zu bauen.

Würden Sie sich da als emanzipiert oder gar feministisch bezeichnen?

Weil ich die exakte Definition dafür nicht kenne, lieber nicht.

Emanzipiert ist schon, wer das eigene Handeln verändert, feministisch hingegen, wer auch gesellschaftlich für Gleichberechtigung sorgen will.

Aha. Trotzdem möchte ich mich lieber nicht so bezeichnen. Die Debatten zu der Frage sind mir zu aufgeheizt.

Welches Role Model bieten Sie der Gesellschaft da an – gerade wenn man sich den Anfang Ihrer Karriere vor Augen hält, wo das Fernsehen sie stark auf Ihre Oberfläche reduzieren wollte?

Typisch für den Umgang mit Frauen oder? Andererseits habe ich schon sehr früh damit begonnen, mich gegen schlechte Moderationstexte zu wehren und meine eigenen zu schreiben.

Bucht ein Sender wie Neo dennoch eher die „Sexiest Woman in the World“ des FHM-Magazins 2010 oder doch die Familienkolumnistin der Süddeutsche Zeitung.

Also nach dem, was ich weiß, waren die Redakteure Fans der Kolumne. Trotzdem finde ich, dass Frauen ihre Weiblichkeit sehr wohl zeigen dürfen, ohne dass ihnen gleich jegliche Intelligenz abgesprochen wird.

Dafür gibt es diesen schönen neuen Begriff des Femizissmus.

Und was ist das?

Eine Mischung aus Feminismus und Narzissmus, die Eitelkeit und Geschlechterkampf nicht gegenseitig ausschließt.

Klingt interessant.

Was wollten Sie denn eigentlich mit sechs Jahren werden?

In dem Alter ist die Vorstellung von Beruf noch diffus, aber ich war stark durch die Fernsehserie „Anna“ beeinflusst.

Ende der Achtziger mit Silvia Seidel als Ballerina.

Genau. Das wollte ich damals auch werden. Ich habe später tatsächlich eine Berufsausbildung zur klassischen Tänzerin gemacht und bin dafür schon sehr früh von zuhause ausgezogen.

Was Fernsehen doch mal für einen Einfluss hatte…

Wahnsinn oder?

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