Ex:Re, Farai, Daniel Romano

Ex: Re

Gescheiterte Beziehungen zu verarbeiten sind oftmals Akte tiefster Zerrüttung. Und während die einen dabei all den Schmerz in sich vergraben, kehren ihn andere radikal nach außen. Elena Tonra ist vom ersten zum Stadium gelangt und hat sich sogar entsprechend umbenannt. Ex:Re heißt das Soloprojekt der singenden Gitarristin des englischen Indiefolk-Trios Daughter. Und als singende Gitarristin arbeitet sie das Scheitern ihrer letzten Liebe nicht nur musikalisch auf, sie verarbeitet es zu einer Ode an den hoffnungsvollen Schmerz. Es ist ein Manifest der reflexiven Konfrontation, schonungslos offen, kompromisslos prosaisch, dennoch oft poetisch.

Mehr aber noch ist es ein musikalisches Werk von unvergleichlicher Emotionalität, dessen Stil an den femizistischen Songwriterpop der frühen Neunziger erinnert. Heather Nova, Alanis Morisette, K’s Choice, Sarah McLaughlin. die mit hingebungsvollem Selbstbewusstsein ihre Schwächen besungen haben und damit erst recht Stärke gezeigt. Auch Elena Tonras Stücke sind von dieser selbstentblößenden Wucht, mit der selbst große Krisen kreativ gemeistert werden. Gesanglich fragil, instrumentell aufmüpfig, geschmeidige Harmonien, durchsetzt von sägenden Samples, dass es in den Ohren schmerzt. Das perfekte Album für die missrate Weihnacht.

Ex:Re – Ex:Re (beggars)

Farai

Zum Auftakt eines Debütalbums gleich mal die Queen dissen, über Drogen, Elend, Armut in der Nähe von Lizzys Buckingham Palast pesten und düstere Drones drunter mixen, das ist ja schon mal ein Statement, wenn man in London lebt. Trotzdem ist die Musikerin mit Namen Farai meilenweit davon entfernt, nur mal einen möglichst provokanten Einstieg in den Nachfolger ihrer hochgelobten EP zu wählen. Um Aufmerksamkeit zu kriegen, Likes womöglich, wohlfeile PR im systemkritischen Underground. Rebirth will schließlich niemanden umwerben. Allein schon, weil Rebirth wirklich von Herzen wehtun will.

Geboren in Zimbabwe, aber schon lange auf der Insel zuhause, drischt die ausdrucksstarke Sängerin eine Art von PolitHop unter die technoiden Flächen ihres Produzenten TONE, dass man schon genau nach Harmonie und Gefälligkeit suchen muss. Dennoch wollen ihre Hymnen an die Heldinnen ihrer feministischen Biografie, die Klagen über Ungerechtigkeit und Armut, die indiegitarrebegleiteten Liebeshasslieder aus dem Abgrund ihrer Wut nicht nur verstören. Sie wollen wachmachen und machen das grandios. Eine furioses Erstlingswerk von der Straße für den Club, drittes Untergeschoss, keine Luftzufuhr, Schweiß von der Decke. Großartig.

Farai – Rebirth (Ninjatune)

Hype der Woche

Daniel Romano

Und wenn man schon ins Obergeschoss will, Saloon-Atmosphäre, viel Licht, höchstens Achselschweiß – dann doch bitte mit einem Sound, wie ihn Daniel Romano in höchster Frequenz produziert. Das achte Album des Kanadiers in acht Jahren macht zum wiederholten Male einen Alternative-Country, der oberflächlich schmeichelt, aber tief darunter gehörig kratzt. Sein ausgesprochen merkwürdiger Gesang in einer Tonhöhe, die der Mittdreißiger eigentlich nicht beherrscht, ist von so entzückender Brüchigkeit, dass man mit ihm danach sofort in die Prärie reiten und am Lagerfeuer weitermachen will. Trotz seiner absurden Cowboy-Outfits ist Finally Free (New West Records) am Ende aber doch eher was für die Kiezbar auf St. Pauli mit schlechtem Bier, aber exzellentem Rausch.

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