ZDF-Weihnachtsmehrteiler: Timm & Anna

Patricks Werk und Josefs Beitrag

Ein kurzes, lange Jahrzehnt waren die Weihnachtsmehrteiler im Zweiten fester Bestandteil der Festtage vor Silvester. Ein halbes Menschenleben nach Timm Thaler, dessen Remake an den Feiertagen im ZDF lief, passt das Format schon längst nicht mehr zu den Sehgewohnheiten der Generation Internet. Doch warum nur? Eine Spurensuche. 

Von Jan Freitag

Man muss sich Patrick Bach als glücklichen Mann vorstellen. 25 Jahre nach seiner allergrößten Rolle, sitzt er in einem Luxushotel am Rande seiner Heimatstadt Hamburg und blickt mit fideler Gelassenheit auf das zurück, was gleichsam Bonus und Ballast jeder Schauspielkarriere sein kann: den Weihnachtsmehrteiler im ZDF, ein bundesrepublikanisches Lagerfeuer von maximaler Behaglichkeit. Die Frohnatur mit der markanten Zahnlücke hat es zwar nicht entzündet; doch als der kleine Patrick 1981 den Zirkusjungen Silas spielte und im Jahr darauf die Vollwaise Jack Holborn, befand sich das Leitmedium auf dem Höhepunkt gesellschaftlicher Bindungskraft.

Und nun also, es ist die Zeit des Sommermärchens, erzählt der Familienvater von seinem Durchbruch und was danach noch kam. Obwohl das meiste davon eher leichte Kost war, er selbst sagt offenherzig „sogar seicht“, obwohl seine Anschlusskarriere eher „Traumschiffe“ als „Tatorte“ aufweist, obwohl es beruflich gesehen bis heute leicht, aber stetig bergab geht, analysiert der große Bach ein Lebenswerk in fast meditativer Seelenruhe. Warum auch nicht? Der Familienvater zeigt sein junges altes Silas-Lächeln: „Ich hab ja kein Problem damit, ein Kinderstar gewesen zu sein.“

Gewesen, grammatikalisch Perfekt, irgendwie von gestern: Patrick Bachs Erinnerung an eine Institution des Kinderprogramms sagt viel aus übers Leitmedium früherer Tage. Denn wenn das ZDF am Mittwoch zur besten Lagerfeuerzeit ein Remake der ersten Weihnachtsserie zeigt, fährt nicht nur Fortysomethings Nostalgie ins Gemüt. 1979 – Telefone hatten noch Wählscheiben und Bundeskanzler Schmidts Schnauze – verkaufte der herzliche Timm Thaler dem herzlosen Baron Lefeut nach James Krüss‘ Jugendroman sein ansteckendes Lachen. Dafür gewann er vom 25. Dezember bis Ferienende täglich im ZDF jede Wette, bis ihm nach zwölf Folgen Kampf ums alte Glück am 5. Januar der Gedanke kam, ums alte Gelächter zu wetten. Kluger Junge.

So ähnlich endet auch Andreas Dresens Neuverfilmung. Bis dahin jedoch ist alles ein wenig anders als im Original der öffentlich-rechtlichen Monopolphase. Bunter, schriller, ulkiger, eben zeitgemäßer. Tims Gegner ist kein beigegrauer Horst Frank, sondern der karnevalistische Justus von Dohnányi, es gibt von Król und Uhl bis Hübner und Haberlandt ein Dutzend Superstars, dazu sprechende Ratten und reichlich Brimborium, also wenig, was Timm 37 Jahre zuvor ausgemacht hat: eine ruhige, ja träge Ereignislosigkeit, mit der man heute kein Kind mehr hinter der Spielkonsole hervorlockt.

Und so ging es weiter. Reihe für Reihe, Jahr für Jahr. In der anschließenden Lindgren-Adaption, die zehn Teile von wenig mehr als der kleinen Schwedin Madita (Jonna Liljendahl) beim Spielen handelt, bis Else Urys Nesthäkchen, das die Geschichte des bürgerlich-preußischen Fin de Siècle 1983 sechs Episoden lang in Weichzeichner tauchen durfte. Zwischendurch sorgten Patrick Bachs nostalgische Zeitreisen zwar bei (wilden) Jungs wie (verliebten) Mädchen für Hormon-Schübe.

Wer sich die Serien allerdings periodisch bei ZDFneo oder ständig auf YouTube ansieht, muss zugeben: Für superRTL-, gar internetgeschulte Sehgewohnheiten der Zielgruppe unter 16 wirken Inhalt, Tempo, Tonfall, Ausstattung eher sedierend als unterhaltsam. Und weil sich mit dem Anspruchsdenken das Freizeitverhalten gewandelt hat, passt die lineare Programmierung auch strukturell nicht mehr zur digital eingeborenen Generation Y bis Z. Jeden Tag zur selben Zeit vorm Fernseher sitzen, der womöglich nicht mal smart ist – what the…?!

Dass Weihnachtsmehrteiler so anachronistisch sind, ist aber trotzdem kein Phänomen des neuen Jahrtausends. Von 17 Ausgaben haben es schließlich nur einige der ersten Hälfte ins kollektive Gedächtnis geschafft – allen voran der sanft beschleunigte Biotechagententhriller Patrik Pacard. Dessen Darsteller Hendrik Martz war 1984 allerdings schon ausgewachsene 16 Jahre alt. Auch deshalb konnte der blonde Hamburger von den Wicherts von nebenan über den Woyzeck an der Berliner Vaganten Bühne bis hin zum Dozenten diverser Schauspielschulen eine respektable Anschlusskarriere hinlegen.

Davon konnten seine Nachfolger allenfalls träumen. Der Violinist Josef Gröbmayr (Oliver Maas) blieb ebenso wie der Italiener Guido Cella (Mino) ein One-Hit-Wonder des Massenfernsehens – von Alexandra Henkel, Leandro Blanco, Coco Winkelmann oder Norman Nitzel ganz zu schweigen, dessen Abschlussreihe namens Frankie 1995 bereits weit unter der Wahrnehmungsschwelle des Feuilletons lief. Nur eine Titelheldin brachte es wirklich noch zu nachhaltiger Berühmtheit: Silvia Seidel.

Ihre Nachwuchsballerina Anna erreichte 1987 – mit Patrick Bach als gehbehinderter Kumpel Rainer – geradezu Kultstatus. Ihretwegen, meint der Shootingstar Alicia von Rittberg (Charité), „wollte ich Balletttänzerin werden“. Ihretwegen gab es aber auch Homestorys in der Bravo, Märchenstunden in der Regenbogen-Presse und ein erfolgreiches Kino-Spinoff. Was es nicht gab: nachhaltigen Erfolg. Denn wie so viele ihrer Ahnen im Pantheon der Weihnachtsserien, endete auch die Münchnerin im Flachwasser von Seifenopern, Boulevardtheater und Panelshows.

Silvia Seidels Suizid mit gerade mal 42 Jahren mag privatere Gründe haben; dass nach ihrer Paraderolle auch der ZDF-Mehrteiler zum Christfest verging, fügt sich auf tragische Art ins Bild eines Formats, das in der Vergangenheit stecken geblieben ist. Patrick Bach war übrigens zuletzt bei Cobra 11 im Einsatz. Könnte schlimmer kommen. Besser aber auch.



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