Unsichtbare Kanthölzer & True Detectives

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Januar

Wer aufmerksam Medien hört, schaut, liest, lerntgerade einiges über die Welt da draußen – Begriffe ebenso wie ihre Anwendungsmöglichkeiten. Dass die illegale Verbreitung digitaler Daten zum Beispiel Doxing heißt, dank dessen sich der Grünen-Chef Robert Habeck wortreich von Twitter und Facebook verabschiedet hat, was er drolligerweise über Facebook und Twitter verbreitet. Oder dass Abend für Abend ARD-Brennpunkte aus dem Schneechaos der Alpen kein Widerspruch sein müssen. Und nicht zuletzt, dass Kanthölzer auf glaubhaften Videos zuweilen unsichtbar sind, sofern linke Gewalttäter damit rechte Politiker verprügeln.

Außerdem lernen wir, dass Blattgold nur ein paar Euro pro Bogen kostet, weshalb der Fußballkrösus Franck Ribery für sein Monatsgehalt locker eine Million Stück rohen Fleischesdamit verzieren könnte oder wahlweise ein paar Tausend tranchierte „Pseudo-Journalisten“, denen der Bayern-Profi nach seinem Protzskandal im Wüstensand vorwarf, „immer wieder für meine Handlungen kritisiert“ zu werden. Frechheit aber auch! Fast so eine dreiste wie jene, sich als Claas Relotius auszugeben und deutschen Medienanstalten falsche Interviews mit dem Totengräber der publizistischen Glaubwürdigkeit anzubieten.

Da spricht es dann übrigens unbedingt für die Redaktionen von NDR bis Radioeins, dass sie dem Fake-Betrüger mit falschem Mail-Account nicht auf den Leim gegangen sind – so verlockend der Scoop nach dem Scoop auch gewesen wäre.Umso mehr stellt sich die Frage: Wann wird der Fall bloß endlich verfilmt – wahlweise sachlich mit Heino Ferch als Juan Moreno oder satirisch mit Francis Fulton Smith als Spiegel-Hochhaus am Hamburger Hafen? Das Treatment könnte Harald Schmidt liefern, dessen Medien-Schwank Labaule und Erben gerade donnerstags im SWR läuft und zeigt, dass gute Ideen nicht automatisch gutes Fernsehen hervorbringen.

Dass andererseits selbst abgeschmackte Ideen ausgewiesener Schnulzensender durchaus unterhaltsam geraten können, beweist seit vorigem Montag die Sat1-Serie Der Bulle und das Biest, wo ein arschcooler Cop (Jens Atzorn) mit knuddeligem Hund (Bullmastiff Rocky) auf Kommissar Rex‘ Spuren ermittelt und das erstaunlicherweise garnicht mal peinlich. Aber für Peinlichkeiten ist dieser Tage ja auch das Dschungelcamp zuständig, dem am Freitag bemerkenswerte sechs von zwölf Insassen aus dem eigenen Saft gescheiterter Casting-Karrieren zugeflossen sind – zynisch ergänzt um die vollumfänglich ruinierte Pornodarstellerin Sibylle Rauch, einen Ex-Schlagerbarden namens Orloff und Alfs Synchronstimme mit Mensch.

Die Frischwoche

14. – 20. Januar

Die 17-tägige Fleischbeschau gescheiterter oder noch scheiternder Existenzen dürfte trotzdem auch in 13. Staffel unterhaltsam werden. Im dritten Anlauf gilt das ab heute auf Sky mit einem Vielfachen an Niveau und Stil ebenfalls für die HBO-Serie True Detective. Nach einem Zwischentief der zweiten Staffel kehrt Showrunner Nic Pizzolatto in die Südstaaten zurück. Und obwohl es Oscar-Preisträger Mahershala Ali und sein Action-Kollege Stephen Dorff dabei als erstaunlich ununterschiedliche Cops mit einem dieser heillos überdrehten Ritualmorde zu tun kriegen, ist die Täterjagd im wütenden Mob der Trump-Wählerschaft von unvergleichlicher Intensität.

Ein Attribut, das hierzulande meist nur dann erlaubt ist, wenn sich das Fernsehen wie so oft dem größten aller denkbaren Verbrechen widmet. Der ARD-Mittwochsfilm reist daher mal wieder zurück in die letzten Kriegstage und begleitet unterm denkbar dusseligen Titel Die Unsichtbaren – Wir wollen leben vier untergetauchte Juden (u.a. Alice Dwyer, Ruby O. Fee) beim Versuch, den Nazi-Terror zu im Berliner Untergrund zu überstehen. Wem das ein paar Spuren zu wahrhaftig ist, kann sich ja mit der Scheinwirklichkeit der Scripted Reality auf Vox sedieren, wo 6 Mütter ab Montag zum dritten Mal simuliert, es gehe um echte Sorgen (Kinder!) echter Menschen (Promis!).

So richtige Fake-Realität bietet allerdings erst der Freitagabend, wenn der junge Retortenclub Hoffenheim den tyrannischen Fußballreichsverweser Bayern zum Rückrundenauftakt der Bundesliga live im ZDF zu Gast hat und uns für 90 Minuten sportliche Chancengleichheit vorgaukelt. Betäubt von so viel Publikumsbetrug, kehren wir zurück in die Wahrhaftigkeit der Fiktion und empfehlen als erste Wiederholung der Woche die letzten zwei Teile der dramaturgisch mäßigen, soziokulturell weltbewegenden US-Serie Holocaust (Montag und Dienstag, jeweils 22.10 Uhr, WDR). Nach der Erstausstrahlung 1979 konnte das Tätervolk schließlich endgültig nicht mehr leugnen, von (fast) allem gewusst zu haben. Obwohl: noch immer zögen es viele vor, in einer Matrix zu leben, die Kabel 1 am selben Tag ab 20.15 Uhr wiederholt, statt der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Das versucht 24 Stunden später dafür der BR, wenn es seinen Tatort: Totentanz wiederholt, bei dem Leitmayr/Batic 2002 im damals noch diffusen Umfeld der Partydrogen ermitteln.

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