Nicholas Ofczarek: Berserker & Hausmann

Kein Absturz nach Feierabend…

… sorry. In der sensationell abgründigen Sky-Serie Der Pass spielt Nicholas Ofczarek (Foto: Sky) derzeit wie so oft einen Berserker mit Grandezza und Drogenproblem. Dabei ist der Wiener Burgschauspieler privat das Gegenteil seiner exaltierten Filmfiguren. Ein Gespräch übers deutsch-österreichische Pendent der skandinavischen Serie Die Brücke, was sein zerrütteter Kommissar Winter mit ihm zu tun hat und wie eine Jugend im Umfeld der Oper prägt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Ofczarek, Kritiker neigen ebenso wie Journalisten dazu, Künstler nach ihrem Werk zu beurteilen.

Nicholas Ofczarek: Na nach was denn sonst, wenn man die Privatperson nicht kennt?!

Holt sich die Privatperson Ofczarek nach der Arbeit also auch erstmals Wodka aus dem Eisfach und lässt sich danach in einer verrauchten Kneipe am Tresen volllaufen?

Was glauben Sie?

Ich könnte es mir bei keinem Schauspieler eher vorstellen, dass sich seine Persönlichkeit so mit den Rollen deckt…

Toll! Denn ich führe ein ganz bürgerliches Leben, arbeite wahnsinnig viel, bin gerne daheim, also überhaupt kein großer Feierer und brauche daher auch nicht dauernd Menschen um mich herum. Nicht weil ich keine mögen würde, aber mir wird vieles schnell zu viel. Also kein Absturz nach Feierabend, sorry.

Wo holen Sie dann die Exzesse ihrer Braunschlag-Fieslinge und Bösen Friedrichs her?

Imagination und Handwerk. Man muss das Spielerische nicht leben, um es aus sich selbst zu schöpfen. Dafür reicht es, offen in die Welt zu schauen. Davon abgesehen, weiß ich natürlich, wie es ist, besoffen zu sein, hab aber nie Drogen genommen; nicht aus moralischer Überzeugung, sondern weil es dazu nie kam. Ich bin ein empathischer Mensch, der versucht, mit all seinen Mitmenschen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Umso interessanter ist es, einen narzisstischen Psychopathen wie den Friedrich im Tatort zu spielen oder jetzt den bitteren Gedeon Winter in Der Pass.

Suchen Schauspieler gezielt nach Seiten des Menschlichen, die ihnen fremd sind sind?

Durchaus. Und falls die Charaktere gut geschrieben sind, substituieren sie diese anderen Seiten manchmal sogar. Drehbücher sind ja auch nur materialisierte, in Sprache gebündelte Gedanken des Autors, die wir als Schauspieler im Idealfall zum Blühen bringen – sei’s am Theater oder im Film. Trotzdem sind es beinahe verschiedene Berufe, denn im Film darf man keinesfalls für die Leute spielen, die gerade mit im Raum sind, im Theater für niemanden sonst.

Ihre Eltern kommen gewissermaßen aus der Steigerung des Theaters – der Oper. Haben Sie ihre exaltierte Art zu spielen womöglich daher?

Genau genommen kamen die sogar von der leichten Operette – Lustige Witwe und Wiener Blut. Das ist nochmals eine völlig andere Welt, in der es fast nur schön ist. In diesem Umfeld aufzuwachsen, hatte seinen Reiz und mich sicher beeinflusst, aber wenn deine Eltern morgens um zwei in der Küche verzweifelt nach Tönen suchen, kannst du das nie ganz ernst nehmen. Außerdem bin ich nicht sonderlich musikalisch.

Dafür singen Sie in Der Pass aber ganz passabel…

Ja, in der Kneipe.

Und Sie haben auch schon mal eine Platte aufgenommen.

Na ja, schon, aber nein… Als ich mal den Kinofilm Am Ende des Tages gedreht habe, wollte der Regisseur als Titelmusik einen österreichischen Hit der Achtzigerjahre, Wunderwelt, und den haben wir Schauspieler noch mal aufgenommen. Das war eher Promotion als Überzeugung. Einmal hab ich an der Wiener Volksoper im Weißen Rössl mitgewirkt, aber mehr als die Lust an der Darstellung, wenngleich realerer Figuren, habe ich von meinen Eltern nicht mitgekriegt.

Gibt es in der österreichischen Polizei demnach zynische Eigenbrötler wie Gedeon Winter in Der Pass oder ist er eine Abstraktion?

Er ist zwar eine Fiktion, aber eigentlich gibt es doch eh alles, und falls es ihn vorher nicht gab, existiert er eben ab jetzt und wird somit Realität. Ich habe halt immer Lust darauf, Dinge ein wenig anzuschärfen. Daher die Gegenfrage: Ist es wichtig, dass es ihn gibt?

Ja, denn die Frage stellt sich besonders dann, wenn das Umfeld dieses fiktiven Charakters so realistisch inszeniert wird wie in Der Pass.

Der Reiz der Serie liegt doch generell in der Mischung aus Märchen und Wahrhaftigkeit. Alles darin ist möglich, selbst die mystische Darstellung der Natur, ihre Unerbittlichkeit voller Wölfe und Raben. Was am Winter allerdings definitiv real ist, sind seine engen Kontakte ins Rotlicht-Milieu. Das werden Sie aus Hamburg gewiss ebenso kennen wie wir in Wien.

Und sei es, um durch kleine Deals die großen Exzesse zu vermeiden.

Ganz genau. Man liebt sich, man schlägt sich. Genauso wie Ärzte im Krankenhaus haben halt auch Polizisten schwerste Probleme mit Drogen, weil beide dazu Zugang und permanent mit dem Grauen zu tun haben. Winters Exzesse sind daher absolut denkbar. Dass er sich entsprechend kleidet, mag zu exaltiert wirken, aber Entschuldigung: Sie sehen mit diesem Truckerbart auch nicht aus wie ein Journalist; wenn ich Sie mit dem Outfit spielen würde, man würde mir dieselben Fragen stellen wie Sie mir. Aber genau das macht die Sache ja spannend.

Zumal im Kontrast zu Julias Jentsch als Winters ehrgeiziger Kollegin.

Die bei aller Naivität noch wirklich was bewirken will. Dass beide sich im Verlaufe des Falls mit- und aneinander verändern, unterscheidet ihn am Ende von gewöhnlicher Fernsehunterhaltung.

Und erinnert ein wenig an die Piefke-Saga der Achtziger, in der sich die Protagonisten ähnlich skurril an deutsch-österreichischen Klischees abarbeiten.

Das stimmt, aber es steht und stand nicht im Vordergrund, dass der Wiener eher lässig ist und die Deutsche eher sittenstreng. Es geht eher um das Gegenüber von Visionen und Desillusionierung. Meine Figur entsprechend zu kleiden, in diesem alten Puff-Mantel mit Pelzbesatz – das war Gegenstand großer Diskussionen.

Die Sie mitführen?

Es war der Vorschlag des Wiener Kostümbildners, der der Regie too much war, worauf ich gesagt habe, wenn ihr mich fragt, ich finde, das Risiko muss man gehen. Lieber was wagen als den nächsten Parka anziehen.

Kannten Sie das Drehbuch eigentlich vor der Rolle?

Lustigerweise bekam ich vorm Buch ein Treatment mit Fotos, auf denen ich bereits in meiner Rolle zu sehen war. Die dachten wohl früh an mich. Und als ich dann gehört habe, dass Julia Jentsch mitspielt, war ich außer mir vor Freude.

Haben Sie dennoch einen Moment lang gedacht, solche leicht abgerockten Typen schon zu oft gespielt zu haben?

Barbesitzer, Schwerstalkoholiker, Rotlichttypen meinen Sie? Nicht, dass ich die dauernd spielen würde, aber das sind doch – zumal sie so weit von mir weg sind – die interessanteren Figuren. Menschen am Rand spiele ich schon gerne.

Aber ist es nicht noch interessanter, aus einer Beamtenseele Unterhaltung zu holen?

Nein, denn auch der exaltierten Figur muss man eine Seele geben, die nicht nur auf Exaltiertheit beruht. Beamtenseelen gegen den Strich, also mit mir, zu besetzen, sind gewiss größere Wagnisse und wie der klassische Held sehe ich nun mal nicht aus. Aber auch das wird noch passieren, keine Sorge.

Für den Helden fehlt Ihnen womöglich der Waschbrettbauch.

Aber wer bitte schön hat den denn? Waschbrettbäuche sind harte Arbeit. Dafür brauchst du Zeit und Disziplin. Für beides bin ich zu sehr Genussmensch.

Kennen Sie vor der Kamera so etwas wie Schamgefühl?

Na klar, auch ich bin nicht frei von Scham. Und das wurde mir hier wieder bewusst, als ich in der Kneipe lauthals Wolfgang Ambros singen musste. Aber wenn’s der Geschichte dient, also einen Mehrwert hat, moch i ois.

Der Text ist vorab auf DWDL erschienen
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