Fernsehpreise & Hebammern

Die Gebrauchtwoche

28. Januar – 3. Februar

Wenn der Deutsche Fernsehpreis nicht im Fernsehen läuft, mangelt es ihm entweder an Relevanz oder Unterhaltsamkeit. Als die zweitwichtigste Branchen-Trophäe nach den Grimme-Awards Donnerstag in Düsseldorf zeitversetzt als Aufzeichnung beim Nischensender ONE verliehen wurde, war von Beginn an klar: es mangelt ihm an beidem! Nicht allein, dass mit dem Amazon-Ableger von Petersens Boot hochglänzender Durchschnitt die Höchstzahl an Nominierungen aufwies; nicht allein, dass die allenfalls nette Emanzipationsklamotte „Aufbruch in die Freiheit“ zum besten Film gekürt wurde; nicht allein, dass Bares für Rares oder Let’s Dance als preiswürdiges Entertainment gelten; nein, die Präsentation war trotz – und langsam auch ein bisschen wegen – Barbara Schöneberger von so routinierter Leidenschaftslosigkeit, dass 2020 durchaus der neue Traumschiff-Kapitän Florian Silbereisen unter den Siegern sein könnte.

Davon abgesehen, welch brutaler Schlag ins Gesicht aller prekär beschäftigten Schauspieler*innen im Land es ist, dass ein stinkreicher Quereinsteiger den Arbeitsplatz ausgebildeter Profis erhält, zeigen Fernsehpreis und ZDF-Personalie, woran es im linearen Angebot weiterhin krankt: einer populistisch-biederen Sicht aufs deutsche Entertainment, das die Wucht der Streamingdienste vollumfänglich ignoriert, weshalb ihm der seriöse Glamour Hollywoods vollends abgeht. Man konnte das gut bei den SAG-Awards der amerikanischen Schauspielergewerkschaft beobachten, eine Art Seismograf der anstehenden Oscars. Mit Marvelous Mrs. Maisel, Ozark oder Ecape at Dennamora gewann herausragendes Online-Fernsehen, zu dem sich mit This is Us sogar ein Format des alten Networks NBC gesellen durfte.

Was man dem Sammelpreis der deutschen Platzhirsche ARZDRTSat1 aber zugutehalten muss: bei fünf von zwölf Top-3-Fiktionen war zumindest eine Frau für Buch oder Regie verantwortlich. Das konterkariert auf bizarre Art eine Studie der rührigen MaLisa-Stiftung, die nach der traditionellen Film- und Fernsehbranche nun den vermeintlich moderneren Social Media ein lausiges Gleichstellungszeugnis ausstellt: Deren Influencer sind nämlich mehrheitlich maskulin, während ihre Kolleginnen massiv Geschlechterstereotype verfestigen.

Die Frischwoche

4. – 10. Februar

Das Gegenteil war von einer Show mit der burschikos-femininen Kathrin Bauerfeind zu erwarten. Ab Mittwoch, 21.45 Uhr, moderiert sie auf ONE die Show zur Frau, in der es allerdings nur dem Titel nach emanzipiert zugeht. Von den acht Gästen der ersten drei Folgen etwa sind nur zwei weiblich und dreimal darf man jetzt raten, bei welchem der Auftakthemen Verschwörungstheorien, Küche, Humor? Genau! Trotzdem ist es wie immer erhellend und heiter, Kathrin Bauerfeind beim Menschenkontakt zuzusehen.

Ähnliches gilt ausnahmsweise fürs romantisierende Degeto-Debüt am Freitag im Ersten. Toni, männlich, Hebamme klingt zwar schwer nach Schmonzettenkost in Reihe. Doch Leo Reisinger spielt den Mann in der Frauendomäne mit dezenter Leichtigkeit und sogar ein wenig Tiefgang. Tags drauf räumt die ARD nach zwei DFB-Pokalabenden in der Wochenmitte für den Fernsehtrendsport Biathlon sogar vier Stunden lang die Wochenendprimetime, weil der Weltcup nun mal im fernen Canada stattfindet. Wer Skifahrern nicht gern beim Schießen zusieht, sollte daher parallel zu Arte wechseln, wo Sebastian Schippers Arthaus-Roadmovie Victoria mit der unscheinbar grandiosen Laia Costa als Titelfigur läuft, die mit dem Kleingauner Sonne (Frederick Lau) vom Ausbruchstraum ins Verderben rast.

Das droht der Zivilisation neben einer ganzen Batterie vergleichbarer Untergangszenarien auch durch Die große Zuckerlüge. In der neunzigminütigen Doku entlarvt Arte Mittwoch zur besten Sendezeit die Lebensmittelindustrie des vorsätzlichen, in seiner amoralischen Profitsucht geradezu verbrecherischen Betrugs am Kunden, der gezielt in Unkenntnis über die Gefahren des süßen Gifts in fast jedem Supermarktprodukt gehalten wird. Bei so viel Menschenverachtung der Nestlés oder Krafts, Müllers und Danones hilft nur Ablenkung mit den Wiederholungen der Woche.

Samstag zeigt ONE um 21.45 Volker Schlöndorffs elegante Frisch-Verfilmung Homo Faber von 1990 mit der damals noch blutjungen Julie Delpy als Muse des selbstkontrollierten Gefühlskrüppels Walter F. (Sam Shepard). Mittwoch zuvor (0.20, ARD) ist der damals frisch emeritierte Fußballstar Cantona in Ken Loachs leichter Sozialstudie Looking for Eric (2009) als Sozialarbeiter im Traum eines Losers zu sehen. Schwarzweiß aber zeitlos brilliert Spencer Tracy in Wer den Wind sät (Samstag, 20.15 Uhr, Arte) als Anwalt eines real existierenden Biologielehrers, der sich im berühmten „Affenprozess“ wegen der Evolutionstheorie im Unterricht gegen den Vorwurf der Blasphemie verteidigen muss. Und der Tatort-Tipp: Dienstag um 20.15 Uhr zeigt der BR Felix Eisners frühen Österreich-Einsatz Exitus – 2008 noch ohne Kollegin Bibi Fellner.

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